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  • 29.07.2017
  • von Carla Neuhaus

Zehn Jahre Finanzkrise: Wie stabil sind die Banken heute?

von Carla Neuhaus

Unsichere Zukunft. Viele Probleme sind noch immer nicht gelöst. So sind Geldhäuser heute eher größer als vor der Krise. Foto: dpa

Geldhäuser müssen sich heute an strengere Regeln halten als vor der Krise. Experten sehen aber immer noch Schwachstellen.

Los ging es mit einer SMS. „Die IKB ist in Schwierigkeiten“, tippte Jens Weidmann Ende Juli 2007 in sein Handy. Angela Merkel, die gerade in Salzburg auf den Beginn einer Opern-Aufführung wartete, antwortete ihrem Berater prompt: „Was ist die IKB?“ Heute kann man über diese Anekdote schmunzeln – damals war das eine ernste Sache. Schnell sollte die Kanzlerin lernen, dass hinter dem Kürzel die Deutsche Industriebank steht: ein kleines Geldinstitut, das als erste deutsche Bank von der Finanzkrise erfasst wurde.

Der 30. Juli 2007 ist ein entscheidendes Datum. Denn bis dahin hatten viele die Finanzkrise für ein amerikanisches Phänomen gehalten. In den USA waren die Häuserpreise eingebrochen. Weil gleichzeitig die Zinsen stiegen, konnten viele Amerikaner ihre Immobilienkredite nicht mehr bedienen. Als diese Kredite dann ausfielen, traf das aber nicht etwa die Geldhäuser, die sie vergeben hatten. Denn die hatten das Risiko längst weitergereicht – an Investmentbanken, die die Kredite wiederum zu komplexen Finanzprodukten verpackt und am Kapitalmarkt verkauft haben. So landeten diese Papiere auch in Deutschland. Etwa bei der IKB. Dabei war das Institut nur das erste, das deshalb in Schwierigkeiten geriet. Auch mehreren Landesbanken und der Hypo Real Estate wurden die Papiere aus den USA zum Verhängnis.

Was die Politik nach der Finanzkrise getan hat

Für die Politiker war das, was im Sommer 2007 passierte, daher ein Weckruf. Viel zu lange hatten sie die Regulierung der Banken schleifen lassen, viel zu lange hatten sie darauf vertraut, dass die Märkte sich schon von alleine regulieren. In der Krise musste man dann aber einsehen, dass das ein Fehler gewesen war. Im Herbst 2008 versprachen die Chefs der wichtigsten 20 Industrie- und Schwellenländer daher: „Kein Finanzmarkt, kein Akteur und kein Finanzmarktprodukt soll mehr ohne angemessene Aufsicht und Kontrolle sein.“

Deshalb müssen Banken heute mehr Eigenkapital zur Seite legen. Große Institute werden nicht mehr national, sondern auf europäischer Ebene überwacht. Es gibt einheitlichere Regeln für die Einlagensicherung, also den Schutz des Ersparten. Und es gibt einen Topf, aus dem künftig die Abwicklung von Banken finanziert werden soll. Aber reicht das? Sind die Banken heute tatsächlich stabil genug? Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, drückt es so aus: Die Geldhäuser seien durchaus stabiler. „Aber man hätte mehr tun können.“ So gibt es auch zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise noch immer Schwachstellen im System.

Sind Banken ausreichend mit Eigenkapital ausgestattet?

Es sind komplexe Begriffe, mit denen sich Politiker herumschlagen müssen, wenn sie die Bankbranche stabiler machen wollen. Begriffe wie Kernkapitalquote und Leverage Ratio. Konzentriert haben sich die Europäer bislang vor allem auf ersteren, die Kernkapitalquote. Sie haben also gefragt, wie viel Eigenkapital die Banken im Verhältnis zu ihren Risiken besitzen sollten. Fast alle Institute mussten daraufhin nachbessern, einen höheren Puffer für schlechte Zeiten aufbauen. Inzwischen stehen die europäischen Institute bei der Kernkapitalquote ganz gut da, zeigte der letzte Stresstest. Und doch halten Kritiker die Vorsorge der Banken noch nicht für ausreichend. Sie stellen in Frage, ob die Institute die Höhe der Risiken, denen sie ausgesetzt sind, tatsächlich richtig einschätzen können. Schließlich waren es in der Finanzkrise Papiere, die die Institute für extrem sicher hielten, die sich dann aber als wertlos herausstellten.

