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  • 06.03.2017
  • von Leonhard Horowski

Friedrich Wilhelm II. und die Okkultisten: Des Königs ungute Geister

von Leonhard Horowski

Friedrich Wilhelm II. wurde durch seinem Generaladjutanten von Bischoffwerder in den Bann der Rosenkreuzer gezogen. Foto: Wikipedia.org/Source anagoria

Lange stand Friedrich Wilhelm II. unter dem Einfluss von Okkultisten. Bis der Gräfin Lichtenau einfiel, was sie dagegen tun konnte. Ein Vorabdruck aus "Das Europa der Könige"

Selten kann das Hauptschiff des alten Berliner Doms düsterer oder eindrucksvoller ausgesehen haben als im hitzigen Licht tausender Wachskerzen, die am 11. Dezember 1797 ein drei Meter hohes und zehn Meter breites Stufengerüst anstrahlten. So groß war dieses mit schwarzem Tuch und Silberfäden überzogene Monstrum, dass man seinetwegen die Prediger-Kanzel hatte abreißen müssen, die man heute freilich sowieso nicht brauchte. Obwohl es eine Beerdigung geben würde, war es kein Tag für Geistliche, denn dieser Tote hatte dem Staat gehört.

Über all den Stufen, auf denen sich die Minister und Höflinge Preußens zur Totenwache versammelten, lag da oben im silberüberzogenen Sarg der Einzige, der die 24 Territorien und acht Millionen Untertanen der „Königlich Preußischen Staaten“ zusammengehalten hatte: Friedrich Wilhelm II., noch im Tod ein Riese von einem Mann, zeitlebens schwach und liebenswürdig, sinnlich und musikalisch, so abergläubisch wie unartikuliert, ohne eigentlich dumm zu sein, vom berühmten Onkel Friedrich fast absichtlich zur Unfähigkeit erzogen, die den Vorgänger umso heller strahlen lassen würde, und nun schon tot, bevor er auch nur 54 Jahre alt geworden wäre. An seiner Seite stand inmitten lodernder Flammenbecken der General von Bischoffwerder, dessen rechte Hand auf dem versilberten Lindenholzsarg lag. Er war der Generaladjutant seines Herrschers gewesen, jener engste Militärberater des Königs also, der in Preußen automatisch eine Hauptrolle spielte.

Der unglückliche Thronfolger lässt sich in mystische Lehren einwickeln

Aber schon als Bischoffwerder noch ganz unwichtig gewesen war, hatte der zukünftige Friedrich Wilhelm II. in ihm bereits voller Ehrfurcht seinen geheimen Ordensbruder Farferus Phocus Vibron de Hudlohn erkannt, durch den die weisen Stimmen aus dem Jenseits zu ihm sprachen. Und wer es schwer finden sollte, diesen Namen mit dem nötigen Ernst zu nehmen, ist herzlich eingeladen, ein brauchbareres Anagramm für „Hans Rudolph von Bischoffwerder“ zu finden. In der überspannten Welt des Gold- und Rosenkreuzer-Ordens jedenfalls ging wenig so logisch auf wie dieser Name.

1781 war es Bischoffwerder gelungen, Preußens unglücklichen Thronfolger Friedrich Wilhelm für diesen Orden zu gewinnen und so erfolgreich in mystische Lehren einzuwickeln, dass der Prinz sich sogar von seiner damaligen Mätresse trennte. Das hielt freilich nicht allzu lange. Die später zur Gräfin Lichtenau erhobene Hoftrompeterstochter Wilhelmine Ritz blieb die engste Vertraute ihres Ex-Geliebten, mit dem sie vier Kinder hatte; eine entschlossene Feindin der Rosenkreuzer war sie dagegen schon deshalb, weil sie als nahezu einzige Person in Friedrich Wilhelms Umgebung gegen Esoterik ehrlich allergisch gewesen zu sein scheint.

Ein wildes Potpourri aus christlicher, antiker und Aufklärungsmystik

Bischoffwerder und seine Mitspieler dagegen nahmen ihr wildes Potpourri aus christlicher, antiker und Aufklärungsmystik so tragisch ernst, dass es einem fast schon wieder leidtun könnte. Nachdem nämlich 1786 der Tod Friedrichs II. den Neffen als Friedrich Wilhelm II. auf den Thron erhob, war prompt genau das ausgeblieben, was die Rosenkreuzer dem Prinzen so großartig angekündigt hatten. Die „Geheimen Oberen“, jene Weisen aus dem Osten also, die den Orden mittels schriftlicher Anweisungen leiteten, weil sie „durch göttliches Licht und seraphische Heiligkeit sich unendlich weit über die Masse der Sterblichen erheben“, waren nicht nach Berlin gekommen, hatten den Rosenkreuzern keine Lehren für den „Umgang mit den höhern unsichtbaren Wesen“ erteilt und auch dem neuen Herrscher mitnichten jene magischen Regierungs-Superkräfte verliehen, auf die er sich schon so gefreut hatte.

