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  • 12.02.2017
  • von Helena Wittlich

Kosmonaut Sigmund Jähn wird 80: Ein Held wider Willen

von Helena Wittlich

Als Sigmund Jähn im August 1978 ins All flog, schwärmte er von dem Blick auf den blauen Planeten. Foto: imago/ITAR-TASS

Bejubelt, verehrt und trotzdem im Westen unbekannt: Zum 80. Geburtstag von Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im All.

Als Sigmund Jähn am 26. August 1978 als erster Deutscher ins All fliegt, schenkt ihm die Bundesrepublik wenig Beachtung. Sein Name bleibt unbekannt. Im Tagesspiegel nennt man ihn sogar einmal „Sigmund Jensch“. Der Osten hingegen feiert seinen ersten Kosmonauten wie einen Popstar. Was er vor 39 Jahren erlebte, bleibt bisher nur zehn anderen Deutschen und insgesamt rund 550 Astronauten aus der ganzen Welt vorbehalten – der Blick auf die Erde aus dem All. Am morgigen 13. Februar feiert der ehemalige Kosmonaut Sigmund Jähn seinen 80. Geburtstag.

"Wir kannten unsere Aufgabe und wollten sie gut erfüllen"

Es ist die uralte Sehnsucht des Menschen, die Grenzen des Irdischen zu überwinden und ins Weltall zu reisen. Als vor zwei Jahren eine niederländische Firma Freiwillige für einen Flug zum Mars suchte, meldeten sich 200 000 Menschen. Der gelernte Raumfahrer Jähn hält solch eine Mission für Schwachsinn. „Das ist ein Himmelfahrtskommando. Die Leute, die dort mitfliegen wollen, können sich gleich auf der Erde umbringen“, sagte er. Dass er sicher zur Erde zurückkehren würde, daran hatte Jähn keinen Zweifel. „Brauchten wir Angst zu haben? Wir kannten unsere Aufgabe und wollten sie gut erfüllen. Dazu waren wir aufs gründlichste ausgebildet worden und vertrauten der uns bekannten Technik.“ So schrieb er in seinem Buch „Erlebnis Weltraum“, das 1983 erschien.

Jähns Geburtsort Morgenröte-Rautenkranz liegt im Vogtland in Sachsen. Dort besucht er die Volksschule. Er bricht sie in der achten Klasse ab, lernt Buchdrucker. Ab 1955 leistet er seinen Militärdienst bei der Nationalen Volksarmee, wird Jagdflieger. Parallel holt er sein Abitur nach, studiert an der Militärakademie der Luftstreitkräfte „J. A. Gagarin“ bei Moskau. 1976 dann kommt er mit drei anderen Kandidaten in die engere Auswahl für die Kosmonautenausbildung. Zwei Jahre bereitet er sich auf den Flug ins All vor, im „Sternenstädtchen“ nahe der sowjetischen Hauptstadt, wo sich das Ausbildungszentrum befindet. Am 24. August 1978, zwei Tage vor dem Start, fällt die Entscheidung. Der Vogtländer darf gemeinsam mit Waleri Bykowski ins All starten.

Geheimsache: Bei der Landung erleidet Jähn einen Rückenschaden

Nun beginnt die große Inszenierung. Start und Raumflug werden in Sondersendungen im DDR-Fernsehen übertragen. Jähn winkt von den Treppen der Rakete, schwebt in die Raumstation „Saljut 6“, begrüßt seine sowjetischen Kameraden, verteilt Geschenke. 124 Mal umrundet er die Erde, macht ein Foto mit einer in der DDR gebauten Multispektralkamera, landet nach knapp acht Tagen in der sowjetischen Steppe. Bei der Landung überschlägt sich die Kapsel mehrfach, Jähn zieht sich einen dauerhaften Rückenschaden zu. Das wird erst Jahrzehnte später bekannt.

Zurück auf der Erde folgen Reden, Ehrungen, Empfänge. Sogar Ehrenbürger von Berlin wird er. Doch die Reden schreibt er nicht selbst. Wohin er reist, bestimmt der Staat. „Ich wusste gar nicht, wie mir geschieht“, sagt er heute. Er ist ein Held wider Willen, spielt seine Rolle, aber macht doch stets den Eindruck, als wäre ihm der Rummel um seine Person etwas suspekt. Jähn wird zur Propagandafigur der DDR. Wie das für ihn ist, darüber redet er auch Jahrzehnte später nicht.

Erster "Deutscher" im All - und nicht "Bürger der DDR"

Er sagt nur, dass er sich gewundert habe, als er als „Deutscher“ im All gefeiert wurde. Denn die DDR besteht eigentlich auf der Bezeichnung „Bürger der DDR“, da man sich von dem Nachbarstaat abgrenzen will. Doch Jähn ist eine Ausnahme, sein Flug ein Symbol des Triumphes.

Fünf Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Weltraum wird er promoviert und vom Oberst zum Generalmajor befördert. Fliegen darf er nicht mehr. Nach der Wende ist er arbeitslos, doch dann entdecken das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Europäische Raumfahrtagentur ESA ihn als Experten. Er berät, unterstützt sie bei der Astronautenausbildung. Seit 2002 ist Jähn im Ruhestand. Den 80. Geburtstag feiert er im Vogtland, im Kreise seiner Familie mit Kindern, Enkeln, sogar Urenkeln. Ob er wieder ins All fliegen würde? „Auf jeden Fall“, sagt er, ohne zu zögern.

Dank des Films „Good Bye Lenin“ ist sein Name auch im Westen besser bekannt. Dort winkt Jähn im Fernseher von der Treppe des Raumschiffs, später lässt die Hauptperson Alex den Kosmonauten die Öffnung der innerdeutschen Grenze verkünden. Eigentlich sollte er sich im Film selbst spielen, sagte aber ab. Er hat im wirklichen Leben lange genug den Helden gespielt.

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