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  • 19.05.2017
  • von Anja Kühne

BIH und Charité: „Es darf keine Zweiklassengesellschaft geben“

von Anja Kühne

Unterschiede. Die Charité musste lange Zeit extreme Kürzungen hinnehmen und beginnt sich gerade erst von dieser Phase zu erholen. Am BIH dagegen sind die Professuren gut dotiert – ein Grund, weswegen einige an der Charité mit dem Institut fremdeln. Foto: Alamy Stock Photo

Charité-Dekan Axel Pries zu den Kontroversen im Vorstand des Berlin Institute of Health (BIH) und zu den Spannungen mit der Charité.

Herr Pries, offenbar verlässt der Vorstandsvorsitzende Erwin Böttinger das BIH. Hinter den Kulissen wird behauptet, es habe im Vorstand Konflikte um die Ausrichtung gegeben. Stimmt das?

Es gibt natürlich Diskussionen und manchmal Kontroversen. Das ist völlig normal und hängt mit der hohen Erwartungshaltung an das BIH und mit den gesetzlichen Vorgaben zur Konstruktion zusammen. Und bestimmt bin ich als Charité-Dekan auch ein kritischer Partner, denn ich versuche, die Rechte der Fakultät sicherzustellen. Möglicherweise war es für Herrn Böttinger, der an die US-amerikanischen Freiheiten gewöhnt ist, schwierig, sich in Berlin auch schon in Kleinigkeiten mit unterschiedlichen Gremien und dem Berliner Senat arrangieren zu müssen. Die Leitung des BIH ist also kein leichtes Spiel. Aber wir haben die Aufgabe, die Chancen, die sich hier eröffnen, zu realisieren. Das hat Herr Böttinger ja auch über zwei Jahre getan, sodass ich keine Fahnenflucht erkennen kann. Und wir haben im BIH-Vorstand gemeinsam für alle Probleme konstruktive Lösungen gefunden.

Offenbar fremdeln an der Charité manche mit dem BIH. Sie selbst haben vor anderthalb Jahren erklärt, es dürfe nicht sein, dass ein „Luxusteam“ am BIH forsche, während „Alltagsschufter“ den Betrieb an der Charité aufrechterhalten. War das eine Lagebeschreibung – und gilt sie noch?

Wir müssen auf jeden Fall verhindern, dass es zu dem Gefühl kommt, es gäbe eine Zweiklassengesellschaft. Die Charité musste zwischen 2003 und 2013 extrem starke Kürzungen hinnehmen und beginnt sich erst langsam von dieser Absparphase zu erholen. Am BIH sind die Professuren gut dotiert und auch die Ausstattung ist wegen der Bundesfinanzierung deutlich besser, die Lehrverpflichtung ist niedriger. Aber ich sehe viele positive Entwicklungen seit meiner Äußerung im Jahr 2015.

Inwiefern?

Die BIH-Professuren – die große Berufungswelle mit circa 18 Verfahren läuft gerade erst – werden an der Charité und am Max-Delbrück-Centrum eingestellt. Sie haben ähnliche Rechte und Pflichten wie andere Professoren zum Beispiel, was die leistungsbezogene Mittelvergabe betrifft, wenn es um die Lehre und um die Fakultät geht. Und sie sind räumlich nicht separiert und nutzen die gleichen Geräte und Einrichtungen. So kann Teamspirit entstehen.

Es wird aber gesagt, das BIH könne mit seiner guten Ausstattung festlegen, worüber Charité-Professorinnen und -Professoren forschen?

Das stimmt nicht. In der Forschung errichten wir gemeinsame Plattformen, wo BIH-Forscher mit Charité- und MDC-Forschern auf Augenhöhe diskutieren. Wer mit seinen Forschungsthemen dazu passt, kann mitmachen. Das ist wie bei jedem Sonderforschungsbereich. Diejenigen, die mit ihrem Gebiet nicht direkt dazu passen, sind dann nicht dabei, betreiben aber ganz normal ihre Forschung weiter. Außerdem können sie in jedem Fall von der neuen Ausstattung profitieren, die über das BIH angeschafft wird.

Ist es nicht merkwürdig, dass die altehrwürdige Charité rechtlich die Tochter des Berlin Institute of Health ist?

Das ist emotional für manche möglicherweise ein Problem. Aber man darf das Gesetz nicht falsch interpretieren und muss es pragmatisch in den Alltag übersetzen. Die Charité ist eine Weltmarke. Und das BIH entwickelt sich sehr gut. Aber natürlich gibt es bei einer so engen Zusammenarbeit von drei Einrichtungen mit drei Vorständen und drei Aufsichtsräten auch mal unterschiedliche Auffassungen darüber, wie das Gesetz zu interpretieren ist. Das ist wie in einer guten Ehe: Es muss immer mal wieder über die Ziele und die dahinführenden Wege diskutiert und gegebenenfalls nachjustiert werden.

Das BIH kommt nicht so schnell voran wie geplant. Die Evaluation wurde im vergangenen Jahr von 2017 auf 2019 verschoben. Hand aufs Herz: Braucht Deutschland das BIH wirklich?

Das wird die Zukunft zeigen! Natürlich gibt es Momente, in denen man denkt: Hätte die Charité das Geld bekommen, hätten wir das Gleiche viel schneller machen können. Aber stimmt das auch? Die neue Struktur hat ja den Vorteil, dass sie einen Antrieb darstellt und uns zwingt, etwas wirklich Neues zu machen und eben nicht einfach nur mehr vom Gleichen. Das BIH ist im Vergleich zum Tanker Charité wie ein Schnellboot. Man kann bestimmte Ideen dort schneller erproben, etwa ein beschleunigtes Berufungsverfahren. Das Problem ist, dass dieses neue, gut gewässerte Bäumchen neben die ziemlich ausgedörrte Charité gepflanzt wurde. Aber diese Herausforderung können und werden wir gemeinsam meistern.

Die Fragen stellte Anja Kühne.

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