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  • 13.03.2017
  • von Tilmann Warnecke

Virtuelle Hochschule: Grenzen der digitalen Lehre

von Tilmann Warnecke

Im Netz. Welche digitalen Lehrformate nützen, wird jetzt erforscht. Foto: imago/Lars Berg

Simulierte Medizin, virtueller Klassenraum: Der Bund fördert neue digitale Formate an Hochschulen. Noch gibt es Widerstände unter Dozenten - aber auch Studierende fordern neue Lehrangebote selten ein.

Medizinstudierende lernen mithilfe von Fallsimulationen auf einer Online-Plattform, Krankheiten besser zu diagnostizieren. Angehende Lehrerinnen und Lehrer trainieren ihre Didaktik-Kompetenzen in einem virtuellen Klassenraum und können so online verschiedene Unterrichtssituationen simulieren, bevor sie vor echten Klassen stehen. Das sind zwei Beispiele, wie digitale Lehrformate die herkömmliche Lehre verbessern könnten. Die Projekte werden derzeit an der Universität Kiel (Lehramt) und der LMU München (Medizin) entwickelt. Sie gehören zu zwanzig Vorhaben, die das Bundesbildungsministerium mit insgesamt zwölf Millionen Euro über die kommenden drei Jahren fördert.

Mit diesem Programm sollen Nutzen und Grenzen digitaler Medien in der Hochschule erforscht werden. Denn die Digitalisierung mag zwar in aller Munde sein. Aus Sicht von Medien- und Bildungsforschern ist aber noch völlig unzureichend untersucht, welche digitalen Formate wirklich die Lehre verbessern können, wann der Einsatz überhaupt lohnt. „Oft besteht die Annahme, es reiche einfach aus, genügend neue Technik in Bildungseinrichtungen zu bringen, und dann laufe der Rest von allein. Diese Annahme ist falsch“, sagte Michael Kerres, Mediendidaktiker an der Universität Duisburg-Essen, bei der Vorstellung des Programms am Montag in Berlin.

Digitalisierung wird Präsenzlehre nicht verdrängen

Ebenso falsch ist sicher die Annahme, dass digitale Lehre die Präsenzlehre komplett verdrängen wird. Vielmehr – so legt auch die Gesamtschau der geförderten Vorhaben nahe – ergänzt sich beides, steht die Technik „im Dienst der Pädagogik“, wie Bildungsstaatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen sagte. Sei es, dass Physikstudierende ihre theoretischen Vorlesungen durch per Video analysierte eigene Experimente ergänzen, wie es die TU Kaiserslautern erprobt, sei es, dass Kleingruppenarbeit online unterstützt wird, indem Interaktionen in der Gruppe online analysiert und gesteuert werden. Ein solches Projekt haben die Universitäten in Bochum und Duisburg-Essen gemeinsam mit der Fachhochschule Lübeck angeschoben.

Die Lübecker versuchen schon seit den 1990ern, die digitale Lehre zu fördern, sagte FH-Präsidentin Muriel Helbig. Diese sei „kein Selbstläufer“, sondern „aufwendig und teuer“. Sie schlägt daher vor, Ressourcen zu bündeln. Nicht jede Hochschule sollte für jeden Kurs immer wieder versuchen, digitale Inhalte neu zu erfinden. Vielmehr sei es realistischer, wenn sich einige wenige Hochschulen auf die Entwicklung digitaler Lehrformate konzentrieren und dann als Dienstleister für andere Hochschulen fungieren, die diese Formate übernehmen.

Viel Aufwand für Lehrende

Ob das wirklich funktioniert, bleibt abzuwarten. Olaf Zawacki-Richter, Professor für Lernen mit neuen Technologien an der Universität Oldenburg, wandte ein, dass es dafür auch einen Kulturwandel unter Dozenten brauche, die auf ihre Autonomie pochen. „Manche Lehrenden würden ja eher die Zahnbürste eines Kollegen benutzen als dessen Lehrmaterial.“

Die Umstellung bedeute viel Aufwand für Lehrende, sagte Helbig. Diese dafür zu motivieren, sei nicht immer einfach, nicht zuletzt weil Studierende digitale Lehrformate nicht unbedingt einfordern würden. „Studierende nutzen diese zwar gerne, wenn sie erst mal angeboten werden. Sie vermissen digitale Angebote aber auch nicht, wenn man sie nicht vorhält.“ Helbig setzt da nicht auf Zwang. Sie sucht stattdessen gezielt nach Kollegen, die Interesse an der Digitalisierung haben – um so gemeinsam peu à peu die gesamte Hochschule einzubinden.

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