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  • 16.03.2017
  • von Roland Knauer

Urwald im Amazonas-Gebiet: Pfirsichpalmen führen zu menschlichem Leben

von Roland Knauer

Der Urwald im Amazonas-Gebiet galt lange als kaum besiedelt. Foto: imago/blickwinkel

Im Amazonas-Urwald lebten wohl mehr Menschen als bisher gedacht. In der Pflanzenwelt finden sich Spuren ihrer Siedlungen.

Die Luft steht feucht und schwer zwischen dem schmalen Pfad, der ein Stück weit in den sonst undurchdringlichen Amazonas-Wald führt. In den vergangenen Jahrtausenden lebten hier kaum Menschen, bis auf ein paar Stämme, von denen einige noch heute jeden Kontakt mit dem Rest der Welt vermeiden. Zumindest glaubten das Archäologen noch in den 1970er Jahren.

Erst in jüngster Zeit fanden Forscher an wenigen Stellen Spuren früherer Siedlungen, die eine dichtere Besiedlung des Amazonas-Gebietes in der Zeit vor Christoph Kolumbus vermuten lassen. Diese Menschen scheinen bleibende Spuren in der Pflanzenwelt hinterlassen zu haben. Die von Ureinwohnern genutzten Urwaldbäume prägen noch heute viele Regionen im Amazonas-Gebiet, berichten Carol Levis von der Universität Wageningen und Hans ter Steege vom Naturalis Naturgeschichtlichen Museum im niederländischen Leiden in der Zeitschrift „Science“.

16.000 Gehölzarten wachsen im Urwald

Das Amazonas-Gebiet ist anscheinend weniger Urwald als bisher vermutet. Der Einfluss des Menschen sticht vielleicht nicht direkt ins Auge, aber seit Langem genutzte Bäume wie die Pfirsichpalme und manchmal auch der Kakaobaum dominieren vielerorts den Wald stärker als erwartet. Und das in einer Region mit einer extremen Pflanzenvielfalt, in der zum Beispiel mehr als 16.000 Gehölzarten wachsen. In deutschen Forsten zählen Wissenschaftler dagegen 51 Baumarten. Die tropische Vielfalt studieren Forscher aus aller Welt in einem Netzwerk von 1170 Untersuchungsflächen, die sich über das gesamte Amazonas-Gebiet verteilen.

Vor mehr als 8000 Jahren begannen Menschen, zunächst in den Randbereichen der Region, Pflanzen für ihre Zwecke zu nutzen. Mindestens 85 Gehölze lieferten nicht nur Nahrung, sondern auch verschiedene Materialien für die Zwecke der Bewohner, berichten die Forscher. Zwanzig dieser Nutzpflanzen prägen die Untersuchungsflächen fünfmal häufiger als die anderen fast 5000 dort gefundenen Arten, die von den Ureinwohnern nicht genutzt wurden.

Je näher die untersuchten Flächen bei einer bekannten Fundstätte einer frühen Siedlung oder bei einem der Flüsse liegen, die im Amazonas-Gebiet häufig die einzigen und mit Abstand wichtigsten Verkehrswege sind, umso mehr Nutzpflanzen finden die Forscher dort. Bei den nicht von Menschen genutzten Pflanzen zeigen sich keinerlei Zusammenhänge mit den Relikten einstiger Orte.

Viele Nahrungsmittel sind heute noch beliebt

Die Wissenschaftler fragen sich allerdings auch, wer zuerst dort war, die Pflanzen oder die Menschen. Es könnte schließlich so sein, dass die Ureinwohner sich vor allem dort niederließen, wo von Natur aus besonders viele für sie praktische Pflanzen wuchsen. Während die frühen Siedler vermutlich andere, nicht genutzte Baumarten fällten und mit diesem Holz ihre Häuser bauten oder Holzkohle für ihr Kochfeuer herstellten, ließen sie wichtige Bäume wie die Pfirsichpalme stehen, um deren Früchte noch viele Jahre ernten zu können.

Wanderten einige der Menschen später weiter, züchteten sie anscheinend auch in der neuen Heimat solche nützlichen Bäumchen aus ihrem alten Zuhause. Jedenfalls fanden die Forscher auf manchen Untersuchungsflächen gleich sechs oder sieben von Menschen genutzte Baumarten, die natürlicherweise gar nicht an einem Ort gemeinsam vorkommen. Anscheinend wächst in der Region also wirklich weniger Urwald als bisher vermutet.

Viele der dort geernteten Nahrungsmittel sind auch heute noch sehr beliebt: Mais, Maniok und Ananas, Kakao und Süßkartoffeln, Paprika und Pfirsichpalmenfrüchte. Auch eine andere Erfindung der Siedler im Amazonas-Gebiet ist dort und an einigen anderen Orten noch immer sehr beliebt. Aus Pflanzenfasern flochten die Menschen Hängematten, in denen sie in sicherem Abstand vom Boden und den dort lebenden giftigen und anderweitig gefährlichen Lebewesen schlafen konnten. Auch das Blasrohr, aus dem man gut gezielt und nahezu lautlos vergiftete Pfeile auf scheue Beute schießen konnte, erdachten die Menschen am Amazonas. An den Gewässern konstruierten sie mit kleinen Dämmen Engstellen, an denen sie in Reusen Fische fingen. Oder sie züchteten die Schuppenträger gleich in eigenen Becken und hatten so bereits die Aquakultur entwickelt.

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