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  • 24.06.2018
  • von Helena Wittlich

Kampf gegen Erblindung in Äthiopien: Auge um Auge, Dorf um Dorf

von Helena Wittlich

Augenheilrunde. Sofiya Mohammed ist eine „Ophtalmic Nurse“ und jeden Tag in einem anderen Dorf. Sie behandelt die Augenleiden von Kindern und Erwachsenen. Foto: CBM/argum/Thomas Einberger

In Äthiopien versuchen kleine Teams, Millionen Menschen vor Erblindung durch bakterielle Infektionen zu schützen. Es ist ein steiniger Weg.

Es ist eng auf der Rückbank des weißen Pickups. Es ruckelt. Es ist stickig. Während der Wagen über die Feldwege holpert, stoßen bei jedem Schlagloch die Köpfe der neun Insassen an die Decke. Asphaltierte Straßen sind selten in Äthiopien. Zwar hat sich dort die ökonomische und soziale Situation in den vergangenen Jahrzehnten verbessert, doch nach wie vor gehört das Land zu den ärmsten der Welt.

Dorthin, wo die Wege schlecht sind, die Menschen keine Autos, keine Häuser, kaum medizinische Versorgung haben, steuert der Fahrer den Wagen. Die Insassen haben eine Mission – den Kampf gegen die Augenkrankheit Trachom. Sie kommt besonders häufig in den armen Regionen vor, wo es keinen Strom, kaum sauberes Wasser, keine Toiletten gibt.

Die Augenkrankheit gehört zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten

Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Trachoma „Raues Auge“. Verursacht wird die Entzündung durch Chlamydien, winzig kleine Bakterien. In Deutschland sind sie als Erreger einer Geschlechtskrankheit bekannt. Doch sie können eben auch die Augen befallen. Werden die Infektionen nicht behandelt, erblindet der Mensch. Das Trachom gehört zu den häufigsten infektiösen Erblindungsursachen in ärmeren tropischen Ländern – zu den „vernachlässigten Tropenkrankheiten“. Es sind jene international als „Neglected Tropical Diseases“ (NTDs) bekannten – oder eben wenig bekannten – Leiden, die in besonders armen Gegenden mit schwachem Gesundheitssystem besonders häufig auftreten. Insgesamt 18 gibt es offiziell. Um Aufmerksamkeit und Ressourcen konkurrieren sie mit den drei häufigen, oft tödlichen Krankheiten HIV, Tuberkulose und Malaria. Und sind dabei weit im Hintertreffen. Denn Trachom und die anderen enden eher selten tödlich. Sie führen zu chronischen Erkrankungen und Behinderungen.

Rums! Dieses Mal lag ein großer Stein im Weg. Vorne sitzt Sofiya Mohammed, dunkelblaues Kleid, das Kopftuch in der gleichen Farbe. Sie ist still. Schüchtern wirkt der Blick auf ihr Handy. In einer Stunde, wenn die Gruppe am Ziel angekommen sein wird, wird von Zurückhaltung nichts zu spüren sein. Dann wird sie mit kräftiger Stimme Männer und Frauen anweisen, Kindern gut zureden. Und ihnen erklären, wie wichtig es ist, sich richtig die Hände zu waschen. Denn der direkte Kontakt mit Schleimhäuten, zum Beispiel an Nase oder Augen, reicht aus, um die gefährlichen Erreger zu übertragen. Ein schmutziges Tuch, mit dem eine Mutter ihrem Kind über die Augen wischt, um die Fliegen zu verscheuchen, kann ausreichen. Kinder sind von den Infektionen am stärksten betroffen.

Es mangelt an Hygiene, Aufklärung und medizinischer Versorgung

Experten werfen den Regierungen vor, Krankheiten wie Trachom zu vernachlässigen, weil sie nicht tödlich sind. Auch die Bundesregierung hat G7- und G20-Erklärungen unterschrieben, sich verstärkt am Kampf gegen NTDs zu beteiligen. Martin Kollmann, Mitbegründer des Deutschen Netzwerks gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten, geht das nicht weit genug. „Die Bundesregierung hat sich zu oft hinter schwammigen Formulierungen und unverbindlichen Aussagen weggeduckt“, sagt er. Ein am 14. Juni gegründeter parlamentarischer Beirat im Bundestag soll nun helfen, mehr politische Debatten anzustoßen.

