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  • 16.03.2017
  • von Tilmann Warnecke

30 Jahre Austauschprogramm: Raus aus der Erasmus-Blase

von Tilmann Warnecke

Internationale Studierende an der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder. Foto: Patrick Pleul/dpa

Der Erasmus-Austauschprogramm für Studierende soll europäische Identität stiften - so lautete der Gedanke der Initiatoren vor 30 Jahren. Doch wie kann das heute klappen?

Als Frank Wittmann zum Erasmus-Austausch an der University of Wales war, hatte er manchmal das Gefühl, in einer Blase zu leben. Im Wohnheim waren die internationalen Studierenden unter sich, man sah sich in der Uni und unternahm fast alles zusammen. Das war zwar eine wertvolle Erfahrung, sagt Wittmann. Nur: Der Kontakt zu Walisern fehlte ihm. Um Erasmus-Studierenden dies hierzulande zu erleichtern, gründete Wittmann in Deutschland den Verein „Europa macht Schule“. Internationale Erasmus-Studierende gehen in Schulklassen, stellen den Schülern ihre Heimat in einem Projekt vor – und „bekommen so gleichzeitig einen intensiveren Einblick in ihr Gastland“, wie Wittmann sagt.

Wie kann man die Erasmus-Blase platzen lassen? Ist es möglich, mit dem Studierendenaustausch eine europäische Identität zu stiften und diese jenseits akademischer Kreise zu verbreiten? Im Jahr des 30-jährigen Erasmus-Jubiläums stellen sich den Verantwortlichen diese Fragen angesichts von Brexit, EU-Skepsis und Rechtspopulismus dringender denn je. Die Ursprungsidee von Erasmus sei ja eben, kulturelle Unterschiede zu überwinden, sagte Siegbert Wuttig, lange Zeit beim DAAD für Erasmus verantwortlich, am Montag vor Journalisten in Berlin.

Als das Programm startete, war Europa ebenfalls in der Krise

Als das Programm Mitte der 80er angeschoben wurde, war die Europäische Gemeinschaft ebenfalls in der Krise. Damals ging das Wort von der „Eurosklerose“ um, Margret Thatcher wollte von der Gemeinschaft ihr Geld zurückhaben, gegen den Beitritt von Spanien und Portugal gab es Widerstände. Auch die Erasmus-Idee stieß auf Vorbehalte, vor allem die Deutschen wollten kein Geld geben, sagte Wuttig: „Das war eine schwierige Geburt.“

Erasmus wurde dennoch ein Erfolg: Allein aus Deutschland gehen inzwischen jährlich 40 000 Studierende ins Ausland. Doch die Frage, wie deren Erfahrungen in der Breite wirken könnten, bleibt. „Europa macht Schule“ betreut rund 200 Projekte im Jahr: Da spricht etwa eine französische Gaststudentin mit Grundschülern über französische Märchen. Ein anderes Beispiel: In diesem Jahr werden 30 Unis gefördert, um mit internationalen Studierende Vorhaben zu entwickeln, mit denen man „normale“ Bürger erreicht.

Nun dürften viele Studierende aus pragmatischeren Gründen ein Erasmus-Jahr absolvieren als den Europa-Gedanken zu retten. Manche erhoffen sich ein Partysemester, für andere macht sich der Aufenthalt gut auf dem Lebenslauf. Die spanische Doktorandin Rita Mercedes Begines Cid berichtete, viele ihrer Landsleute wollen damit auch der Jugendarbeitslosigkeit entkommen.

Was ist überhaupt "europäische Identität"?

Dass „europäische Identität“ ein diffuser Begriff ist, macht es nicht einfacher. DAAD-Präsidentin Margret Wintermantel versteht darunter „Frieden, Völkerverständigung, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit“. Wuttig entgegnete, Jüngere könnten mit solchen abstrakten Begriffen wenig anfangen. Für ihn ist es ein Erfolg, wenn Studierende ein Bild ihrer Identität bekommen und hinterfragen.

Ein einfaches Beispiel dafür erzählte der Jura-Student Patrick Wüstefeld. Wenn seine spanischen Freunde im Erasmus-Austausch zu einem Treffen eine Stunde verspätet kamen, hielt er das erst einfach für unhöflich. Man sei darüber ins Gespräch gekommen, die Spanier erklärten ihm das Prinzip der Siesta, er das deutsche Konzept von Pünktlichkeit. Das Ergebnis: Seine Freunde kamen nur eine halbe Stunde später – „und ich habe gelernt, dass es entspannter sein kann, wenn man nicht immer auf die Minute genau da sein muss“.

Lesen Sie hier, wie Berliner Studierende ihren Erasmus-Austausch erleben.

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