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  • 11.02.2018
  • von Kevin P. Hoffmann, Ning Wang

Einstieg bei 50 Hertz?: China will sich ins ostdeutsche Stromnetz einkaufen

von Kevin P. Hoffmann, Ning Wang

Shu Jinbiao, der Chef der State Grid Corporation of China, hält das deutsche Stromnetz für interessant. Foto: REUTERS

Die State Grid Corporation China  steht vor dem Einstieg bei 50 Hertz. Die Berliner Firma betreibt eine „kritische Infrastruktur“.

SGCC klingt wie ein Sportverein, hinter dem Namen verbirgt sich aber der wohl größte Staatskonzerne Chinas: Die State Grid Corporation China (SGCC) sucht schon seit einigen Jahren einen Einstieg in den deutschen Strommarkt. Nun will SGCC 20 Prozent der Anteile am norddeutschen Netzbetreiber 50 Hertz vom australischen Fonds IFM kaufen, wie das „Handelsblatt“ berichtete. Die frühere Vattenfall-Tochter 50 Hertz betreibt das Höchstspannungsübertragungsnetz in ganz Ostdeutschland und Hamburg. Mehrheitseigentümer ist mit 60 Prozent – noch – der belgische Stromnetzkonzern Elia, IFM hält 40 Prozent. Nur Elia könnte noch ein Vorkaufsrecht ausüben und so den Chinesen zuvorkommen.

Bisher haben Investoren aus dem Reich der Mitte zwar strategisch wichtigen Hochtechnologiefirmen wie etwa den Roboterbauer Kuka übernommen oder sich an größten Finanzkonzernen wie der Deutschen Bank beteiligt. Dort ist das Konglomerat HNA größter Einzelaktionär. Einen Einstieg von Chinesen bei Betreibern der „kritischen Infrastrukturen“, also Telekommunikations- oder Versorgungsnetzen, gab es bisher nicht. Und das Außenwirtschaftsgesetz, das eine Mitsprache der Regierung in diesen Fällen vorsieht, greift erst ab Beteiligungen ab 25 Prozent.

China will bei der Energiewende helfen

SGCC interessiert sich für Deutschland auch wegen der Energiewende. Die Kosten, die der Umbau mit sich bringen würde, hat man als Schwachstelle Deutschlands ausgemacht. Es fehlt den Energiekonzernen das Geld für Investitionen in die Netze. Chinas haben Geld und haben in den vergangenen Jahren weltweit investiert und eingekauft, was zum Verkauf stand: Immobilien, Banken, Hotels, Golfplätze, Ölkonzerne und eben auch Energiekonzerne. Zuletzt wurden Auslandsinvestitionen von chinesischen Unternehmen von Peking strenger unter die Lupe genommen, auch weil man die eigenen Konzerne stärken möchte. Das jetzige Angebot der Chinesen zeigt aber, dass Kerngebiete, in denen sich Peking ein Wissenstransfer erhofft, gern auch mal die Ausnahme der Regel bilden.

Schon 2013 wollte SGCC im deutschen Energiemarkt mitmischen und bewarb sich damals um den Betrieb des Stromnetzes in Berlin – 2014 lief die Konzession von Vattenfall aus. Die Energiewende sahen die Chinesen auch als Garantie, dass in den Ausbau der Netze investiert werden würde. Nur weil sie damals nicht ins Rennen kamen, hielt dies SGCC nicht davon ab, weiter auf den nächsten günstigen Zeitpunkt abzuwarten. Unterschätzen sollte man SGCC nicht, auch wenn man im Westen kaum etwas über das Unternehmen bekannt ist: Mehr als 900 000 SGCC-Mitarbeiter in 26 Provinzen arbeiten an Chinas Netzbetrieb. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei mehr als 250 Milliarden Euro und die Zentrale hat eines der feinsten Adressen in Peking an der West Chang An Straße, die auch am Platz des Himmlischen Friedens entlang führt. Um Frieden und Wohlstand geht es laut Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping auch, wenn er sich um die Verteilung von erneuerbaren Energien bemüht, für die er im September 2015 vor den Vereinten Nationen warb.

In Portugal hat SGCC bereits einen Energieversorger übernommen

Dass es nun in Deutschland klappen könnte, demonstrierte SGCC durch die Übernahme von Portugals Energieversorgungsunternehmen für über 287 Millionen Euro vor etwa fünf Jahren. Deutschlands Haushaltskassen sind zwar nicht leer, doch die Netze sind privatisiert – der nötige Ausbau derselben kann nicht einfach verordnet werden.

Einst entstanden, um zu garantieren, dass Strom zuverlässig bei den Verbrauchern ankommt und der Netzbetrieb im Reich der Mitte sicher ist, gewann das Unternehmen durch die sogenannte Kraftwerk-Netz-Trennung-Reform nach 2000 immer mehr an Einfluss. Der Netzbetrieb wurde damals von der eigentlichen Energieerzeugung getrennt und statt sich auch auch noch um den Ausbau von Energiemeilern zu verzetteln, konnte sich SGCC voll auf die Energieübertragung und die Verteilung des Stroms im Land konzentrieren.

Binnen zehn Jahren ist der Staatskonzern mit Zukäufen weltweit zu einem Riesen herangewachsen. SGCC stand 2016 in der Fortune-500-Liste auf Platz zwei, direkt hinter der US-Handelskette Walmart.

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