Wären Bischoffwerder und seine Freunde bloß einfache Betrüger gewesen, so hätten sie sich wohl gehütet, derartig Unerfüllbares zu versprechen; aber sie waren eben etwas viel Schlimmeres, intrigante Idealisten also, die jetzt ernsthaft enttäuschte Briefe an die Geheimen Oberen schrieben. Das nämlich war die finale Ironie des Ganzen: So erfunden diese leitenden Lichtgestalten uns erscheinen müssen, so klar ist doch belegt, dass oberhalb der Berliner Hofleute noch mindestens eine Hierarchieebene wirklich existierte. Allerdings waren es keine mysteriös durch Asien schwebenden Übermenschen, sondern drei harmlose süddeutsche Sinnsucher, die all die Briefe aus Berlin beantworteten. Wir wissen weder, ob sie den Orden selbst gegründet hatten, noch auch, ob in dessen Hierarchie andere über ihnen standen.

Elf Jahre behielten die Rosenkreuzer die Gunst des Monarchen

Klar ist nur eines: Die Macht, die ihnen da auf silbernem Tablett angeboten wurde, interessierte sie offensichtlich nicht. Mag sein, dass es ihnen wirklich nur um die Spiritualität ihres Ordens ging. Mag andererseits sein, dass sie aus der Nummer einfach nicht mehr herauskamen. Der Orden der Gold- und Rosenkreuzer wäre jedenfalls kaum das erste nicht ganz zu Ende gedachte Projekt gewesen, das sich nach dem Prinzip der stillen Post verbreitete, weil es einfach so gut zum Zeitgeist passte. Bald schon waren da zahllose Anhänger gewesen, die in die alchemistisch-antiquarisch-theologische Spielerei der geheimen Gründer immer größere Hoffnungen hineinprojizierten: Wie gut hätten die wohl das Geständnis aufgenommen, man sei, ehrlich gesagt, weder unsterblich noch in Asien und habe auch die echten Tempelritter noch immer nicht gefunden?

Ein umso größerer Segen folglich, dass man das dank all der Geheimnistuerei nicht tun musste. Der unscheinbare Privatmann aus Pfreimd bei Regensburg, in dessen Haus alle Berichte von Berlins oberstem Rosenkreuzer landeten, las sie so aufmerksam, wie es halt sein musste, schrieb dann als Instruktion zurück, Bischoffwerder & Co. sollten in der Tat genau das machen, was sie eben selbst vorgeschlagen hatten, lobte sie gegebenenfalls noch ein bisschen und ließ ihnen ansonsten durchaus gegen ihren Willen völlige Handlungsfreiheit.

Elf Jahre behielten die Rosenkreuzer die Gunst des Monarchen. Bischoffwerder allein hätte das wohl kaum geschafft, gerade weil er ganz wie sein König kein Möbelstück knacken hören konnte, ohne das als mystische Botschaft zu deuten. An seiner Seite stand jedoch ein Ex-Pfarrer namens Johann Christoph Woellner (Heliconus Solaster Ruwenus Ophiron), der den General nicht allein durch Bildung und Verstand vorteilhaft ergänzte. Er hatte auch seinerzeit als Hauslehrer eine adelige Generalstochter verführt und dann geheiratet, deren Cousine jetzt dem König einen Sohn gebar, was zusammen mit der Rosenkreuzerei ausreichte, um Woellner den Adel und einen Ministerposten einzubringen. So kam für neun Jahre Preußens Kirchen- und Bildungswesen unter die Fuchtel des mystischen Ex-Pfarrers, der sogleich begann, die ebenso bedauerliche wie gefährliche Rationalismustendenz der Pfarrer und Professoren zu bekämpfen.


Der gemeinsame Sohn Alexander stirbt - und spricht durch die Gräfin aus dem Jenseits

Als ein erstes Gesetz die religiöse Toleranz zurückgeschraubt hatte, erhielt Friedrich Wilhelm II. zwar immer noch keine Superkräfte, aber doch wenigstens ein Dankschreiben der zu Tränen gerührten Geheimen Oberen, die ihm versicherten, sich bei ihren Vorgesetzten ernsthaft um die Erlaubnis zur Reise nach Berlin zu bemühen (eine Versicherung, die sie bereits zwei Jahre später erneuerten, auch wenn es dann leider doch wieder nichts wurde); inzwischen möge der König die heilsame Zensur aber bitte schon mal auf die Presse ausdehnen, was natürlich prompt geschah. Kein Wunder, dass Woellner die eigentliche Vereinstätigkeit der Rosenkreuzer bald bis auf Weiteres einstellen ließ. Man hatte jetzt Erhabeneres zu tun, solange nur der König mitspielte. Dazu allerdings bedürfte es weiterhin übersinnlicher Szenen, deren Vorspiegelung sich die ältere Literatur mit mehr Farbenfreude als Wahrhaftigkeit ausgemalt hat.

