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  • 12.06.2018
  • von Oliver Voß

Die "neue" Cebit: Auf dem Rummelplatz der Digitalisierung

von Oliver Voß

Riesenrad und Budenzauber: Das Gelände der Computermesse Cebit in Hannover ist komplett neu gestaltet. Foto: imago/Future Image

Die Computermesse Cebit kämpft mit einem „Jahrmarkt der Innovationen“ ums Überleben. Aussteller loben diesen Versuch. Er wirkt noch etwas improvisiert. Ein Rundgang

Um auf die Bühne zu kommen müssen DIHK-Chef Martin Wansleben und Digitalstaatsministerin Dorothee Bär erst einmal über die „Muttreppe“ klettern. So nennen sie hier eine wackelig aussehende Konstruktion aus Metallkoffern. Oben auf der schwarzen Bühne spielt eine blonde DJane im knappen schwarzen Lederoutfit Elektrostücke, unten auf der Wiese warten an Stehtischen die 23 Gewinner des Digital-Awards der Deutschen Industrie- und Handelskammern darauf, ihre Preise in Empfang zu nehmen. Vorher reimt noch ein Poetry-Slammer über schwäbische Webwurst und Krawattenstatements, einzig die Dominanz der blauen Anzüge trübt das Bild des hippen Digitalevents.

Willkommen auf der neuen Cebit. Ein Innovationsfestival wollen sie in Hannover aus der in die Jahre gekommenen IT-Messe machen. Im Zentrum befindet sich der „Jahrmarkt der Innovationen“, auf dem die IT-Riesen Rummelplatzatmosphäre mit Technologie verknüpfen. SAP hat hier ein Riesenrad aufgestellt, um Verkaufsgespräche mit besonderer Aussicht zu führen.

Darauf setzt auch IBM mit seinem „Cloudlifter“, der gleichzeitig 32 Besucher in 70 Meter Höhe hebt. Am Boden hat Intel eine Strandbar mit Sand und Liegestühlen aufgebaut, zudem gibt es ein großes Plastikbecken mit einer künstlichen Welle, in dem Wagemutige oder alle die eine Abkühlung brauchen, surfen können. Das Ganze wird mit Kameras aufgezeichnet und in die Nachbarhalle übertragen, wo man das Spektakel live mit Virtual-Reality-Brillen in 360-Grad-Ansicht bestaunen kann.

Jan Delay und Mando Diao sollen es retten

Auch AVM, der Berliner Hersteller der Fritzbox-Router, hat sich nicht lumpen lassen und neben dem klassischen Hallenstand auf dem Außengelände eine Präsenz aus großen Containern gebaut von denen man eine gute Aussicht über die Foodtrucks bis hin zur großen Bühne hat, auf der am Musiker wie Jan Delay oder Mando Diao spielen. „Die erste Resonanz ist besser als gedacht“, sagt AVM-Sprecher Urban Bastert. Wie alle anderen ist er gespannt und natürlich auch etwas skeptisch, ob das neue Konzept aufgeht. „Ich finde es aber positiv, dass die Messe das macht und mit welcher Energie sie es umsetzen“, sagt Bastert. Schließlich sind die Besucherzahlen in zehn Jahren von einer halben Million auf zuletzt 200.000 gesunken. Und: Man habe die jungen Leute nicht mehr erreichen können, räumte Messechef Oliver Frese ein. „Diese Zielgruppe erwartet andere Formate als eine traditionelle Messe.“

Dabei hat die Cebit hat schon einige Versuche hinter sich, um jünger, moderner und attraktiver zu werden. So engagierte sie Deutschlands obersten Interneterklärer Sascha Lobo, um neue Formate zu entwickeln. Dann wurden eigene Hallen für Start-ups aufgemacht, „Code_n“ mit dem dazugehörigen Wettbewerb war auch lange einer der Höhepunkte – bis der Veranstaltungspartner daraus ein eigenes Event machte. Doch ohnehin blieben vieles Inseln im großen, gleichförmigen Cebit-Ozean. Das eigentliche Problem ließ sich damit nicht lösen: Die Veränderung der Technologie- und Veranstaltungslandschaft gleichermaßen. (Lesen Sie hier einen Kommentar)

Attraktive Konkurrenz in Barcelona und Berlin

Neben alten Wettbewerbern wie der CES in Las Vegas oder der Berliner IFA kamen neue Großevents wie der Mobile World Congress in Barcelona oder die South-by-Southwest (SXSW) in Texas hinzu, die der Cebit die Show stehlen. Dazu kommen Internet- und Start-up-Konferenzen wie DLD, Bits and Pretzels oder in Berlin re:publica, Noah oder das Tech Open Air (das kommenden Dienstag beginnt). Große Unternehmen wie Apple, Samsung oder Facebook präsentieren ihre Neuheiten inzwischen auf eigenen Entwicklerkonferenzen, wo ihnen die ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil wird. So blieben immer weniger Produktpremieren für Hannover.

Die Digitalisierung der Industrie führt zudem dazu, dass die Hannover Messe ebenfalls immer stärker zur IT-Veranstaltung wurde. Gerade im Bereich der Geschäftskunden liegt auch der Fokus von Cebit-Schwergewichten wie SAP, IBM oder Microsoft. So ist es letztlich nur konsequent, wenn Microsoft sagt, man fokussiere sich auf die Hannover Messe. Dort hat die Cebit als „Centrum der Büro- und Informationstechnik“ auch ihren Ursprung und wurde erst 1986 als eigenständige Veranstaltung ausgegliedert. Mancher denkt auch darüber nach, ob man beide Veranstaltungen nicht wieder zusammenlegen könnte, doch damit entginge der Deutschen Messe AG und Hannover der zweite Höhepunkt des Jahres.

Altmaier ist gegen eine Zusammenlegung mit der Hannover Messe

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nannte in seiner Eröffnungsrede noch einen zweiten Grund, warum die Cebit als eigenständige Veranstaltung erhalten bleiben sollte. „Wir reden immer über die Digitalisierung als größte Herausforderung unserer Zeit, da wäre es doch eine Dummheit sondergleichen, wenn wir die Cebit nicht bewahren und ausbauen.“

Viele Teilnehmer loben den Mut der Veranstalter und finden die Veränderung positiv. „Man redet immer über Transformation, aber wenn man selbst aktiv wird, werden einem die Knie weich“, sagte Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Industrie. Er prophezeit auch, verschiedene andere Messen die Neuausrichtung mit Argusaugen verfolgen werde. Das sei ein „mutiger, aber auch notwendiger Schritt“, sagt auch Achim Berg, Präsident des Digitalverbands Bitkom. Ob der Wandel gelinge, werde man jedoch erst in zwei oder drei Jahren wissen.

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