Die meisten dieser Krankheiten sind vergleichsweise gut behandelbar. Nur weil es an Hygiene, Aufklärung und medizinischer Versorgung mangelt, können sie sich in bestimmten Regionen ausbreiten. In westlichen Ländern steckt sich kaum jemand mit Trachom an. Das Bakterium kann hier kaum übertragen werden. Menschen waschen sich regelmäßig die Hände und es gibt keine Plumpsklos im Freien, an denen sich Fliegen versammeln. In heißen, trockenen Gegenden landen diese gern an Augen, um mineralienreiche Tränenflüssigkeit zu trinken, wobei sie Erreger übertragen können.

Die Lider vernarben, ziehen die Wimpern nach innen

Gegen eine Infektion helfen Antibiotika. Dort, wo Trachom eine der Hauptursachen für Erblindungen ist, stecken sich Kinder aber oft wiederholt an. Das gilt als besonders problematisch. Dann vernarben die Lider, ziehen die Wimpern nach innen, die dann über die Hornhaut reiben, sie reizen und verletzen. Dann, muss das Lid operiert werden. Sonst verliert der Patient sein Augenlicht.

Genau das wollen Sofiya und ihr Team verhindern. Sie hat sich zur „Ophthalmic Nurse" ausbilden lassen, einer Krankenschwester für Augenleiden. Nur wenige Ärzte gehören zu den Teams. Jeden Tag fahren sie in ein anderes Dorf in den Provinzen. Um aufzuklären. Antibiotika auszugeben. Und wenn nötig, zu operieren.

Sofiya und die anderen gehören zu der gemeinnützigen Organisation Grarbet Tehadiso Mahber (GTM), die in der Stadt Butajira auch ein Krankenhaus betreibt. Auch aus Deutschland bekommen sie Hilfe. Einer der Unterstützer ist die Christoffel-Blindenmission (CBM). Sie fördert auch lokale Projekte, die versuchen, die Situation behinderter Menschen zu verbessern. In vielen Entwicklungsländern sind körperliche Einschränkungen immer noch stigmatisch. Betroffene werden vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Äthiopien braucht eine bessere Gesundheitsinfrastruktur

Im Auto nimmt Sofiya das Mikrophon in die Hand, auf dem Dach des Wagens sind Lautsprecher angebracht. „Kommt alle zur Augenuntersuchung im Elose Gesundheitszentrum! Eure Gesundheit ist wichtig!", ruft sie. Ihr Ehemann Mohammed Musemma ist Augenarzt und arbeitet gemeinsam mit seiner Frau bei GTM. Er kommt aus dem Dorf Elose, wohin sie unterwegs sind. Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat, viele Dörfer haben eigene Dialekte, eigene Sprachen. In den ländlichen Gegenden sprechen nur wenige Amharisch, die offizielle Landessprache. Hier sprechen die meisten nur Silti. Auch deshalb muss Mohammed heute dabei sein.

Äthiopien gilt als Vorzeigeland unter den Entwicklungsländern. Die Regierung verfolgt ehrgeizige Pläne, die zunächst aufzugehen scheinen. Die Wirtschaft wächst seit 2010 um zehn Prozent pro Jahr. In der Hauptstadt Addis Abeba boomt die Industrie. Überall wird gebaut. Sogar eine Straßenbahn gibt es dort seit 2015, die derzeit einzige in den Ländern südlich der Sahara.

Doch die Erfolgsgeschichte hat ihre dunklen Seiten. Die Straßenbahn ist von chinesischen Investoren gebaut, die mit billigen Plastikwaren die Läden fluten. Proteste von Bauern, die ihr Land verlieren, werden niedergeschlagen. Ein Überwachungsstaat kontrolliert die Bevölkerung. Von den Hilfsorganisationen will sich niemand zur politischen Situation äußern, um die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden nicht zu gefährden. Denn auf deren Unterstützung sind sie angewiesen. Äthiopien braucht eine bessere Gesundheitsinfrastruktur, das hat die Regierung verstanden. Sie baut Gesundheitszentren in den ländlichen Regionen. Doch gut ausgestattet sind diese nicht, es mangelt an Fachkräften und Medikamenten.

