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  • 12.10.2017
  • von Kevin P. Hoffmann

Insolvente Fluggesellschaft: Lufthansa unterschreibt Kaufvertrag für Air Berlin

von Kevin P. Hoffmann

Die Lufthansa steht Insidern zufolge vor der Übernahme großer Teile der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin. Foto: Federico Gambarini/dpa

Die Übernahme von großen Teilen der insolventen Fluggesellschaft durch den Branchenriesen steht bevor. Am Donnerstagmittag ist ein Notartermin vereinbart. Währenddessen laufen die Verhandlungen mit Easyjet weiter.

Die Lufthansa steht kurz vor der Übernahme von großen Teilen der insolventen Konkurrentin Air Berlin. Am Donnerstagmittag wollen die beiden Fluggesellschaften einen Kaufvertrag unterzeichnen. Das kündigte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Morgen in Berlin an. Für 12 Uhr sei der Notartermin geplant.

"Der Deal mit der Lufthansa steht, man ist sich handelseinig", hatte eine mit dem Vorgang vertraute Person schon am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters gesagt. Der Vertrag sei allerdings noch nicht unterschrieben. Das Paket beinhalte die Air-Berlin-Tochter Niki, die Luftfahrtgesellschaft Walter und einige weitere Kurzstreckenmaschinen.

Air Berlin hatte angekündigt, mit Lufthansa und der britischen Easyjet bis diesen Donnerstag exklusiv über den Kauf von Teilen der Airline zu verhandeln. Die Lufthansa hatte für 81 der noch gut 130 Maschinen von Air Berlin geboten. Nach früheren Angaben aus Verhandlungskreisen legt sie dafür einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag auf den Tisch. Zuletzt hieß es, die Lufthansa kalkuliere mit einem Kaufpreis von rund 200 Millionen Euro und einer zusätzlichen Finanzspritze von bis zu 100 Millionen Euro für die Betriebskosten in der Übergangszeit.

Spohr rechnet damit, dass „die EU bis zu drei Monate braucht, um den Kauf kartellrechtlich zu überprüfen“. Das sagte er der „Rheinischen Post“. Lufthansa habe weltweit einen Marktanteil von drei Prozent und in Europa von 14 Prozent. „Von einem angeblich drohenden Monopol kann keine Rede sein“, fügte er deshalb hinzu.

Lufthansa-Chef Spohr: "Gehen von sinkenden Preisen aus"

Der Konzernchef versuchte auch die Befürchtung zu zerstreuen, dass die Übernahme die Ticketpreise nach oben treiben könnte. „Denn der Wettbewerb wird sich in Europa und auch weltweit verschärfen“, sagte er. „Wir gehen von weiter sinkenden Preisen aus.“ Spohr führte zur Begründung ausgerechnet die eigene Tochter Eurowings als Konkurrentin an. „Da wo es bisher nur Lufthansa und Air Berlin gab, wie beispielsweise zwischen München und Köln, kommen nun Eurowings-Flüge als Ersatz für Air Berlin hinzu.“ Eurowings als kostengünstige Zweitmarke arbeite „eigenständig und wird alles tun, die Jets zu füllen“.

Die Ankündigung Spohrs traf bei Experten sofort auf Skepsis. „Konzerne werden aus kartellrechtlicher Sicht als ein Unternehmen angesehen“, sagte der Düsseldorfer Kartellrechtler Martin Gramsch von der Kanzlei Simmons & Simmons der Nachrichtenagentur dpa. Der Luftverkehrsberater Gerald Wissel erwartet eine vertiefte kartellrechtliche Überprüfung der EU-Kommission. Dabei würden die Marktverhältnisse auf einzelnen Strecken überprüft. Es könne dann gut sein, dass Lufthansa Start- und Landerechte (Slots) auf einzelnen Verbindungen freigeben müsse.

Durchaus nachteilig für die Lufthansa könnte sich ein Abwinken des zweiten Bieters Easyjet auswirken. „Falls Easyjet aussteigt, wird die kartellrechtliche Genehmigung für Lufthansa noch schwieriger zu bekommen sein“, sagte Wissel. Auch Anwalt Gramsch sieht zusätzliche Probleme, weil die EU-Kommission letztlich immer den Gesamtmarkt im Blick haben müsse. „Das Wegfallen eines weiteren Bieters ist schlecht für die Marktstruktur.“ Er rechne mit einem halben Jahr Verfahrensdauer.

Spohr kündigte zugleich ein Angebot an, „um im Ausland gestrandeten Passagieren der Air Berlin die Heimreise zu einem fairen Preis anzubieten, sofern wir die Kapazitäten dafür haben“. Aus Lufthansa-Kreisen hieß es dazu, es sei schwer zu schätzen, um wie viele Passagiere es dabei gehe.

