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  • 15.03.2017
  • von Amory Burchard

Zweiter Weltkrieg: Initiative will an Vernichtungsfeldzug in der Sowjetunion erinnern

von Amory Burchard

Übergangsweise. Historiker, die sich für ein dauerhaftes Gedenken an die Opfer in Polen und der Sowjetunion einsetzen, betreiben auch die Umsetzung und Verlängerung der Freilichtausstellung zum 75. Jahrestag des Angriffs auf die UdSSR. Foto: picture alliance/dpa/Jörg Carstensen

Bislang gibt es kein Mahnmal für die Millionen Opfer von Hitlers Feldzug im Osten. Eine Initiative will das ändern - und schlägt eine Übergangslösung vor.

Eine in kräftigen Stahldraht gefasste, gut dreieinhalb Meter hohe Mauer aus Pflastersteinen lässt die Passanten am Potsdamer Platz innehalten. Die Bild- und Texttafeln, die an dem Bollwerk vor dem Bahntower angebracht sind, berichten von den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands in der Sowjetunion, die lange verdrängt oder zumindest marginalisiert wurden – weit über den Kalten Krieg hinaus. Zum 75. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht am 22. Juni vergangenen Jahres als temporärer Gedenkort errichtet, wird die Ausstellung Ende April wieder abgebaut.

Doch nach dem Willen namhafter Berliner und Brandenburger Historiker und Gedenkstättenleiter soll die Installation nicht auf dem Recyclinghof enden, sondern unweit des Sowjetischen Ehrenmals an der Straße des 17. Juni wieder aufgestellt werden. Damit könnte die Ausstellung über den „Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941–1945“ zum Vorposten eines dauerhaften Gedenkorts werden, der seit Jahren gefordert wird.

Blutigster Krieg der Geschichte

Berlin würde es gut anstehen, weit über den Jahrestag hinaus „an den blutigsten Krieg der Geschichte und neben dem Holocaust an den Juden auch an den millionenfachen Mord an der nicht jüdischen Zivilbevölkerung und an sowjetischen Kriegsgefangenen zu erinnern“, sagt Peter Jahn, 1995 bis 2006 Direktor des Museums Karlshorst. Die Umsetzung der Ausstellung an einen Verbindungsweg, der rechts vom Ehrenmal zum Reichstag führt, hat er in der vergangenen Woche beim Bezirksamt Mitte beantragt.

Die Ständige Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte im Berliner Raum überlässt Jahn und seinen Mitstreitern das tonnenschwere Ensemble. Der Transport, ein geringfügiger Umbau und das für den weichen Boden im Tiergarten notwendige Fundament würden maximal 40 000 Euro kosten, sagt Jahn. Das Geld will er mithilfe von Stiftungen aufbringen.

Jahn setzt sich seit Jahren auch für einen dauerhaften zentralen Gedenkort für die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges im Osten ein. 2013 verfasste er einen öffentlichen Aufruf „für einen Ort der Erinnerung an die Opfer der NS-Lebensraumpolitik in Osteuropa“, den zahlreiche Politiker wie der inzwischen verstorbene Egon Bahr sowie Linken-Politiker Gregor Gysi ebenso unterschrieben wie Historiker, darunter Stefanie Schüler-Springorum (Zentrum für Antisemitismusforschung der TU), und Gedenkstättenleiter wie Johannes Tuchel (Deutscher Widerstand) und Günter Morsch (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten).

Sie wurden Opfer der geplanten Vernichtungsstrategie der Nazis

„Ein solcher Gedenkort ist dringend erforderlich“, sagt Morsch heute. „Es geht um eine sehr große Gruppe, die der geplanten Vernichtungsstrategie des Nationalsozialismus zum Opfer fiel und vollkommen zu Unrecht im Schatten der Erinnerung steht.“ Zu den Unterstützern aus der Politik gehört Hiltrud Lotze, SPD-Bundestagsabgeordnete und Vizevorsitzende der Kultur AG ihrer Partei. „Das Anliegen, für diese bisher kaum erinnerten Opfer ein Mahnmal aufzustellen, liegt auf der Hand“, sagt Lotze.

Im Februar hat die Initiative einen neuen Anlauf gestartet und dem Kulturausschuss den Entwurf eines Antrags für einen „Gedenkort für die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges im Osten“ vorgelegt. Im Berliner „Gedenkensemble“ fehle „eine zentrale Opfergruppe“, heißt es darin. „Einwohner Polens und der Sowjetunion wurden als ,minderwertige Slawen‘ und ,Untermenschen‘ zu einer rechtlosen Masse erklärt, die millionenfach getötet oder nach Osten vertrieben werden sollte und wurde.“

Millionen Kriegsgefangener, Opfer der Hungerpolitik und der Zwangsarbeit

Zu den Opfergruppen, die aufgezählt werden, gehören 40 000 Polen, die allein bis Ende 1939 ermordet wurden, über drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, die bis Kriegsende starben, 800 000 Einwohner Leningrads, die durch die deutsche Blockade verhungerten, und eine Million Menschen, die aufgrund der deutschen Hungerpolitik in den anderen Gebieten der besetzten Sowjetunion umkamen.

