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  • 17.05.2018
  • von Carla Neuhaus

Bankenverbandspräsident: „Jede Bank wird jeden Tag angegriffen“

von Carla Neuhaus

„Boni sind eine Methode, Talente anzulocken – dürfen aber nicht die einzige sein“, so Krautscheid. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, spricht im Interview über IT-Sicherheit, Finanzwissen und die Bankjobs von morgen.

Herr Krautscheid, viele Deutsche wissen nicht, was Inflation oder eine Einlagensicherung ist. Wie kann das sein?

Das Finanzwissen der Verbraucher hat sich in den letzten Jahren tatsächlich eher verschlechtert, das bestätigen auch unsere Untersuchungen. Ein Grund dafür ist, dass wir in Deutschland zwar viel für Verbraucherschutz tun, aber dabei fast immer nur an Erwachsene denken. Deshalb fehlt vielen Deutschen wichtiges Grundwissen. Was bringt ein Beipackzettel für Finanzprodukte, wenn der Kunde nicht weiß, wie Aktien funktionieren oder wozu sie gut sind?

Man müsste also mehr in den Schulen tun?

Ja, der Staat hat hier eine bislang vernachlässigte Bildungsaufgabe. Nur wenn wir früh anfangen, dem Nachwuchs ökonomische Grundlagen zu vermitteln, wird er später nicht überfordert sein. Erste Bundesländer – wie Baden-Württemberg – gehen das Thema bereits an. Schleswig-Holstein hat ein Schulfach Verbraucherbildung, Nordrhein-Westfalen plant ein Schulfach Wirtschaft. Daran sollten sich andere Länder ein Beispiel nehmen.

Verstehen Verbraucher dann auch, warum Investmentbanker so hohe Boni kassieren?

Was viele nicht wissen: In Deutschland sind Boni mittlerweile streng reguliert und gedeckelt. Jedes Unternehmen muss sich überlegen, wie es besondere Leistungen belohnt, und das dann auch gegenüber seinen Kunden, seine Aktionären und der Öffentlichkeit rechtfertigen.

Sind Boni aber nicht längst überholt?

Boni sind eine Methode, um Talente anzulocken – es darf aber nicht die einzige sein. Kein Arbeitnehmer und auch kein Banker sollte allein aufgrund des Geldes für eine bestimmte Aufgabe zur Verfügung stehen. Natürlich verdient jeder von uns gerne ein vernünftiges Gehalt, aber da gehört auch eine Haltung, eine innere Verpflichtung dazu. Man hat manchmal den Eindruck, als wären die Investmentbanker Nomaden, die dahin ziehen, wo sie am besten bezahlt werden. Ich kenne bei deutschen Banken dagegen viele, die ihre Arbeit machen, weil sie ihnen Spaß macht und sinnvoll für ihre Kunden ist.

Hohe Boni haben den europäischen Banken aber auch nicht geholfen, zur US-Konkurrenz aufzuschließen.

Es ist auffällig, dass die amerikanischen Banken enorme Gewinne machen, während es vielen europäischen Instituten noch nicht wieder so gutgeht wie vor der Finanzkrise. Das liegt zum einen daran, dass die US-Häuser durch andere Rettungsmechanismen schneller durch die Krise gekommen sind. Zum anderen gibt es in den USA aber auch einfach einen Markt mit 350 Millionen potenziellen Kunden. Hierzulande haben wir es dagegen noch immer nicht geschafft, einen europäischen Binnenmarkt für Banken zu schaffen. Grenzüberschreitende Angebote für Privatkunden gibt es in Europa kaum, Gleiches gilt auch für den Kapitalmarkt.

Deshalb fordert die Europäische Zentralbank ja grenzüberschreitende Fusionen.

Solche Fusionen machen erst Sinn, wenn es in den EU-Staaten gleiche Spielregeln gibt. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Das beste Beispiel dafür ist das Insolvenzrecht: Die Frage, wie ich als Unternehmen an mein Geld komme, wenn der Kunde nicht zahlt, wird von Land zu Land noch immer anders beantwortet. Solch unterschiedlichen Rechtsordnungen machen grenzüberschreitende Fusionen von Banken schwierig. Da brauchen wir mehr Europa!

Warum lehnen Sie dann die Schaffung der Europäischen Einlagensicherung ab?

Bevor es mit der gemeinsamen Einlagensicherung eine gemeinsame Haftung der Sparer geben kann, müssen Banken und Mitgliedstaaten ihre Hausaufgaben machen. Das hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz zu Recht klargestellt. Über die einzelnen Schritte der Risikoreduzierung muss man sich jetzt auf europäischer Ebene einigen und sie dann umsetzen. Je mehr Risiken vergemeinschaftet werden, desto mehr müssen die Mitgliedsstaaten im Vorfeld tun. Dabei geht es zum Beispiel um die faulen Kredite in den Bankbilanzen.

Schon jetzt gibt es neue europäische Regelungen für die Bankberatung. Jedes Telefongespräch zu einem Wertpapiergeschäft muss mitgeschnitten werden. Wie funktioniert das in der Praxis?

