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  • 08.01.2018
  • von Amory Burchard

Macrons Plan für 20 europäische Universitäten: Über die Oder nach Europa?

von Amory Burchard

Hand in Hand. Brandenburgs Ministerpräsident Woidke (l), Bundespräsident Gauck (m) und Präsident Komorowski (r) 2013 auf der Oderbrücke, vor der Eröffnung des akademischen Jahres am Collegium Polonicum. Damals sprachen sie sich für die Schaffung einer gemeinsamen Fakultät zwischen Frankfurt, Slubice und Poznan aus. Foto: picture alliance / dpa

An welche Grenzen Macrons Vorschlag stoßen könnte, EU-weit 20 "europäische" Unis zu schaffen, zeigt sich an der Europa-Universität Viadrina in Frankfut (Oder).

„Die Schaffung europäischer Universitäten“ hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vorgeschlagen. Entstehen solle ein Netzwerk von Unis, die ihre Studierenden auf Reisen schicken, nachdem sie mindestens zwei europäische Sprachen gelernt haben. Er wünsche sich Orte didaktischer Innovationen, der Forschung und der Exzellenz, rief Macron vor drei Monaten Studierenden an der Sorbonne zu. Seitdem sickert seine Idee, 20 solcher Einrichtungen bis 2024 zu schaffen – und damit eine neue Generation überzeugter Europäer – in die EU-Bürokratie ein. Deutsche, französische und polnische Uni-Chefs haben sich erste Gedanken gemacht, wie daraus ein für verschiedene Konzepte offener Wettbewerb wird.

Unter den Sorbonne-Studierenden waren viele mit Erasmus nach Paris gekommen. Das Programm feierte 2016 sein 30. Jubiläum; den Austausch gibt es also schon. Ebenso existieren etliche Uni-Initiativen wie seit 1976 das Europäische Hochschulinstitut in Florenz, das postgraduale Studien und Forschung mit EU-Mitteln fördert, oder seit 1999 die Deutsch-Französische Hochschule mit Verwaltungssitz in Saarbrücken, die binationale Studiengänge koordiniert. Austausch gibt es etwa auch in der Europäischen Konföderation der Oberrheinischen Universitäten.

Die Viadrina war von vornherein europäisch, will aber mehr

Wie weit aber der Weg zu einer wahrhaft europäischen Universität ist, lässt sich an der einzigen Hochschule zeigen, die diesen Anspruch im Namen trägt – an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Vor 26 Jahren gegründet, hatte die Viadrina von vornherein einen hohen Anteil polnischer Studierender und anderer aus Osteuropa, forscht zu diesen Regionen und pflegt Austauschprogramme mit weiteren Unis, darunter die Sorbonne.

1998 kam das Collegium Polonicum als gemeinsame Lehr- und Forschungseinrichtung mit der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan dazu. Angesiedelt ist es in Slubice, der früheren Vorstadt am anderen Oderufer.

Zukunftsthema Digital Studies - wie europäisch ist das?

Doch die Partnerinnen wollten mehr. Als ob sie Macrons Idee vorhergesehen hätten, entstand unter Viadrina-Chef Gunter Pleuger der Plan für eine gemeinsame Fakultät mit Poznan – 2013 befürwortet von den Präsidenten Gauck und Komorowski. Pleugers Nachfolger Alexander Wöll konzipierte eine Fakultät rund um das Zukunftsthema der Digital Studies.

Zum Jahresende 2017 gab Wöll jedoch sein Amt auf. Hintergrund sollen auch skeptische Reaktionen auf das Fusions-Projekt sein. Viadrina-Mitarbeiter befürchteten Gehaltseinbußen und im Potsdamer Ministerium wunderte man sich dem Vernehmen nach über den Digital-Schwerpunkt. Den gab es bislang in Frankfurt nicht, während in Potsdam und Berlin gleichzeitig große Digitalisierungs-Vorhaben gestartet wurden. In der Politik hofft man demnach, das Projekt werde nach Wölls Weggang völlig neu gedacht – etwa in Richtung des Forschungsprogramms „B/orders in Motion“, das einen direkteren Europa-Bezug hätte.

Wissenschaftsministerin Martina Münch erklärt die Viadrina auf Anfrage als „prädestiniert“ für eine erfolgreiche Bewerbung um neue EU-Fördermittel aus der Macron-Initiative. Zwischen Frankfurt, Slubice und Poznan wäre eine gemeinsame Fakultät „ein deutlicher und wichtiger Schritt beim weiteren Ausbau der deutsch-polnischen Beziehungen“. Die vorliegenden Überlegungen an der Viadrina würden „mit einem neuen Präsidenten/einer neuen Präsidentin sicher weiter diskutiert werden“.

Pläne für einen "Master of Digital Digital Entrepreneurship"

Der kommissarische Präsident Stephan Kudert will jedoch an der Digital-Fakultät festhalten. Sie entspreche „dem europäischen Geist, auf den es Macron ankommt“. Jürgen Neyer, Dekan der kulturwissenschaftlichen Fakultät und mit der Weiterentwicklung des Plans zu einer deutsch-polnischen „European Faculty für Digital Studies“ betraut, verrät erste Details: Anbieten wolle man einen Bachelor in Digital Studies mit Elementen aus der Rechtswissenschaft sowie den Wirtschafts- und Kulturwissenschaften, der in einen projektorientierten „Master of Digital Entrepreneurship“ mündet.

Aber warum ausgerechnet Digitalisierung? Sollte es bei einer Europa-Uni nicht um die Stärkung des Europa-Gedankens in der Generation der heute Studierenden gehen? Neyer weist den Einwand zurück. Eine lehrbasierte Kooperation zwischen Frankfurt (Oder) und Poznan, die Studierende dazu befähige, in diesen eher strukturschwachen Regionen soziale, ökologische oder ökonomische Start-ups in der Digitalwirtschaft zu gründen, sei „zukunftsweisend und genuin europäisch“.

Mit der PiS-Regierung leichter zu realisieren als Macrons Mission?

Auf der anderen Seite der Oder freut sich Krzystof Wojciechowski, Verwaltungsleiter des Collegium Polonicum und Mittelsmann zur Partner-Uni, über den neuen Anlauf für die gemeinsame Fakultät. Das Projekt der Digital Studies interessiere die Universität Poznan nach wie vor sehr. Als eine der „europäischsten Unis in Polen“ stehe sie zur Partnerschaft mit der Viadrina. Womöglich sei ein solches politisch neutrales und pragmatisches Projekt auch mit der derzeitigen PiS-Regierung leichter zu realisieren, als es ein Großvorhaben der europäischen Jugenderziehung im Sinne Macrons wäre, meint Wojciechowski. Bisher habe sich die Regierung positiv zur Kooperation geäußert, das solle man nicht gefährden.

Ist die Digital-Fakultät politisch opportuner als ein ausgewiesenes Europa-Projekt? Interims-Präsident Kudert verneint, der Digital-Schwerpunkt habe „nichts mit politischer Neutralität zu tun“.

Krzystof Wojciechowski hat indes noch einen grundsätzlichen Einwand gegen Macrons Idee. Hochschulen seien „sehr stark national verankert“ – durch ihre staatliche Förderung, aber auch im Selbstwertgefühl der Bürger. Deshalb sei er skeptisch, ob es gelingen wird, 20 Europa-Universitäten bis 2024 zu gründen. Wojciechowski, selber ein „glühender Europäer“, wünscht sich Universitäten als „Orte des vernünftigen Umgangs miteinander, der Wahrheit und der Wissenschaft“ – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

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