Fast die Hälfte aller Kinder in Äthiopien ist infiziert

Bis 2020 sollen die Trachomerkrankungen in den meisten Ländern eliminiert werden. So will es die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In Äthiopien allerdings leiden mehr als eine Million Erwachsene unter Trachom im fortgeschrittenen Stadium. Fast die Hälfte aller Kinder ist infiziert.

Der Pickup hat sein Ziel erreicht. Im Elose Gesundheitszentrum haben sich bereits rund 50 Menschen versammelt. Sofiya ist ausgestiegen, hat sich einen weißen Kittel über ihr blaues Kleid gezogen, lädt Antibiotika aus, schickt alle Anwesenden in den Schatten der einzigen Bäume. Es gibt einen klaren Ablauf. Bevor Mohammed und Sofiya Patienten behandeln, müssen sie aufklären. „Verstehen hier alle Amharisch?", fragt Sofiya. Gemurmel. Lieber übersetzt der Ehemann noch einmal. „Wascht eure Hände mit Seife. Lasst die Tiere nicht in der Hütte schlafen. Wischt euren Kindern nicht mit einem Tuch über die Augen", sagt Sofiya und beugt sich zu einer Frau in der ersten Reihe herunter. „Hast du verstanden?“, fragt sie.

Nach der Aufklärung folgt der Sehtest. Eine Tafel mit Zeichen hängt an der Wand. Buchstaben könnte kaum jemand lesen. Danach geht es zur Augenuntersuchung zu Sofiya. In dem kleinen, engen Raum mit dem winzigen Fenster riecht es nach Desinfektionsmitteln. Leyla (13) und Zeytuna (8) sind mit ihren kleinen Schwestern Mektira (4) und Rebiya (2) gekommen, sie tragen sie in Tüchern auf dem Rücken. Und was ist mit Schule? „Wir haben freibekommen, um mit unseren Schwestern zum Arzt zu gehen“, sagt Leyla. Die Eltern sind arbeiten. Rebiya gefällt nicht, wie Sofiya ihr in die Augen leuchtet. Sie sind ganz rot. Das Mädchen fängt an zu weinen. Die große Schwester bekommt das Antibiotikum in die Hand gedrückt. Dreimal täglich muss die Salbe ins Auge aufgetragen werden. Und dann darf Rebiya sich nicht wieder anstecken.

Hygiene? Sauberes Wasser ist oft Tagesmärsche entfernt

Der nächste Patient: ein alter Mann. Seine Lider sind vernarbt. Sofiya schickt ihn ins Nebenzimmer. Dort führt ein anderer Arzt die Augen-OP durch. Unter lokaler Betäubung schneidet er das Lid auf, klappt es wieder um, näht es fest.

Rund 3000 Operationen finanzierte die CBM im vergangenen Jahr in Äthiopien, dazu knapp 700.000 Behandlungen. Es ist ein Anfang. Doch gegen die Ursachen der Infektionen kann die Organisation kaum etwas unternehmen. Viele Menschen gerade in den südlichen Gegenden müssen tagelange Märsche zurücklegen, um an sauberes Wasser zu kommen. Nur etwa die Hälfte der Bewohner hat Zugang zur Gesundheitsversorgung. Auch deshalb fahren die Teams immer weiter aufs Land, um möglichst viele zu erreichen.

Die Schlange vor Sofiyas Untersuchungszimmer wird immer länger. Mohammed begrüßt die Dorfbewohner mit Handschlag. „Viele kommen erst nach dem Markt“, sagt er. Es ist 14 Uhr. Bald ist die Schule aus. Dann kommen auch die Kinder. Sofiya und ihr Mann werden erst wieder in den weißen Pick-Up steigen, wenn alle versorgt sind. Zu Hause warten ihre beiden kleinen Söhne auf sie.

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