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  • 27.06.2018
  • von Sascha Karberg

Glyphosat in der Landwirtschaft: Streit um den Komplett-Ausstieg

von Sascha Karberg

Mit Chemie gegen Unkraut. Viele Landwirte setzen weiterhin auf das umstrittene Pflanzengift Glyphosat. Andere Methoden seien arbeits- und kostenintensiver. Foto: Jean-François Monier/AFP

Der Unkrautvernichter Glyphosat schade Mensch und Tier, sagen Umweltschützer. Agrarexperten sehen das umgekehrt: Ein Verbot habe negative Folgen für die Umwelt.

Gäbe es Wetten auf die Zukunftschancen von Spritzmitteln, der Kurs für das Herbizid Glyphosat stünde schlecht. Auch wenn die Chemikalie von dem für solche Sicherheitsprüfungen zuständigen Bundesinstitut für Risikobewertung nach wie vor als unbedenklich für die Gesundheit von Mensch und Tier eingestuft wird und zumindest für die nächsten fünf Jahre die Zulassung behält – die heftige Kritik von Umweltverbänden und die politischen Weichenstellungen in Deutschland und der EU deuten auf Einschränkungen und mittelfristig sogar ein Verbot des Unkrautvernichtungsmittels hin. Was aber folgt, wenn Landwirte auf das Spritzmittel, das in Deutschland bislang mit etwa 3000 bis 8000 Tonnen pro Jahr am häufigsten eingesetzt wird, verzichten?

Ohne Frage ist es möglich, in der Landwirtschaft auch ohne Glyphosat auszukommen. Viele Landwirte, auch außerhalb des Biolandbaus, setzen das Mittel ohnehin nicht ein. Das Unterpflügen von Unkräutern ist seit jeher die Methode der Wahl, um unerwünschten Bewuchs vor der Aussaat der Kulturpflanze zu beseitigen. Diese (und andere) Bodenbearbeitungen sind allerdings arbeits- und auch aufgrund der benötigten Maschinen kostenintensiver als der vergleichsweise billige Einsatz von Glyphosat. Je nach Betrieb summieren sich die Zusatzaufgaben auf schätzungsweise bis zu 150 Euro pro Hektar – zu Lasten der Bilanz des Landwirts.

Dem Verbraucher, der diese Mehrkosten kaum zu spüren bekommen dürfte, könnte das egal sein. Die Folgen für die Umwelt aber nicht: „Wenn wir auf Glyphosat verzichten müssen, werden die Ackerbauverfahren nicht umweltfreundlicher, im Gegenteil“, sagt Jan Petersen. Der Agronom von der Technischen Hochschule Bingen am Rhein befürchtet etwa durch die stärkere Bodenbearbeitung vermehrte Erosion und Nährstoffeinträge in Fließgewässer. Auch dürften die Treibhausgasemissionen der Maschinen für die zusätzliche Bodenbearbeitung steigen.

Böden ohne Glyphosat müssten stärker bearbeitet werden

Erschwerend komme hinzu, dass im Zuge der klimawandelbedingten Umweltveränderungen hin zu trockeneren Böden weniger Bodenbearbeitung (also eher Herbizideinsatz) ratsam wäre. „Nicht alle Standorte sind erosionsgefährdet“, so Petersen. Aber in wind- oder niederschlagsintensiven Regionen sei Glyphosat hilfreich. Dort wird es eingesetzt, um Unkräuter oder Zwischenbepflanzungen, die den Boden nach der Ernte festhalten, kurz vor der nächsten Aussaat zu entfernen.

Dass Glyphosat womöglich durch ein anderes Herbizid einfach „ersetzt“ werden könnte, hält Petersen für unmöglich. „Es gibt keine Alternative, die das kann, was Glyphosat leistet.“ Mit Glyphosat lassen sich Unkräuter jeglicher Größe kontrollieren, auch ausdauernde. „Das können andere Herbizide nicht.“ Deshalb gibt es keines, das vergleichbar häufig eingesetzt wird.

Die Hoffnung, dass allein der Verzicht auf Glyphosat sich positiv auf die Biodiversität, insbesondere die Insektenarten auswirken könnte, teilt Petersen nicht. Er sieht sogar negative Folgen für die bodenlebende Fauna. „Die Verwendung von Glyphosat hat Regenwürmern eher gutgetan.“ Weil die Landwirte bis zur nächsten Glyphosatbehandlung vor der nächsten Aussaat mehr Bewuchs auf den Feldern zulassen konnten, hatten die für den Boden so wichtigen Tiere ein vielseitiges Nahrungsangebot. Durch Bodenbearbeitung fällt es geringer aus. „Das ist gut nachgewiesen, ein indirekter Glyphosat-Effekt“, sagt Petersen.

Auch die Nitratbelastung des Grundwassers könnte durch den Verzicht auf Glyphosat steigen, befürchtetet der Agronom. Bislang hält der Zwischenbewuchs, der vor der nächsten Aussaat mittels Glyphosat entfernt wird, das Nitrat in der oberen Bodenschicht. Wenn das Mittel nicht mehr eingesetzt wird, dann fehlt aufgrund des regelmäßigen Pflügens der Bewuchs – das Nitrat sickert ins Grundwasser.

Landwirte für die Pflege der Biodiversität gewinnen

Aus agronomischer und ökologischer Sicht sei ein Komplett-Ausstieg aus der Glyphosat-Nutzung falsch, sagt Petersen. Er plädiert jedoch für einen gezielteren Einsatz als bisher, denn der allzu sorglose Einsatz habe in bestimmten Situationen auch negative Auswirkungen: So sei etwa der vereinzelte Gebrauch von Glyphosat kurz vor oder während der Ernte problematisch, weil das zu unnötigen Rückständen im Erntegut führe. Ebenso müsse man Maßnahmen ergreifen, um die gelegentlich nachweisbare Belastung von Oberflächengewässern mit Glyphosat effektiver zu verhindern. Ein Glyphosat-Verzicht allein führe aber nicht zur Verbesserung der Artenvielfalt.

Das sieht auch Horst-Henning Steinmann so: „Glyphosat ist nicht der direkte Verursacher des Insektenschwunds“, sagt der Experte vom Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung an der Georg-August-Universität Göttingen. „Das liegt eher an der Gesamtkonstellation der Landwirtschaft, in der neben dem Einsatz von Spritzmitteln auch die Auswahl der Kulturpflanzen und das eingeschränkte Blütenangebot den Arten zu wenig Spielraum lässt.“ Die bisherigen Bemühungen der Europäischen Union, die Landwirte zu motivieren, mehr Ackerrandstreifen anzulegen oder häufiger verschiedene Kultur- und Blütenpflanzen anzubauen, hätten „wenig gebracht“. Ein Grundproblem sei, dass Landwirte nun mal nicht für die Pflege der Biodiversität bezahlt würden. Selbst wenn die EU ökologisch sinnvolle Programme fördert, konkurrieren diese mit den Erlösen, die sich mit der Ackerfläche am Markt realisieren lassen. „Wenn wir die Landwirte für die Biodiversität gewinnen wollen“, sagt Steinmann, „dann müssen wir das ernsthafter versuchen als bisher.“

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