Tatsächlich beließ man es wohl dabei, dem König von Bischoffwerders Visionen zu erzählen, weswegen diese unschuldige Seele Friedrich Wilhelm sich denn auch mehrfach beklagte, selbst nie eine klare Botschaft höherer Mächte zu erhalten. Langsam, ganz langsam ermattete so die eigentliche Rosenkreuzerei, weil selbst die Frömmsten nicht unbegrenzt lang glauben mochten, dass das Schweigen des Jenseits nur eine Prüfung der Glaubenstreue sei. Der einmal etablierte Einfluss Woellners und Bischoffwerders auf den armen König litt darunter jedoch so wenig, dass es sie umso unangenehmer überrascht haben muss, nun plötzlich mystische Konkurrenz aus unerwarteter Richtung zu erhalten.

Irgendwann hatte nämlich die arme Gräfin Lichtenau das begeisterte Gerede nicht mehr ausgehalten, mit dem ihr königlicher Ex-Freund sie von den Segnungen der Geisterwelt zu überzeugen suchte. Abbringen konnte sie ihn freilich nicht davon. Als aber 1787 ihr und des Königs gemeinsamer Sohn Alexander oder Anderchen mit nur acht Jahren starb und unter einem heute in Berlins Alter Nationalgalerie stehenden Riesengrabmal beerdigt wurde, hatte der verzweifelt traurige König kurz danach im gemeinsamen Potsdamer Haus ein Kind „Vater!“ rufen gehört, was jemand wie er nur als Nachricht aus dem Jenseits verstehen konnte. Und diesmal hatte die Ex-Mätresse nach dem dritten Versuch aufgegeben, es dem König ausreden zu wollen.

Gräfin Lichtenau rät dem König übersinnlich zur Keuschheit

Wenn Friedrich Wilhelm II. nun schon einmal so unbedingt Nachrichten aus dem Jenseits wollte, dann sollte er sie nach Ansicht der Lichtenau wenigstens auch von ihr erhalten. Sie ließ sich also vom König zum Geisterglauben bekehren, was den dermaßen freute, dass er nicht einmal dann stutzig wurde, als nun auch sein Sohn ihm regelmäßige Botschaften schickte, ohne doch jemals direkt kommunizieren zu wollen. Immerhin war der Gräfin im Unterschied zu den Rosenkreuzern von Anfang an bewusst, dass sie das alles nur erfand, weswegen sie passgenauer formulieren und den Monarchen regelmäßig zum Selberdenken auffordern konnte, ohne dass das freilich besonderen Erfolg gehabt hätte. Im Gegenteil spürte auch die Lichtenau bald, dass so eine okkulte Machtpolitik mit viel harter Arbeit verbunden war. Was half es ihr, das Jenseits-Portfolio mit allerhand geheimnisvollen Wesen auszudifferenzieren, wenn sie die Nachrichten am Ende doch wieder selbst erfinden musste?

Und wie sollte man noch zu etwas anderem kommen, wenn der von seinem Glück berauschte Ex-Geliebte nur immer noch mehr solche Botschaften brauchte, weil er sich ohne geistige Leitung von der anderen Seite nicht einmal mehr die Verführung einer bereits ungeduldigen Balletttänzerin zutraute? Es war der klugen Gräfin ein schwacher Trost, Friedrich Wilhelm in solchen Situationen übersinnlich zur Keuschheit verpflichten zu können, zumal der dann natürlich erst recht manisch nachfragte, wie lange das wohl noch sein müsse. Und währenddessen schlief ja die Konkurrenz keineswegs, die das alles naturgemäß mit Empörung sah.

Ein zäher Machtkampf zweier Okkultistencliquen

Schon hatte Bischoffwerder eine schlesische Schlafwandlerin am Wickel, die er nach ausführlicher Vorbereitung mehrfach auf den selbstverständlich hingerissenen König losließ, um ihn mit einem wirren Sermon zu traktieren. Aber auch das kam nicht billig – der Finder dieser Frau musste belohnt werden, indem man seinen Schwiegervater zum Chef einer Kommission ernannte, die sämtliche Pfarrer Preußens auswählte.

Wir dürfen uns die letzten Jahre Friedrich Wilhelms II. folglich als den zähen Machtkampf zweier Okkultistencliquen vorstellen, die ihre Zeit inzwischen beide herzlich gern mit Sinnvollerem verbracht hätten. Lediglich die seit Ewigkeiten von ihrem Mann separierte Königin Friederike scheint Gespenster einfach deswegen gesehen zu haben, weil sie ein kleines bisschen verrückt war, und so wollen wir sie denn für diese erfrischende Hintergedankenfreiheit ihrer Geisterseherei nicht weniger loben als dafür, in Gestalt des Kronprinzen zugleich die letztliche Lösung des Problems produziert zu haben.

Bei dem Text handelt es sich um einen Vorabdruck, den Buchautor Leonhard Horowski und der Rowohlt Verlag dem Tagesspiegel zur Verfügung gestellt haben: Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts. Rowohlt Verlag, Reinbek, 2017. 1119 Seiten, 39,95 Euro. Gelegenheit, den Autor und sein Buch kennenzulernen, bietet die Buchpremiere an diesem Mittwoch, 8. März, ab 19.30 Uhr im Schloss Charlottenburg, moderiert von Ijoma Mangold von der „Zeit“ (Spandauer Damm 20–24, Neuer, östlicher Flügel; Eintritt frei; eine Anmeldung ist nicht erforderlich).

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