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  • 11.06.2018
  • von Oliver Voß

Vodafone-Chef: Warum Vodafone Mobilfunk auf dem Mond plant

von Oliver Voß

Vodafone-Chef Hannes Ametsreiter auf der Noah-Konferenz im Juni 2018 in Berlin. Foto: Promo

„Wenn man nur im Klein-Klein denkt, bleibt man klein“: Vodafone-Deutschlandchef Ametsreiter über den Kauf von Unitymedia, Internet auf dem Mond – und die irdischen Funklöcher.

Herr Ametsreiter, Sie wollen nächstes Jahr ein Mobilfunknetz auf dem Mond aufbauen. Warum?
Das ist ein modernes Abenteuer, unser Unternehmen dringt damit in einen Bereich vor, der vorher als völlig unmöglich angesehen wurde. Zudem ist es die erste deutsche Raummission. Dahinter steckt das Berliner Start-up PTScientists, das von einem 32-Jährigen angeführt wird. Die stemmen ein Projekt, das früher Milliarden gekostet hat.

Und was kostet Vodafone das Projekt?
Wir haben vereinbart, dass wir über die Geldbeträge nicht sprechen. Aber der Nutzen für uns ist hoch. Denn das Projekt ist wahnsinnig motivierend für unsere Mitarbeiter weltweit.

Ist es nicht vor allem eine Marketingaktion?
Die Entwicklung einer Basisstation für den Mond bringt uns als Netzbetreiber und unseren Kunden hier auf der Erde ganz konkrete Vorteile. Wir mussten alles neu denken, um die leichteste und widerstandsfähigste LTE-Station zu bauen, die es je gab. Das macht den Ausbau schneller Netze auf dem Land einfacher und günstiger. Daneben gibt es natürlich auch einen guten Werbeeffekt. Die Mission wird vom Red Bull Media House übertragen, wie schon der Stratosphärensprung von Felix Baumgartner. Aber wichtiger sind die technologischen Erkenntnisse, die wir gewinnen.

Welche denn und warum braucht man überhaupt Mobilfunk auf dem Mond?
Wir stellen damit die Funkverbindung zwischen der Mondfähre und den zwei Rovern her, die dann das Apollo 17 Mondfahrzeug erkunden sollen. Ein Industriestandard wie 4G ist dabei die effizienteste und leistungsfähigste Variante. Doch wir mussten das Gewicht der Basisstation von fünf Kilo auf unter ein Kilo verringern. Denn je leichter die Basisstation ist, desto mehr Platz kann für andere Experimente reserviert werden. Solch ein Kilo Mondfracht kostet rund 750.000 Euro. In besonders entlegene Regionen oder im Katastrophenfall können wir dank der Erkenntnisse aus der Mondmission auf der Erde zukünftig Basisstationen schnell per Drohne bringen.

Auch hierzulande klagen viele Nutzer über Funklöcher. Wieso schließen Sie die nicht, bevor Sie ein Netz auf dem Mond bauen?
Ich verstehe natürlich jeden, der das sagt. Aber der Fortschritt darf nicht stehen bleiben und wenn man nur im Klein-Klein denkt, bleibt man klein. Darum machen wir beides. Wir bauen das Netz auch hier in Deutschland weiter aus. Alle sechs Stunden nehmen wir eine neue LTE-Basisstation in Betrieb und werden bis Ende 2019 ein nahezu flächendeckendes LTE-Netz haben. Davon profitieren sowohl urbane wie auch ländliche Regionen.

Auch der neue Mobilfunkstandard 5G steht in den Startlöchern. Was erwarten Sie davon?
5G bringt noch einmal mehr Geschwindigkeit und Bandbreite, dazu aber auch deutlich verbesserte Latenzzeiten, das heißt die Reaktionsgeschwindigkeit von Anwendungen wird noch mal gesteigert. Dazu kommen aber noch spezielle technische Neuerungen. Das eine ist das sogenannte Beamforming, das bedeutet im Prinzip, dass die Antenne quasi dem Nutzer folgt. Das setzen wir jetzt auch schon bei 4G ein, um den Empfang zu verbessern. Dann gibt es noch das Network Slicing, damit kann regional eine gewisse Bandbreite für bestimmte Firmen reserviert werden. Das kann vor allem für die Industrie ganz neue Möglichkeiten schaffen.

Widerspricht so eine Sonderspur nicht dem Gebot der Netzneutralität, nachdem alle Daten gleichberechtigt durchgeleitet werden müssen?
Die industriellen Anwendungen erfordern eine gesicherte Qualität und Bandbreite, was der Rechtsrahmen heute zulässt. Wir hoffen und gehen davon aus, dass auch die Regulierungsbehörden in Europa die technischen Weiterentwicklungen entsprechend positiv begleiten werden.

