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  • 10.06.2018
  • von Inga Barthels

Geschichtspolitik: Politischer Kampf um polnisches Kriegsmuseum

von Inga Barthels

Bedrohte Ikone. Die Danziger Ausstellung galt europaweit als vorbildlich. Jetzt wird sie umgebaut, um polnischen Patriotismus zu schüren. Foto: Krzysztof Droszcz / picture alliance / AP Photo

Die Botschaft des Gründungsdirektors des Kriegsmuseums war der polnischen Regierung zu pazifistisch. Jetzt hat er ein Buch über den Streit verfasst.

Noch vor drei Jahren hatte der polnische Historiker Pawel Machcewicz keine Zweifel daran, dass er in einer stabilen Demokratie lebt, in der die Autonomie von Kultur und Geschichte gesichert ist. Dieses „naive Vertrauen“, wie er es heute nennt, wurde ihm über Nacht genommen. In dieser Nacht erfuhr er von den Plänen der polnischen Regierung, das Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig zu liquidieren, dessen Direktor Machcewicz zu dem Zeitpunkt noch war.

Fast zehn Jahre hatten er und sein Team an der Konzeption des Museums gearbeitet. Dass es im März 2017 überhaupt eröffnen konnte, ist nur Machcewiczs unermüdlichem Kampf gegen staatliche Schikanen und einem finalen Kraftakt sämtlicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu verdanken.

Über die Zeit von der ersten Idee des Museums bis hin zu seiner Absetzung als Direktor hat Pawel Machcewicz ein Buch geschrieben. Unter dem Titel „Der umkämpfte Krieg“ ist es jetzt auf Deutsch erschienen, am Montagabend stellte er es am Centre Marc Bloch in Berlin vor. Mit ihm diskutierten Joachim von Puttkamer, der in Jena Geschichte lehrt, und Julia Röttjer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Polen-Institut, das die deutsche Ausgabe des Buches ermöglicht hat.

Donald Tusk beauftragte Machcewicz mit der Konzeption des Museums

Die Geschichte des Danziger Museums hat viel mit Deutschland zu tun, nicht nur, weil nationalsozialistischer Terror während des Zweiten Weltkriegs einen Großteil der Ausstellung einnimmt. Die Idee für das Museum entstand als Reaktion auf Bemühungen von Erika Steinbach und ihrer Stiftung, ein Dokumentationszentrum in Berlin zu errichten, um das Leid deutscher „Vertriebener“ aus Polen nach dem Krieg zu dokumentieren. Viele in Polen befürchteten damit eine Revision der Geschichte, in dem Deutsche sich als Opfer des Zweiten Weltkriegs stilisieren.

Machcewicz schlug 2007 in einem Artikel vor, dass die beste Antwort Polens auf ein solches Unterfangen ein eigenes Museum sei, das sämtliche Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen zeigen sollte. Entgegen seiner Erwartungen reagierte Donald Tusk, der damalige Ministerpräsident Polens, auf Machcewiczs Artikel und beauftragt ihn mit der Konzeption des Museums.

Kritik an Machcewiczs Konzept kam schon früh von der rechtskonservativen PiS-Partei unter Jaroslaw Kaczinski. Die geplante Ausstellung fokussiere sich zu wenig auf Polen, sei pazifistisch und zu sehr auf Zivilisten beschränkt. Auch, dass polnischer Antisemitismus gezeigt werden sollte und das Team um Machcewicz aus internationalen Historikern bestand, gefiel der Partei nicht. Als PiS 2015 die absolute Mehrheit in Polen gewann, entbrannte der Kampf gegen das Museum. „Pawel ist ein toter Mann“ – diese Botschaft wurde Machcewicz damals aus Regierungskreisen überliefert. Der Konflikt gipfelte schließlich in der Zusammenlegung des Museums des Zweiten Weltkriegs mit einem bisher nur auf dem Papier bestehenden Westerplatte-Museum in Danzig, wodurch Machcewicz seines Amtes enthoben wurde.

Geschichte ist auch Teil der Gegenwart

Der Historiker ist derzeit Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg. Doch die Geschichte seines Museums ist noch lange nicht vorbei, wie er betont. Machcewicz hat mehrere Klagen eingereicht, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg und in Polen, wo er sich auf das Urheberrecht beruft. Sein Privathaus in Warschau wurde derweil von polnischen Agenten aufgesucht, die ihm vorwerfen, Gelder falsch eingesetzt zu haben.

Trotz solcher Bedrohungen habe die ganze Sache auch etwas Positives, sagt Machcewicz. Durch den Streit hätten viele in Polen verstanden, dass Geschichte auch Teil der Gegenwart ist. In Danzig kam es zu Protesten, um das Museum zu retten. Jede Änderung der Ausstellung dokumentieren Aktivisten auf einer Webseite. Als erstes wurde ein Film, der die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs mit aktuellen Konflikten bis hin zur Syrien-Krise zusammenbringt, durch einen Animationsfilm ersetzt, der Polen als heldenhafte Widerstandskämpfer zeigt. Ein Besuch im Museum soll nach Willen der PiS-Partei auch Patriotismus und Kampfeslust schüren.

Das mag abstrus klingen, doch die Vereinnahmung von Geschichte durch rechte Parteien ist nicht nur ein polnisches Phänomen. „Diese Geschichte ist universell. Was passiert ist, kann überall passieren“, warnt Pawel Machcewicz in Berlin. Dass der Kampf um die Auslegung von Geschichte auch hierzulande im vollen Gange ist, zeigen die jüngsten Holocaust-Verharmlosungen führender AfD-Politiker.

Pawel Machcewicz: Der umkämpfte Krieg. Aus dem Polnischen von Peter Oliver Loew. Harrassowitz, Wiesbaden 2018. 254 Seiten, 22,90 Euro.

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