Experten wie die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel halten deshalb die zweite Kennziffer für sehr viel wichtiger: die Leverage Ratio. Gemeint ist damit das Verhältnis von Eigenkapital zur Bilanzsumme. Haben die Banken also auch gemessen an ihrer Größe genug Geld zur Seite gelegt? Doch gerade auf diese entscheidende Frage antworten Experten mit einem klaren: Nein. „Viele Banken, auch in Deutschland, sind nach wie vor schwach kapitalisiert“, sagt Schnabel. Ifo-Chef Fuest stimmt ihr zu: „Die Eigenkapitalausstattung hat sich verbessert, aber sie ist immer noch nicht ausreichend.“ Zwar haben die Politiker das durchaus erkannt und denken darüber nach, den Banken eine Leverage Ratio von drei Prozent vorzuschreiben. Doch Schnabel meint: „Das ist viel zu niedrig.“

Die Institute sind weiter zu stark von den Staaten abhängig

Dirk Schiereck, Wirtschaftsprofessor an der TU Darmstadt, ärgert sich derweil noch über einen ganz anderen Punkt. Es geht um den Umgang der Banken mit Staatsanleihen. Wissen muss man dafür: Eine Anleihe ist im Prinzip ein Kredit. Wer etwa eine Unternehmensanleihe kauft, leiht dem Konzern Geld und bekommt es am Ende der Laufzeit wieder zurück. Weil der Anleger dabei riskiert, dass die Firma das Geld nicht zurückzahlen kann, bekommt er eine Rendite. Genauso funktioniert das mit Staatsanleihen. Auch dabei trägt der Anleger das Risiko, dass der Staat seine Schulden am Ende nicht begleichen kann. Kaufen nun Banken Unternehmensanleihen, müssen sie dafür sicherheitshalber Geld zur Seite legen. Das Problem ist nur: Für Staatsanleihen gilt das nicht. Die dürfen die Banken in ihren Büchern wie eine komplett risikolose Anlage verbuchen. Schiereck hält das für falsch. Schließlich werden Banken so noch stärker vom Wohlergehen des Staates abhängig, als sie es ohnehin schon sind. Würden Investoren zum Beispiel plötzlich das Vertrauen verlieren, dass Italien seine Schulden begleichen kann, gerieten die italienischen Banken sofort mit in die Krise, weil sie massenhaft italienische Staatsanleihen besitzen.

Die Erträge gehen zurück

Dabei ist mangelnde Vorsorge nur ein Risiko für die Banken. Ein anderes ist der Rückgang ihrer Erträge. Angesichts niedriger Zinsen fällt es Banken immer schwerer, Geld zu verdienen. Normalerweise nehmen sie Geld ein, indem sie Kredite zu höheren Zinsen vergeben als sie Sparern zahlen. Weil das Zinsniveau aber kräftig gesunken ist, mussten die Banken ihre Kreditzinsen stark senken – gleichzeitig wollen oder können sie bei den Sparzinsen nicht weiter herunter gehen. Dadurch wird aber die Zinsmarge, also das, was bei der Bank hängen bleibt, immer kleiner. Um das auszugleichen, erhöhen die meisten Institute derzeit ihre Gebühren, sei es für die Kontoführung, fürs Geldabheben oder für die Annahme von Münzen. Aber ganz ausgleichen lassen sich die Verluste durch die niedrigen Zinsen auf diese Weise nicht.

Dabei sind die geringen Einnahmen das eine. Auf der anderen Seite haben die Banken derzeit auch hohe Ausgaben. „Die Institute haben Investitionen lange hinausgezögert“, sagt Schiereck. So hätten viele Banken zum Beispiel längst ihre IT-Systeme erneuern müssen. Die meisten haben das inzwischen zwar erkannt, so hat Deutsche-Bank-Chef John Cryan bei seinem Amtsantritt die „lausigen Systeme“ beklagt. Doch bis diese Versäumnisse der Vergangenheit aufgeholt sind, dauert und kostet es.

Die Banken sind immer noch "too big to fail"

In der Finanzkrise hat man erkannt, was für ein Problem es sein kann, wenn Banken sehr groß sind. Nämlich so groß, dass durch ihre Pleite so viele Privatleute und Unternehmen ihr Geld verlieren würden, dass das eine neue Wirtschaftskrise auslösen würde. „Too big to fail“ nennen Experten diese Häuser, die zu groß sind, als dass der Staat sie einfach fallen lassen könnte und sie stattdessen mit Steuergeld retten muss. Gelernt hat man aus dieser Erfahrung aber wenig. „Die Banken sind in den letzten Jahren eher noch größer geworden“, sagt Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Daher wird in einer neuen Krise vermutlich doch wieder der Staat einspringen müssen.“

Eine Teilschuld trägt daran die Politik, meint Hans-Peter Burghof von der Uni Hohenheim. Ausgerechnet durch die vielen neuen Regeln, an die sich die Banken heute halten müssten, seien die Institute größer geworden. Der Grund: Die stärkere Regulierung kostet. Die Institute mussten in den letzten Jahren ganze Abteilungen aufbauen, die teilweise nichts anderes tun, als Daten für die Aufseher aufzubereiten. Je kleiner die Banken sind, desto schwerer fällt es ihnen, das zu stemmen. Weil gleichzeitig die Erträge schwach, die Zinsen niedrig sind, geraten vor allem kleinere Institute in Bedrängnis und schließen sich deshalb mit der Konkurrenz zusammen.

Die Regeln, die man eingeführt hat, um das Finanzsystem sicherer zu machen, führen also gleichzeitig dazu, dass Banken noch größer werden. Und dass es so mehr Institute gibt, die als „too big to fail“ gelten und im Zweifel vom Staat gerettet werden müssen. Burghof sagt: „Das ist ein Eigentor.“

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