Die Versteigerung der 5G-Lizenzen findet nun doch nicht in diesem Jahr statt. Wie stark verschieben sich Ihre Planungen?
Nicht sehr. Es ist relativ unerheblich, ob man ein paar Monate früher oder später beginnt. Voraussichtlich soll die Auktion nun im ersten Quartal 2019 stattfinden. Nach unserem Kenntnisstand steht der genaue Zeitplan aber noch nicht fest. Eine frühzeitige Vergabe ist natürlich wünschenswert, damit wir im Anschluss zügig die 5G-Aktivitäten umsetzen können. Es geht aber auch hier Qualität vor Quantität beziehungsweise Geschwindigkeit. Mit dem Vergabeverfahren werden entscheidende Weichen gestellt. Wichtig ist, dass hierbei Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Netzbetreibern erlauben zu investieren.

Wem wird 5G dann vor allem nutzen?
Das hängt von der Frequenz ab, mit der man 5G betreibt. Jetzt wird ein 3,5-Gigahertz-Netz ausgeschrieben, das ist hauptsächlich für die Versorgung in urbanen Bereichen sowie Hotspots. Für die Versorgung in der Fläche ist es nicht wirklich geeignet.

Aber als eine Hauptanwendung gilt doch das autonome Fahren. Geht das auf Autobahnen oder Landstraßen gar nicht?
Das 3,5-Gigahertzspektrum ist für die Versorgung der Fläche aufgrund seiner Ausbreitungsbedingungen nicht geeignet. Hier werden vor allem Frequenzen unterhalb von 1 GHz zum Einsatz kommen. Solche Frequenzen haben wir bereits in der Vergangenheit ersteigert. Sie sind genauso für die 5G-Technologie geeignet wie die 3,5 Gigahertzfrequenzen. Aber autonomes Fahren wird sowieso online wie offline stattfinden müssen, also mit und ohne Internetverbindung. Man wird hier ein Zusammenspiel unterschiedlicher Technologien sehen. Wir sind bei dieser Entwicklung ein Taktgeber. Heute gibt es neun Verkehrstote pro Jahr, wir wollen helfen, dass es gar keine mehr gibt.

Ein weiteres Großprojekt ist die Übernahme des Kabelnetzbetreibers Unitymedia. Wie ist da der Stand?
In den nächsten Monaten werden wir die Unterlagen in Brüssel einreichen, dann beginnt der Prüfprozess der Behörden. Wir rechnen mit einer Entscheidung bis Mitte nächsten Jahres. Wir wünschen uns natürlich einen positiven Bescheid.

Haben Sie daran Zweifel? Schließlich reduziert sich der Wettbewerb.

Nein, da widerspreche ich sofort. Es wird nicht weniger, sondern mehr Wettbewerb geben. Weniger nicht, weil Unitymedia und wir uns auch zuvor schon keinen Wettbewerb im Kabelbereich gemacht haben. Wo der eine vertreten war, war es der andere nicht – und umgekehrt. Mehr Wettbewerb wird entstehen, weil erstmals ein bundesweiter Konkurrent zur Telekom entsteht, der Gigabitnetze bringt – für zwei Drittel aller Deutschen. Damit treiben wir die Telekom auch dazu, noch stärker selbst in Glasfaser zu investieren. Denn eines ist klar: Auch nach 20 Jahren Liberalisierung dominiert die Telekom immer noch den Zugangsmarkt mit 75 Prozent aller Kundenanschlüsse. Wir sehen hier kein Monopol, sondern im Gegenteil bundesweiten Infrastrukturwettbewerb, den es bisher nicht gab. Davon werden die Verbraucher nachhaltig profitieren. Die Sichtweise teilen auch viele Experten, zum Beispiel der Vorsitzende der Monopolkommission und auch der Chef der Bundesnetzagentur.

Das Interview führte Oliver Voß

Hannes Ametsreiter (51) ist seit Oktober 2015 Chef von Vodafone Deutschland. Zuvor leitete der Österreicher sechs Jahre lang Telekom Austria. Ametsreiter hat Publizistik und Sportwissenschaft in Salzburg studiert. Sein Unternehmen Vodafone ist kürzlich zum größten deutschen Mobilfunkanbieter aufgestiegen. Mit 46 Millionen Kunden überholte der Konzern Telefónica O2, die seit der Übernahme von E-Plus mit Serviceproblemen und Kundenschwund kämpfen. Die Telekom kommt auf 42,7 Millionen Kunden. Um auch bei schnellen Internetanschlüssen noch stärker zu werden, will Vodafone für 18,4 Milliarden Euro den britischen Kabelanbieter Liberty Global übernehmen. Vor allem um sich damit die deutsche Tochter Unitymedia einzuverleiben. Der Tagesspiegel traf Ametsreiter im Juni am Rande der Noah-Konferenz in Berlin.

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