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  • 27.02.2017
  • von Adelheid Müller-Lissner

Resistente Keime: WHO fordert Entwicklung neuer Antibiotika

von Adelheid Müller-Lissner

Resistent. Die Weltgesundheitsorganisation WHO will den Kampf gegen antibiotika-resistente Bakterien verstärken. Foto: Daniel Karmann/dpa

Die WHO veröffentlicht eine Liste von Erregern, gegen die gängige Mittel nicht mehr helfen. Die Bakterien können vor allem bei immungeschwächten Krankenhauspatienten lebensbedrohlich werden.


Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich jetzt erstmals entschlossen, eine Liste derjenigen Bakterien zu veröffentlichen, gegen die besonders dringend neue Medikamente gebraucht werden, weil gängige Antibiotika als Waffen gegen sie stumpf geworden sind. Die meisten von ihnen können vor allem bei immungeschwächten Krankenhauspatienten lebensbedrohliche Lungenentzündungen, Wundinfektionen und Blutvergiftungen hervorrufen. „Die Liste ist ein neues Werkzeug, um sicherzustellen, dass Forschung und Entwicklung auf dringende Bedürfnisse der öffentlichen Gesundheit reagieren“, sagte Marie-Paul Kieny von der WHO bei der Vorstellung der Liste am Montag in Genf. Dem Markt allein könne man das nicht überlassen.

Unter den zwölf Namen der Prioritätenliste, die maßgeblich von Infektionsmedizinern der Universität Tübingen mitgestaltet wurde, werden als besonders „kritisch“ verschiedene Erreger hervorgehoben, die auch gegen das Reservemittel Carbapenem unempfindlich sind: Acinebacter baumannii, Pseudomonas aeruginosa und verschiedene Erreger, die vorwiegend im Darm vorkommen, wie Escherichia coli und Klebsiellen.

Ein Horrorkeim, der geschwächte Patienten dahinrafft

In der Gruppe mit „hoher“ Priorität finden sich unter anderem Salmonellen, die Lebensmittelvergiftungen hervorrufen können, und der Erreger der Gonorrhoe. Der Erreger der Tuberkulose wird nicht erwähnt, weil er in anderen WHO-Programmen auftaucht. Zu den Bakterien mit hoher Priorität gehört auch der Keim MRSA, der gegen das gegen das Mittel Methicillin unempfindlich geworden ist.

Das Mitglied aus der Familie der Staphylokokken gilt in der Öffentlichkeit schon seit Jahren als besonderer Horror-Keim, der vor allem schwer kranke, geschwächte Krankenhaus-Patienten dahinrafft. Aufgrund seines Verhaltens beim Einfärben vor der Untersuchung unter dem Mikroskop gehört er wie die Streptokokken oder die Clostridien zur Sorte der „grampositiven“ Bakterien. Inzwischen machen den Experten aber „gramnegative“ Bakterien wie Pseudomonas aeruginosa mehr Sorgen. Denn unter ihnen sind die Resistenzen durch veränderte und von anderen Mikroorganismen erworbene Gene besonders im Vormarsch.

Angela Merkel appellierte, Antibiotika maßvoll einzusetzen

Neben dem lebensbedrohlichen Potenzial der Bakterien war für die Aufnahme in die neue WHO-Liste auch wichtig, wie oft sie Resistenzen gegen verfügbare Antibiotika zeigen, wenn Menschen sich mit ihnen außerhalb von Krankenhäusern und Altenheimen anstecken, welche Behandlungsmöglichkeiten dann bleiben – und ob es schon Forschungsaktivitäten für neue Medikamente gibt.

Dass Mikroorganismen gegen natürlich vorkommende oder synthetisch hergestellte Abwehrstoffe unempfindlich werden, ist ein natürlicher Vorgang – der jedoch durch den unsachgemäßen Gebrauch dieser Mittel beschleunigt wird. Erst vor wenigen Tagen mahnte die Bundeskanzlerin die Bürger auf der Facebook-Seite der Bundesregierung, Antibiotika maßvoll einzusetzen. Denn oft sind es die Patienten, die Ärzte bei einer Erkältung um ein Rezept bitten – obwohl Antibiotika gegen deren Hauptverursacher, die Viren, nichts ausrichten können.

Wie stark Resistenzen eine der wichtigsten Errungenschaften der Medizin aus den letzten 70 Jahren bedrohen, wird auch Thema beim Treffen der G20-Gesundheitsexperten in dieser Woche in Berlin sein. Mit der nationalen Strategie DART (für: Deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie) 2020 will Deutschland einen umfassenden Ansatz für Human- und Tiermedizin und Landwirtschaft stärken, Überwachungssysteme zum Einsatz von Antibiotika und der Ausbildung von Resistenzen fördern und die Forschung unterstützen.

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