Nach den ersten vier Monaten ist der Unmut groß – sowohl bei den Banken als auch bei den Verbrauchern. Viele Kunden verstehen nicht, warum ihr Gespräch mit dem Berater jetzt zwangsläufig aufgezeichnet und auf Jahre gespeichert werden muss. Die meisten wollen auch mal ein privates Wort mit dem Berater sprechen, ohne dass das Band läuft. Und dazu kommen dann noch neue, umfangreiche Belehrungen während des Telefonats – selbst für Profis. Bevor ein Wertpapiergeschäft abgeschlossen werden darf, muss der Berater dem Kunden Unterlagen per Mail zuschicken und der muss den Eingang bestätigen. Weil das aber dauert, kann es sein, dass die Aktienkurse in der Zwischenzeit steigen – mit der Folge, dass der Kunde die Papiere nicht zum gewünschten Kurs kaufen kann. Bei unserem Ombudsmann liegen dazu bereits die ersten Beschwerden.

Welche Folgen hat das für die Banken?

Einige kleinere Banken ziehen sich bereits aus der Wertpapierberatung zurück, die Zahl der Depots sinkt. Wir erfassen gerade, wie viele Institute das trifft. Politisch kann das schließlich nicht gewollt sein. Man will die Deutschen doch gerade dazu animieren, mehr privat fürs Alter vorzusorgen, und zwar bewusst auch mit Wertpapieren.

Was sollte die Bundesregierung tun?

Sie sollte grundsätzlich die Regeln, die sie nach der Finanzkrise für Banken erlassen hat, auf ihre Wirkung hin überprüfen. Damals musste es schnell gehen, da hat man oft nicht auf jedes Detail achten können. Das muss jetzt korrigiert werden. So muss man zum Beispiel berücksichtigen, wie groß oder klein eine Bank ist und was für ein Geschäftsmodell sie hat. Bei der Bundesregierung sehen wir da zum Glück Gesprächsbereitschaft. Dass man sich die Regulierung der Banken anschauen und anpassen will, steht sogar im Koalitionsvertrag.

Im Koalitionsvertrag steht aber auch: Kein Finanzmarktakteur, kein Finanzprodukt und kein Markt soll in Zukunft ohne angemessene Regulierung bleiben.

Das ist und bleibt richtig. Es geht darum, präzise, angemessen und ohne unbeabsichtigte Nebenfolgen zu regulieren. Außerdem geht es zunehmend um die Frage: Wie reguliere ich Technologie? Es geht um Sicherheit von Bankdaten im Netz und um die Frage, was Banken mit Kundendaten tun dürfen und was nicht. Das ist extrem wichtig. Schauen Sie sich die vielen Hackerangriffe an: Jede Bank wird jeden Tag angegriffen. Auch einen Datenskandal, wie es ihn bei Facebook gegeben hat, kann sich ein Geldinstitut nicht erlauben. Kundenvertrauen ist in der digitalen Welt Gold wert.

Der Chef einer großen Direktbank hat kürzlich gesagt, 90 Prozent der Prozesse einer Bank ließen sich digitalisieren. Kann man da jungen Menschen noch guten Gewissens raten, Banker zu werden?

Mich hat überrascht, dass ein früherer Bank-Chef kürzlich in einem Interview gesagt hat, er würde seinem Enkel nicht raten, Banker zu werden. Ich würde dagegenhalten: nichts wie hin. Junger Banker zu sein ist heute schließlich etwas ganz anderes als vor dreißig Jahren, als man in der Filiale stand und Überweisungsvordrucke ausgefüllt hat. Heute entwickeln sich Banken zu Technologieunternehmen und so verändern sich auch die Jobs.

Die Banker der Zukunft sind Entwickler?

Jedenfalls wird es davon mehr in Banken geben. Ein Beispiel: Es wird bis zum Jahreswechsel bei den meisten Banken Instant Payment geben. Das heißt, Geld ist binnen Sekunden auf einem anderen Konto verfügbar. In diesen Sekunden identifizieren die Banken den Kunden, prüfen, ob das Konto gedeckt ist und ob ein Verdacht auf Geldwäsche oder Terrorfinanzierung vorliegt. Das ist ein enormer IT-Aufwand. In ein, zwei Jahren wird in diesem Bereich vermutlich bereits künstliche Intelligenz mit selbstlernenden Maschinen eingesetzt. Wenn man da mithalten will, braucht man Banker, die sich damit auskennen.

Aber braucht man dann nicht viel weniger Mitarbeiter?

Schauen Sie sich eine Direktbank wie die ING Diba an mit knapp zehn Millionen Kunden und keiner einzigen Filiale: Da arbeiten trotzdem sehr viele Banker.

Andreas Krautscheid (57) ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. Er teilt sich die Funktion mit Christian Ossig, mit dem er den Posten im Januar von Michael Kemmer übernommen hat. Vor seiner Tätigkeit als Bankenlobbyist war Krautscheid Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten in Nordrhein-Westfalen und Generalsekretär der dortigen CDU. Der Bankenverband vertritt die Interessen von mehr als 200 privaten Geldinstituten – neben kleineren Häusern sind darunter auch Großbanken wie die Deutsche Bank und die Commerzbank.

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