Im Warschauer Aufstand wurden an die hunderttausend unbewaffneter Zivilisten ermordet. Verlängert wird die erschütternde Liste durch Zwangsarbeiter und Insassen von Konzentrationslagern. „Diese Verbrechenskomplexe waren keineswegs der jeweiligen Kriegssituation geschuldet, sondern gezielte Terrormaßnahmen auf Grundlage der NS-Weltanschauung“, betont die Initiative.

Trotz der Vielzahl der Opfergruppen darf keine ausgeklammert werden

Ob es dazu kommt, dass der Bundestag, wie gefordert, gemeinsam mit dem Land Berlin und dem Bezirk Mitte einen Platz für den Gedenkort bestimmt, einen Ideenwettbewerb ausschreibt und die Mittel bereitstellt, ist indes so offen wie vor vier Jahren. Denn es gibt Vorbehalte gegen ein „sowjetisches“ Mahnmal im Kreise der zahlreichen bereits vorhandenen Erinnerungsorte des Tiergartens.

Das Argument einer „Denkmalinflation“ mussten schon die Befürworter des schließlich 2012 eingeweihten Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas überwinden. Davor entstanden schon das Holocaust-Mahnmal und das Denkmal für die im NS verfolgten Homosexuellen, danach das für die Euthanasie-Opfer. Wegen der Vielzahl der Opfergruppen eine auszuklammern, lassen Peter Jahn und seine Mitstreiter selbstredend nicht gelten.

Streit zwischen Russen, Polen, Ukrainern: im Gedenken keine Trennung

Ebenfalls geäußert werden Bedenken, russischer, polnischer, ukrainischer und weißrussischer Opfer könne man nicht gemeinsam gedenken. Aufgrund der Hegemonialstellung der Sowjetunion sind etwa die Beziehungen von Polen zu Russland bis heute angespannt. Noch akuter gilt das für die russisch-ukrainischen Beziehungen. Die Initiatoren widersprechen: Diese Gruppen seien „gemeinsam Opfer der rassistischen Wahnideen“ geworden, daher sollte im Gedenken keine nachträgliche Trennung vollzogen werden.


Konkurrenz? Auch der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft soll gedacht werden

Es gibt eine weitere Opfer-Konkurrenz: Eine andere Initiative setzt sich für ein Mahnmal für die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft ein, Politiker nicht nur in der Union halten es für vordringlich. Zumindest müsse man das Mahnmal für die Opfer in Polen und der ehemaligen Sowjetunion und das für die Opfer des Kommunismus parallel diskutieren, sagt auch die SPD-Abgeordnete Hiltrud Lotze.

Schwer wiegt offenbar auch die Sorge, ein falsches Zeichen zu setzen, indem man die sowjetischen Kriegsopfer mitten in Putins Krieg in der Ukraine würdigt. Dagegen wenden die Befürworter ein, dass Ukrainer und Weißrussen deutlich stärker unter der NS-Vernichtungspolitik als die Russen gelitten hätten, hier also nicht Putin „gehuldigt“ würde.

Vernichtungspolitik zielte auf Kahlschlag im gesamten Osten Europas

Günter Morsch, der die Gedenkstätte Sachsenhausen leitet, warnt davor, die Opfergruppen gegeneinander aufzurechnen. Nachdem einmal der Weg beschritten worden sei, im Zentrum des politischen Berlins einzelner Gruppen zu gedenken, sollte auch jeder gedacht werden. „Alles andere wird als Verdrängen, Vergessen und absichtliches Unterschlagen interpretiert.“ Gerade angesichts der aktuellen Konflikte in Mittel- und Osteuropa und zwischen Folgestaaten der Sowjetunion müsse deutlich gemacht werden, „dass die Vernichtungspolitik der Nazis auf einen Kahlschlag im gesamten Osten Europas zielte“.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) mochte sich zum 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion nicht zu einem dauerhaften Gedenkort bekennen, sie bevorzuge „andere Formen der Erinnerung“, sagte sie. Gleichwohl gebühre dem Vernichtungsfeldzug ein „angemessener Platz im öffentlichen Bewusstsein“.

Umfassendes Gedenkkonzept des Bundes gefordert

Hiltrud Lotze mahnt das schon im Koalitionsvertrag von Union und SPD von 2013 angekündigte Gedenkstättenkonzept an, das Grütters Haus noch schuldig sei. Es soll Kriterien liefern, nach denen sich der Bund in Zukunft konzeptionell und finanziell an Gedenkorten beteiligt – oder nicht, sagt Lotze. Doch das sei offenbar eine Aufgabe für die nächste Bundesregierung.

Käme Berlin dem dauerhaften Mahnmal im Tiergarten mit der Umsetzung der temporären Ausstellung vom Potsdamer Platz neben das Sowjetische Ehrenmal näher? „Ich sehe sie als durchaus als Vorboten für den Gedenkort. Andere mögen es anders sehen“, sagt Peter Jahn.

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