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  • 29.06.2018
  • von Susanne Donner

Säuglingssterblichkeit in Berlin-Neukölln: „Diskriminierend und nicht belegt“

von Susanne Donner

Spezialisierte Geburtskliniken wie in Neukölln bringen heute viele Frühgeburten durch. Foto: Britta Pedersen/picture alliance/dpa

Sterben in Berlin-Neukölln mehr Säuglinge, weil es dort viele eng verwandte Eltern gibt? Die These legt Gesundheitsstadtrat Liecke nahe. Ein Experte widerspricht.

Herr Larscheid, Gesundheitstadtrat Falko Liecke (CDU) hat öffentlich einen Zusammenhang zwischen der erhöhten Säuglingssterblichkeit in Neukölln und einem vermutet höheren Anteil an Elternschaften eng Verwandter im Bezirk hergestellt (der Tagesspiegel berichtete). Als Leiter des Zentralarchivs der Leichenschauscheine kennen Sie die Zahlen zur Säuglingssterblichkeit, widersprechen Liecke aber. Warum?

In Neukölln gibt es etwa 3200 Geburten pro Jahr. Das bedeutet: Zählen wir in dem Bezirk zwei Gestorbene pro tausend Geborene mehr als im Berliner Durchschnitt, dann ist das nur ein geringer Unterschied. Die Fallzahlen sind insgesamt viel zu gering und daher von begrenzter Aussagekraft. Zweitens kommt hinzu, dass wir in Neukölln ein Geburtszentrum am Vivantes Klinikum Neukölln haben, das überregional auf Frühgeborene spezialisiert ist. Das heißt: In Neukölln registrierte Sterbefälle sind erst einmal Sterbefälle in Neukölln. Sie sagen nichts darüber aus, wo die Mutter dieses Kindes herkommt oder lebt. Das Einzugsgebiet der Klinik reicht weit über Berlin hinaus. Auch Schwangere aus Brandenburg, denen eine Frühgeburt droht, kommen dorthin.

Heißt das, die Daten zur Säuglingssterblichkeit in Neukölln lassen keine Aussagen zur Versorgungssituation in Neukölln und schon gar nicht zu Verwandtenehen zu?

Genau. Herr Liecke hat mich im Vorfeld der Veröffentlichung des Gesundheitsberichts kontaktiert und mir gesagt, die Säuglingssterblichkeit sei in Neukölln höher, weil die kinderärztliche Versorgung schlechter sei als anderswo. Seine Datenquelle kenne ich nicht. Ich hatte ihm aber damals gesagt, dass man mit solchen Aussagen extrem zurückhaltend sein muss, weil sie nicht durch Daten unterlegt sind. Deshalb sind sie abzulehnen.

Und die Verwandtenehen – haben Sie diskutiert, ob diese einen Anteil an der Säuglingssterblichkeit haben?

Ich bin sehr überrascht, dass es jetzt um Verwandtenehen geht. Davon war in unserem ersten Gespräch keine Rede. Dafür gibt es keine Datenbasis. Wir haben keine Informationen, welche Eltern von verstorbenen Kindern miteinander und in welcher Weise verwandt sind. Diese Daten werden routinemäßig von niemandem erfasst, deshalb kann niemand darüber Zahlen nennen. Für den Zusammenhang von Verwandtenehen und Säuglingssterblichkeit in Neukölln gibt es keine Daten.

Wenn man trotz fehlender Daten mutmaßt, Verwandtenehen könnten einen Anteil an der Säuglingssterblichkeit haben, wäre die Frage: Gibt es denn Hinweise, dass Säuglinge an jenen seltenen Erbkrankheiten gestorben sind, die bei Verwandtenehen häufiger auftreten können?

Die Sterbeursachen bei Säuglingen sind sehr breit gefächert. Das größte Risiko ist die Frühgeburtlichkeit. Wir bringen heute Kinder zur Welt, die früher nicht lebensfähig gewesen wären. Andere Gründe sind angeborene Fehlbildungen, die manchmal genetisch bedingt sind. Aber wir wissen nicht, ob das jene Krankheiten sind, die bei Kindern von eng verwandten Eltern gehäuft vorkommen. Mehrlingsschwangerschaften spielen auch eine Rolle und viele weitere Ursachen. Den einen einzigen Faktor gibt es nicht.

Laut Gesundheitsbericht ist die Zahl der Totgeburten bei Migranten höher als üblich. Kann man daraus etwas ableiten?

Wir wissen: Die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen, auch von Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft, ist in verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich. Gebildete, wohlhabende Leute nutzen die Angebote häufiger als arme, weniger gebildete und solche mit Migrationshintergrund. Das kann Auswirkungen auf die Sterblichkeit von Säuglingen haben. Es ist aber nicht klar, welche Schlüsse wir daraus ziehen müssen.

Die schlechte ärztliche Versorgung von Ausländern wird im Gesundheitsbericht (pdf) durchaus angesprochen. Dieses Argument halten Sie also für stichhaltig?

In diesem Punkt hat Herr Liecke völlig recht. Kinderärzte fehlen in Neukölln. Die Verdienstsituation ist schlecht, es gibt dort kaum Privatpatienten.Herr Liecke weist auf diesen Missstand seit Jahren hin.

Was wollen Sie nun tun, um die wahren Ursachen der erhöhten Säuglingssterblichkeit aufzuklären?

Ich bin nicht glücklich über die Verquickung von Verwandtenehe und Säuglingssterblichkeit. Das ist eine überflüssige Diskussion, die von den falschen Leuten begeistert aufgenommen wird. Nach dem Motto: Da sieht man mal wieder, die Ausländer heiraten alle untereinander und dann kriegen sie kranke Kinder. Das ist diskriminierend und sachlich nicht belegbar. Nächste Woche gibt es ein Treffen mit Stadtrat Liecke und Vivantes-Chefarzt Rainer Rossi. Wir wollen die vorhandenen Informationen zusammenzutragen und langfristig wissenschaftlich analysieren, was nun wirklich die Ursache für die leicht erhöhten Zahlen in Neukölln ist. Nur ist es in der Wissenschaft oft so, dass nicht immer das herauskommt, was man anfangs vermutet. Ich hoffe jedenfalls, dass wir gemeinsam Klarheit in diese Angelegenheit und die Diskussion auf eine sachliche Ebene bringen können.

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