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  • 11.01.2018
  • von Alfons Frese, Henrik Mortsiefer, Albert Funk

Deutsche Wirtschaft: Wem nutzt das anhaltende Wachstum?

von Alfons Frese, Henrik Mortsiefer, Albert Funk

Kräne am Hamburger Hafen. Foto: dpa/Axel Heimken

Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft geht ins neunte Jahr – und nimmt noch mehr Tempo auf. Das ist gut für die Arbeitnehmer und den Staat.

Nach acht Jahren Aufschwung zeigt die deutsche Wirtschaft keine Ermüdungserscheinungen. Im Gegenteil. Doch auch Anzeichen einer Überhitzung gebe es noch nicht, erklärte das Statistische Bundesamt am Donnerstag – trotz der anziehenden Inflation. „Das Wort Überhitzung suggeriert, als wären wir auf dem Höhepunkt der Konjunktur, kurz bevor sie abbricht“, sagte der Experte des Statistikamtes, Albert Braakmann. Das sei nicht erkennbar und habe von den Konjunkturforschern auch niemand festgestellt. Einige Unternehmen arbeiteten aber an der Kapazitätsgrenze. „Es kann natürlich in bestimmten Branchen etwas klemmen“, sagte Braakmann.

2017 wuchs das Bruttoinlandsprodukt nach vorläufigen Daten der Statistiker mit 2,2 Prozent so stark wie seit sechs Jahren nicht mehr. Der immer noch steigende Konsum, die Exporterfolge der Industrie, der Bauboom und stärker investierende Unternehmen treiben die Volkswirtschaft an. Das zahlte sich nicht nur für die Arbeitnehmer aus, sondern auch für Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherung.

Das sagen die Ökonomen

Positiv heben viele Wirtschaftsforscher hervor, dass sich der Investitionsstau bei den Unternehmen allmählich auflöst. Zwar sind die künftigen Rahmenbedingungen in einigen Branchen wegen der andauernden Regierungsbildung noch offen – etwa in der Energie- oder Verkehrswirtschaft. Aber die Unternehmen blicken überwiegend optimistisch in die Zukunft und schaffen Maschinen, Anlagen und Fahrzeuge an, um zu expandieren. Angesichts voller Auftragsbücher steckten die Unternehmen im vergangenen Jahr 3,5 Prozent mehr Geld in Maschinen, Geräte und Fahrzeuge – deutlich mehr als 2016 (2,2 Prozent). Auch der Bauboom geht weiter. Der Förderbank KfW zufolge gibt es aktuell rund 600 000 Wohnungsbaugenehmigungen, die nun abgearbeitet werden müssen.

„Dieser Aufschwung ist kein Spurt, sondern ein Dauerlauf“, stellte Dekabank- Chefökonom Ulrich Kater jüngst fest. Viele seiner Kollegen glauben, dass mindestens 2018 die Dynamik bleibt. „In diesem Jahr dürfte die Wirtschaft noch mal mit ähnlichem Tempo zulegen, ab kommendem Jahr dann aber wieder etwas an Schwung verlieren“, sagte am Donnerstag Ferdinand Fichtner, Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik beim DIW Berlin. Eine Wachstumsbremse sei die demografische Entwicklung: „Uns gehen in Deutschland die Arbeitskräfte aus“, sagte Fichtner. Die Politik müsse alles daran setzen, so viele Menschen so produktiv wie möglich in Arbeit zu bringen. Die meisten Konjunktur- und Arbeitsmarktexperten rechnen 2018 aber zunächst mit einer Rekordbeschäftigung, etwa einer halben Million neuer Jobs und sinkender Arbeitslosigkeit.

Am Horizont sind gleichwohl auch Risiken erkennbar: Brexit, Konflikte im Nahen Osten oder die abkühlende Konjunktur in China könnten den Export bremsen. Die Verbraucherpreise dürften um etwa 1,7 Prozent steigen und die Kaufkraft der Konsumenten schmälern. Und ein steigender Euro würde Produkte im Ausland verteuern und damit weniger attraktiv machen.

