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  • 19.04.2017
  • von Kevin P. Hoffmann

Volksentscheid zum Berliner Flughafen: Airlines sind gespalten in der Tegel-Frage

von Kevin P. Hoffmann

Flugzeuge der Luftfahrtgesellschaften Lufthansa und Air Berlin am Flughafens Berlin Tegel. Das sechseckige Terminal wurde 1974 eröffnet. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Air Berlin, Lufthansa, Easyjet, Ryanair und Condor: Die wichtigsten Fluggesellschaften am Standort Berlin sind sich uneinig, wie man mit dem Flughafen Tegel langfristig umgehen soll.

Die bestehende Rechtslage ist seit zwei Jahrzehnten klar: Mit der Eröffnung des neuen Flughafens BER in Schönefeld, möglicherweise 2018, muss Berlins bisher wichtigster Airport nach mehr als 40 Jahren den Betrieb einstellen. Gleichwohl gibt es Bestrebungen, nach einem Ausweg zu suchen: Eine von der FDP organisierte Initiative hatte 207.000 gültige Unterschriften für einen Volksentscheid gesammelt.

Daher werden alle wahlberechtigten Berlinerinnen und Berliner am 24. September neben der Zusammensetzung des Bundestags wahrscheinlich auch darüber abstimmen dürfen, ob sie für oder gegen einen Weiterbetrieb von Tegel sind. Wie genau die Frage lautet, und wie ein Weiterbetrieb juristisch zu organisieren wäre, ist bisher offen. Bindend wäre das Ergebnis des Referendums nicht für den Berliner Senat.

Der Chef des Ferienfliegers Condor, Ralf Teckentrup, hatte sich am Montag in einem Tagesspiegel-Interview für den Weiterbetrieb Tegels ausgesprochen. „Der neue Flughafen ist, wenn er denn mal aufmacht, vermutlich viel zu klein“, sagte Teckentrup. „Deshalb habe ich auch eine Menge persönlicher Sympathie dafür, den Gedanken der Offenhaltung von Tegel weiter zu verfolgen.“ Es funktioniere ja nicht so, wie man es vor zehn Jahren mal gedacht habe, gab der Manager, der auch im Vorstand des Reiseveranstalters Thomas Cook sitzt, zu bedenken. „Da muss man auch bereit sein, neu zu denken.“

Ryanair: Berlin braucht Ausweichmöglichkeiten

Noch leidenschaftlicher für Tegel kämpft die irische Billigfluggesellschaft Ryanair, die ihre neun Jets allerdings allesamt am Standort Schönefeld stationiert hat. „Es ergibt keinen Sinn, in einer Hauptstadt mit der Größe von Berlin, die Anzahl der Flughäfen zu verringern. Die jüngsten Streiks durch die Gewerkschaften des Bodenpersonals an den Berliner Flughäfen zeigen die Notwendigkeit von größeren Flughafenkapazitäten und -auswahlmöglichkeiten“, hatte Ryanairs Marketingchef Kenny Jacobs bereits Ende März argumentiert. An der Position habe sich nichts geändert, teilte die Airline am Dienstag mit.

Ryanairs direkter Konkurrent, die britische Easyjet, hält sich raus. „Wir freuen uns auf den BER“, sagte Easyjets Deutschland-Chef Thomas Haagensen. „Der neue Flughafen gibt uns die Möglichkeit, unsere Produkte und unser Netzwerk allen Fluggästen aus Berlin und Brandenburg anzubieten.“ Auch Easyjet operiert am Flughafen Schönefeld, liebäugelte aber auch mit einem Wechsel nach Tegel.

Lufthansa-Chef verweist auf Beispiel Mailand

Klare Gegnerin eines Weiterbetriebs von Tegel ist die Lufthansa. Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass es außer bei Mega-Cities für einen Luftverkehrsstandort immer vorteilhaft sei, wenn alle Kräfte gebündelt werden, sagte Carsten Spohr, Chef des Lufthansa-Konzerns, in einem dieser Tage veröffentlichten Interview mit dem Magazin des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller, dem „VBKI-Spiegel“. Spohr erinnerte an das Beispiel Mailand. Weil man dort den innerstädtischen Flughafen Linate nicht habe aufgeben wollen, sei der Großflughafen Malpensa seiner Wachstumsmöglichkeit beraubt worden. „Wenn die kritische Masse für internationale Verbindungen und Umsteigeverkehre nicht an einem Ort gebündelt entstehen kann, funktioniert es nicht“, sagte Spohr. Anstatt mit politischen und juristischen Auseinandersetzungen über Tegel abermals Jahre zu verlieren, solle man daher „lieber alle Kräfte konzentrieren, um den BER endlich ans Netz zu bekommen“, forderte der Lufthansa-Chef. (Hier nachzulesen ab Seite 12. Die entsprechende Passage steht auf Seite 14.)

Ähnlich skeptisch ist man bei Air Berlin, der größten Kundin der Berliner Flughäfen. „Tegel ist ein Provisorium. Als größte Airline in Berlin haben wir ein fundamentales Interesse an einer zügigen und sicheren BER-Eröffnung", sagte ein Air-Berlin-Sprecher. „Ein substanzieller Ausbau der Langstrecke in der Qualität, die wir unseren Kunden bieten wollen, ist nur am BER möglich.

Flughafen-Chef erinnert an den Lärm

Der neue Berliner Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup sagte jetzt der Nachrichtenagentur dpa auf die Frage, ob es nicht gut für sein Unternehmen wäre, wenn Tegel offen bliebe und es damit vier statt nur zwei Start- und Landebahnen zur Verfügung hätte: Mit dem Ergebnis eines Volksentscheids müssten sich zunächst die Gesellschafter Berlin, Brandenburg und Bund befassen. Für den Flughafen sei es wichtig, dass man sich an die Dinge halte, die man verabredet habe. „1996 wurde der Beschluss gefasst, Tegel und Tempelhof zu schließen und dafür den Single Airport BER zu bauen. Das entlastet mehr als 100.000 Menschen von Fluglärm“. Das habe auch das Bundesverwaltungsgericht zu der Entscheidung bewogen, dass der Planfeststellungsbeschluss rechtsgültig ist. „Eine Doppelstruktur von Tegel und BER wäre sehr teuer“, erklärte der Flughafen-Chef.

Das Argument vieler Tegel-Freunde, wonach bei dem Beschluss Mitte der 1990er-Jahre nicht absehbar gewesen sei, wie stark der Flugverkehr wächst, lässt Engelbert Lütke Daldrup nicht gelten: „ Umso mehr spricht für einen zentralen Flughafen mit ausreichenden Kapazitäten. Auf den bestehenden zwei Start- und Landebahnen des BER können 60 Millionen Passagiere fliegen. Heute haben wir 33 Millionen. Das Landebahnsystem reicht also völlig aus. Aber es gibt Entwicklungsbedarf an anderer Stelle. Mit dem Terminal T1-E machen wir einen ersten Erweiterungsschritt. Die weiteren Schritte definieren wir in diesem Jahr in einem Masterplan“.

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