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  • 15.03.2017
  • von Sascha Karberg

Hirnforschung: Das schlechte Gewissen messen

von Sascha Karberg

Der Neurologe Read Montague misst die Einsicht in Straftaten per Hirnscanner. Foto: Jim Stroup, David Hungate/Virginia Tech

Mit Hilfe eines Hirnscans können Forscher erkennen, ob Täter mit Vorsatz handeln oder nur das Risiko in Kauf nehmen, eine Straftat zu begehen.

Für die Bestrafung eines Täters ist es vor Gericht von entscheidender Bedeutung, mit welcher Intention eine Tat begangen wurde. Hat der Beschuldigte vorsätzlich und im Wissen um das Überschreiten gesetzlicher Normen gehandelt, oder ist er nur das Risiko eingegangen, möglicherweise Regeln zu brechen? Hat ein Delinquent Drogen wissentlich geschmuggelt oder hat er es nur in Kauf genommen, dass in der ungeöffneten Tasche des Fremden Drogen sein könnten?

Schmuggler im Hirnscanner

Während sich diese verschiedenen Gemütszustände vor Gericht oft schwer nachvollziehen lassen, ist es offenbar möglich, sie in einem Hirnscan zu unterscheiden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Neurologen Read Montague vom University College in London und der Virginia Tech University an insgesamt 40 Probanden, veröffentlicht im Fachblatt „PNAS“.

Dazu wurden die Versuchspersonen in einen Magnetresonanztomografen gelegt, der die Aktivität in ihrem Gehirn aufzeichnete, während die Forscher ihnen eine Geschichte von Koffern mit „wertvollem Inhalt“ erzählten, die sie über eine Grenze transportieren sollen. In jeder Versuchsrunde zeigte ihnen Montague bis zu fünf Koffer, von denen aber immer nur einer Schmuggelgut enthalte. Dann wurden sie gebeten, sich einen Koffer auszusuchen, und gefragt, ob sie bereit wären, ihn über die Grenze zu bringen. Je mehr Koffer zur Auswahl standen, umso geringer war das Risiko, wegen Schmuggels verhaftet zu werden.

Zwar weiß der Proband nicht mit Sicherheit, ob er etwas Verbotenes tut, aber er nimmt das Risiko in Kauf, erwischt zu werden – ein Eventualvorsatz im Juristenslang. Bei nur einem Koffer zur Auswahl hingegen weiß ein Proband genau, dass er Schmuggelgut transportieren würde.

Keine Hirnscans vor Gericht

Die Bilder der Hirnaktivität der Probanden im Moment der Entscheidung analysierten die Forscher mithilfe einer selbstlernenden, mustererkennenden Software. „Anhand eindeutiger Hirnfunktionsmuster können wir mit relativ hoher Genauigkeit von etwa fast 80 Prozent vorhersagen, ob eine Person unter Vorsatz oder Eventualvorsatz handelt“, sagt Montague.

Der Forscher betont aber auch, dass Gerichte die Unterscheidung zwischen Vorsatz und Eventualvorsatz nicht auf Hirnscans beschränken sollten. „Wir zeigen, dass diese Hirnzustände in dem Moment gemessen werden können, wenn eine Entscheidung gefällt wird“, sagt der Forscher. Ob sich das auch bei 4000 Probanden bestätigen und lange nach einer Tat rekonstruieren lässt, welche Hirnprozesse involviert und durch Medikamente oder Verletzungen beeinträchtigt werden, das sei noch offen.

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