"2018 muss das Jahr der Taten werden"

„Deutschland geht es gut – sehr gut sogar.“ Mit dieser Diagnose eröffnete Industriepräsident Dieter Kempf am Donnerstag die Jahresauftaktpressekonferenz des BDI. Die Wirtschaft sei auf dem Weg in die Hochkonjunktur, und mit seiner Wachstumsprognose von 2,25 Prozent für dieses Jahr hielt sich Kempf noch zurück. Zunehmend werden private Investitionen zu einer Stütze des Aufschwungs. In diesem Jahr könnten die Anlageinvestitionen um 4,5 Prozent steigen. Weiter positiv sind die Daten vom Arbeitsmarkt – bis zu 500.000 zusätzliche Arbeitsplätze erwartet die Industrie, sowie vom Export, der Kempf zufolge um fünf Prozent zulegt. „Wirtschaftlich haben wir vollen Wind in den Segeln“, meinte Kempf. Jetzt fehle nur noch eine neue Regierung. „2018 muss das Jahr der Taten werden.“ Die Prioritäten aus Sicht der Industrie: Stärkung der EU, Ausbau der digitalen Infrastruktur, Steuerreform mit Auslaufen des Solidaritätszuschlags, Entlastungen bei der Gewerbesteuer und Einführung einer Forschungsförderung sowie der energetischen Gebäudesanierung. „Wir brauchen eine neue Regierung mit frischem Tatendrang, die weniger Verteilungsdiskussionen führt und mehr Wirtschaft wagt“, sagte der BDI-Präsident.

Was haben Arbeitnehmer vom Wachstum?

Das hängt ab von Beruf und Branche sowie der Tarifbindung: Beschäftigte mit Tarif profitieren stärker vom Aufschwung. Einer aktuellen Auswertung der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung zufolge erhöhten sich 2017 die Tarifeinkommen um durchschnittlich 2,4 Prozent, abzüglich Inflationsrate blieben 0,6 Prozent übrig. Die Kaufkraft erhöhte sich also nur leicht, nachdem es in den Jahren zuvor wegen der deutlich geringeren Preissteigerung real zwischen 1,9 und 2,4 Prozent mehr Geld gab. „Angesichts der guten Konjunkturentwicklung und der relativ niedrigen Arbeitslosigkeit deuten die Zeichen der bereits begonnenen Tarifrunde 2018 eindeutig auf eine expansivere Lohnpolitik“, heißt es bei der Böckler-Stiftung. Die Forderungen der Gewerkschaften über zumeist sechs Prozent mehr Lohn sowie „weitere Komponenten zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen liegen deutlich oberhalb der Vorjahre“. 2017 gab es übrigens die kräftigste Tariferhöhung für die Beschäftigten in der Textil- und Bekleidungsindustrie mit 3,1 Prozent, gefolgt vom Metallhandwerk mit drei Prozent. Weniger als zwei Prozent gab es für den Einzelhandel, die Druckindustrie sowie die Versicherungsbranche.

So profitiert der Staat

Wächst die Wirtschaft, dann wachsen auch die Einnahmen der Gebietskörperschaften und Sozialversicherungen. Im vierten Jahr in Folge konnte der Staat das eingenommene Geld nicht ausgeben und verzeichnete Überschüsse. Insgesamt lagen die Einnahmen um 38,4 Milliarden Euro höher als die Ausgaben. Das ist die größte Summe seit 1991. Überschüsse fließen in aller Regel in die Schuldentilgung, können aber auch zurückgelegt werden. Der staatliche Überschuss ist seit 2014 stetig gewachsen – von 9,5 Milliarden Euro über 19,4 Milliarden (2015) und 25,7 Milliarden (2016) zur neuen Rekordsumme 2017.

Er verteilte sich jetzt allerdings etwas anders als in den vergangenen Jahren. Beim Bund ging das Plus deutlich zurück – nach 7,4 Milliarden Euro im Jahr zuvor waren es 2017 noch 3,1 Milliarden Euro. Dagegen verzeichneten die Länder ihren bisher größten Überschuss: Die vom Statistikamt errechneten 15,6 Milliarden Euro sind mehr als drei Mal so viel wie 2016.

Der Länderüberschuss ist auch deutlich höher als das Plus in den Etats der Sozialversicherungen, das 2017 bei 9,8 Milliarden Euro lag – nach 8,2 Milliarden im Jahr zuvor. Auch bei den Gemeinden lagen die Einnahmen um 9,8 Milliarden Euro höher als die Ausgaben. 2016 hatte das kommunale Plus bei 5,2 Milliarden Euro gelegen.

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