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  • 11.01.2018
  • von Heidrun Böger

Neue Studie: Die weibliche Stimme ist tiefer geworden

von Heidrun Böger

Umgestimmt. Auch in Kitas wird tiefer gesungen – passend zu den Stimmen der Erzieherinnen. Foto: imago/Westend61

Weibliche Stimmen sind heute tiefer als noch vor Jahren. Das zeigt eine Studie der Uni Leipzig. Biologische Ursachen scheiden laut der Forscher aus: Das Rollenbild der Frau hat sich verändert.

Weibliche Stimmen sind heute signifikant tiefer als noch vor Jahren. Das ist das Ergebnis einer Studie an der Uniklinik Leipzig, in der 2500 gesunde Frauen und Männer zwischen 40 und 80 Jahren untersucht wurden. Die Wissenschaftler haben auch nach den Ursachen geforscht.

„Die männliche Stimme liegt weltweit im Durchschnitt bei 110 Hertz, die der Frauen bei 220 Hertz“, also eine Oktave höher, sagt Michael Fuchs, Leiter der Sektion für Phoniatrie und Audiologie an der Leipziger Universitätsklinik. Man spricht von der mittleren Sprechstimmlage. Seit etwa 100 Jahren gibt es Untersuchungen dazu, und so steht es in jedem Lehrbuch. Beginnend 2005 führten die Leipziger Mediziner eine groß angelegte Studie („Life“-Studie) von gesunden Erwachsenen durch. Ziel war es, bestimmte Lebensstil-assoziierte Erkrankungen wie Diabetes, Adipositas, Schlaganfall und Depressionen zu untersuchen.

Bei Anatomie und Hormonen gab es keine Veränderungen

Bei dem Studienprojekt wurden auch sogenannte Stimmfeldmessungen vorgenommen und festgestellt, dass die Frauen im Schnitt mit 165 Hertz sprechen, der Abstand zur männlichen Stimme hat sich halbiert. „Das ist ein signifikanter Unterschied, der biologisch nicht zu erklären ist“, sagt Fuchs. Untersucht wurde, ob es daran liegt, dass die Menschen größer, älter und schwerer werden als früher. Die Wissenschaftler konnten das als Ursache aber ausschließen, denn dann hätten ja auch die männlichen Stimmen tiefer werden müssen. Hatte sich die Anatomie verändert, die Größe des Kehlkopfes oder der Stimmlippen? Wissenschaftlich gesehen ist der Kehlkopf ein sekundäres Geschlechtsmerkmal und dient dazu, nach der Pubertät Frauen und Männer zu unterscheiden. Doch hier gab es keine Veränderungen.

Auch der Hormonstatus wurde untersucht, es hätte ja sein können, dass hormonelle, umweltbedingte Veränderungen zu der tieferen Stimme führten. Aber auch das war nicht der Fall. Es gab keine gravierenden hormonellen Veränderungen.

Eine tiefere Stimme signalisiert Kompetenz

Die Ursache, so das Ergebnis der Untersuchung, liegt vielmehr im veränderten Rollenbild der Frau. Fuchs: „Frauen sind heutzutage selbstbewusster, beruflich erfolgreich, verdienen mehr Geld. Das zeigt sich in der tieferen Stimme.“ Diese signalisiert Kompetenz, schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Generell empfinden Menschen sowohl bei Männern als auch bei Frauen tiefere Stimmen als angenehm. Höhere Stimmen hingegen wecken Beschützerinstinkte, sie drücken eine höhere Unsicherheit aus. Doris Day zum Beispiel ist bekannt für ihre hohe, fast kindliche Stimme. Die Schauspielerin Mechthild Großmann hingegen, bekannt aus dem Münsteraner „Tatort“, wo sie die Staatsanwältin spielt, hat eine extrem tiefe Stimme. Die Stimme ist gewissermaßen ihr Markenzeichen, mit dem sie beruflich erfolgreich ist. Allerdings ist Mechthild Großmann Raucherin, Rauchen macht die Stimme sowohl bei Männern als auch bei Frauen rauer und heiserer.

Die Stimme spielt heutzutage eine größere Rolle, da im Berufsleben mehr kommuniziert wird als noch vor Jahrzehnten. Manche Männer fühlen sich von einer tiefen, rauchigen Frauenstimme aber auch bedroht. Eine zu hohe Stimme wird als nervig, zickig, naiv empfunden.

Wenn Menschen ihre Stimme aufgrund sozialer, gesellschaftlicher Bedingungen anders benutzen, spricht man von Soziophonie. Ziel ist, einer gewissen Gruppe der Gesellschaft zugehörig zu sein. Das geschieht sowohl bewusst als auch unbewusst. Phoniatrie-Professor Michael Fuchs sagt: „In Japan haben Frauen die höchsten Stimmen weltweit, die hohe Stimme gilt dort als Schönheitsideal.“ Die tiefsten Stimmen haben Frauen in Skandinavien, Länder, in denen die Gleichberechtigung weit fortgeschritten ist.

Margaret Thatcher trainierte ihre Stimme tiefer

Politiker und Politikerinnen trainieren ihre Stimme, damit diese positiv wahrgenommen wird. Margaret Thatcher hatte am Anfang ihrer politischen Karriere eine hohe Stimme, die sie sich tiefer trainierte. Allerdings muss die Stimme immer authentisch wirken. Menschen haben feine Antennen für eine verstellte Stimme und empfinden diese als unangenehm.

Welche Konsequenzen haben die neuen Erkenntnisse? Zum einen müssten die Lehrbücher umgeschrieben werden. „Die tieferen Stimmen sind Realität und nicht zu bemängeln“, stellt Fuchs fest. Die neuen Normwerte müssen in der klinischen Betreuung berücksichtigt werden. Gleichzeitig sollte die emotionale Spannbreite, um Dinge stimmlich auszudrücken, nicht kleiner werden. Man kann davon ausgehen, dass Mütter, die heute tiefer sprechen, ihre Kinder mit der tieferen Mutterstimme beeinflussen.

Schon heute werden viele Kinderlieder tiefer gesungen, weil ja auch die Erzieherinnen tiefer sprechen und singen. Fuchs plädiert für einen bewussten Umgang mit der Stimme, Stimmtraining sollte zur Pädagogen-Ausbildung gehören, was momentan in Deutschland kaum der Fall ist. Es gibt Untersuchungen, dass Grundschulkinder, deren Lehrerin eine kranke, raue, überlastete Stimme hat – Ursache ist häufig eine Kehlkopfentzündung –, schlechtere Lernergebnisse erzielen.

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