Noch nicht abgeschlossen sind dagegen die Verhandlungen von mit Easyjet. Ein Sprecher von Air Berlin sagte der Nachrichtenagentur dpa zufolge am Donnerstag: „Wir verhandeln heute mit Easyjet weiter." Nach früheren Aussagen der Air Berlin interessiert sich Easyjet für 27 bis 30 Mittelstreckenflugzeuge. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach am Donnerstag von 20 bis 30 Flugzeugen, die Easyjet in Berlin und Düsseldorf stationieren wolle.

Auch die Thomas-Cook-Tochter Condor sei ein weiterer möglicher Abnehmer. Ob sie nun auch an den Verhandlungstisch geholt wird, blieb am Donnerstag zunächst offen.

Berlin will Transfergesellschaft für Air Berlin mitfinanzieren

Unmittelbar vor der erwarteten Entscheidung über die Zukunft von Air Berlin hat der Berliner Senat sein Angebot bekräftigt, eine Transfergesellschaft für die Mitarbeiter mitzufinanzieren und Personal der Fluggesellschaft in den Landesdienst zu übernehmen. „Das Land Berlin ist sehr daran interessiert, Personal von Air Berlin kurzfristig zu rekrutieren. Dies betrifft insbesondere die großen Bedarfsbereiche IT und Buchhaltung“, teilte der für die Personalplanung zuständige Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) dem Tagesspiegel am Mittwochabend mit. Es kämen aber auch bisher im Tourismus tätige Beschäftigte als Quereinsteiger mit geeigneter Weiterbildung infrage.

Kollatz-Ahnen nannte ein strukturiertes Verfahren zur Personalgewinnung im Rahmen einer Transfergesellschaft „sinnvoll und hilfreich“. Voraussetzung hierfür sei aber, dass das Unternehmen und der Betriebsrat sich über die Gründung einer solchen Gesellschaft verständigen. Das ist bisher nicht erfolgt. Die Senatsverwaltung führt derzeit Gespräche mit den zuständigen Behörden in Nordrhein-Westfalen und Bayern, wo die insolvente Airline ebenfalls Standorte hat: Ein Drehkreuz in Düsseldorf und Mitarbeiter für Technik und Wartung in München. Abgeschlossen sind die Verhandlungen noch nicht. „Diese hängen nicht zuletzt davon ab, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Air Berlin betroffen sein werden“.

„Das Land Berlin steht für sichere Beschäftigung“, warb der Senator. Mit rund 140 verschiedenen Berufsbildern biete die Landesverwaltung außerdem ein breites und attraktives Arbeitsspektrum. Die Berufschancen für Quereinsteiger seinen in den letzten Jahren gefördert und ausgebaut worden. „Unabhängig vom hohen Personalbedarf beim Land Berlin ist aber zu beachten, dass Qualifikationen und entsprechende Berufserfahrungen bei der Besetzung von offenen Stellen und deren Vergütung maßgeblich sind.“

Mehr als 200.000 Air-Berlin-Kunden sind von gestrichenen Flügen des Unternehmens betroffen. Wegen der Stornierung aller Air-Berlin-Kurzstreckenflüge in Europa ab dem 28. Oktober verfallen die Tickets von rund 100.000 Kunden, sagte ein Sprecher. Für etwa 90.000 der 100.000 Kurzstreckenflüge werde es praktisch keine Erstattung geben, weil sie schon vor dem 15. August gebucht worden seien, hieß es bei Air Berlin. An diesem Tag hatte die Gesellschaft Insolvenz angemeldet.

Ihre Ansprüche müssen Kunden nun beim Insolvenzverwalter anmelden. Die Preise der anderen 10.000 Kurzstrecken-Tickets, gekauft nach dem 15. August, würden erstattet. Seit Ende September ist bekannt, dass außerdem mehr als 100.000 Langstrecken-Tickets für nach dem 15. Oktober geplante Flüge ungültig geworden sind.

Verdi nimmt mögliche Käufer in die Pflicht

Vor dem Ende der Verhandlungsfrist nahm die Gewerkschaft Verdi die beiden möglichen Käufer Lufthansa und Easyjet in die Pflicht. Die Air-Berlin-Beschäftigten werden von ihnen nach Unternehmensangaben nicht direkt übernommen. Die Erwerber dürften sich nicht vor ihrer sozialen Verantwortung drücken, forderte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle. Während sich Käufer an Maschinen sowie Start- und Landrechten bereicherten, müssten sich die Mitarbeiter auf ihre eigenen Stellen neu bewerben oder würden arbeitslos.

Das Berliner Logistikunternehmen Zeitfracht macht einen neuen Anlauf zur Übernahme der Techniksparte von Air Berlin und sucht sich dafür einen Partner. Wie Reuters aus dem Umfeld der Verhandlungen erfuhr, bietet Zeitfracht zusammen mit dem Wartungsunternehmen Nayak und dessen Eignern. (mit dpa, Reuters)

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