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  • 20.03.2017
  • von Alfons Frese

Berliner Flughafenstreit: Heißes Pflaster

von Alfons Frese

Vater Claus Wisser (re.) warnte den Sohn Michael vor dem Flughafen-Geschäft. Foto: picture alliance / dpa

Die Wisag tut sich schwer als größter Dienstleister in Tegel und Schönefeld. An diesem Montag beginnt die Tarifschlichtung mit Ehrhart Körting.

Selbst für große Jungs ist es manchmal schwer, aus dem Schatten des Vaters zu treten. Michael Claus Wisser, Jahrgang 1971, ist 2,10 Meter lang. Der Diplom-Kaufmann, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer hat für Arthur Andersen gearbeitet und ist in der Welt herumgekommen. 2001 stieg er dann in die Familienfirma ein, die der Vater Mitte der 1960er Jahre als Reinigungsunternehmen gegründet hatte. Heute beschäftigt die Wisag knapp 48 000 Mitarbeiter und ist einer der größten Dienstleistungskonzerne Deutschlands. Und Michael Wisser ist der Chef. Firmengründer Claus, der demnächst 75 Jahre alt wird, sitzt im Aufsichtsrat und passt auf den Sohn auf. Und ärgert sich, wenn etwas schiefgeht. Wie derzeit in Berlin.

Vater-Sohn-Konflikt bei der Wisag

Die Wisag ist mit rund 1000 Beschäftigten der größte Bodendienstleister an den Flughäfen Tegel und Schönefeld. Zusammen mit vier anderen Firmen steckt die Wisag in einem Arbeitskampf, der von diesem Montag an von einem Vermittler befriedet wird: Der ehemalige Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) soll die Tarifkontrahenten zusammenführen. Natürlich geht es um Geld, aber auch um Animositäten im Arbeitgeberlager in einem beinharten Wettbewerb auf einem schwierigen Markt. Und es geht auch um einen Vater-Sohn-Konflikt.

"Fliegen ist wie Busfahren"

„Er hat gewarnt, weil er Berlin für ein heißes Pflaster hielt“, sagt Michael Wisser über seinen Vater. Der Sohn wollte unbedingt die Globe Ground übernehmen, die 2008 von der Berliner Flughafengesellschaft verkauft wurde. „Ich war der Überzeugung, dass wir das hinkriegen“, sagt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Mit dem Wissen von heute würde ich das womöglich nicht mehr so machen.“ Wisser räumt ein, zwei Dinge falsch eingeschätzt zu haben. Zum einen den Markt: Fliegen wurde zum Massengeschäft, getrieben von den Billig-Airlines, die Passagiere zum Teil für den Preis einer Kinokarte in alle möglichen europäischen Städte befördern. „Früher hatte das Fliegen für alle Beteiligten einen elitären Touch – das ist vorbei. Heute ist Fliegen mehrheitlich so ähnlich wie Busfahren“, sagt Wisser. Mit Folgen für das Geschäft.

Die zweite Fehleinschätzung betrifft die Arbeitnehmer, die vor zwei Wochen mit knapp 99 Prozent für den Arbeitskampf gestimmt haben, weil es ihnen reicht. Diese Mitarbeiter, so meint ihr oberster Chef Michael Wisser, „sind schon zur Kasse gebeten worden und hatten ein Grundmisstrauen gegenüber dem Arbeitgeber entwickelt, bevor wir sie übernommen haben“.

Schon der Senat hat die Löhne gedrückt

Die Beschäftigten der Bodendienstleister, die Check-in und Gepäcktransport, Flugzeugreinigung und -abfertigung erledigen, waren demnach Opfer der Politik. „Um Touristen in die Stadt zu holen, hat der Berliner Senat mit verschiedenen Maßnahmen Airlines nach Schönefeld geholt“, sagt der Wisag-Chef. Fluggesellschaften seien mit günstigen Abfertigungsverträgen gelockt worden. In der Folge rutschten dann die Abfertigungsfirmen in die roten Zahlen, was wiederum Sanierungstarifverträge erforderlich gemacht habe. „Bei den Globe-Ground-Leuten entstand das Gefühl, sie haben immer etwas abgegeben.“ Wisser hat durchaus Verständnis für die Leute, die jetzt auch gegen ihn streiken. „Heute hört man immer, die Privatisierung sei an allem schuld – das ist falsch.“

Das Personal ist der größte Kostenblock

Mit der privaten Wisag ist indes auch nichts besser geworden. Die Wisag-Tochter Aviation Passage Service Berlin (APSB), in der viele ältere Globe- Ground-Beschäftigte tätig waren, ließ der Konzern pleitegehen, rund 190 Personen verloren ihr Arbeit, seit knapp zwei Jahren streitet man sich vor Gericht über die Dotierung eines Sozialplans. Man habe es schlicht nicht geschafft, die APSB wirtschaftlich aufzustellen, sagt Wisser zu dem Fall. Und die Wisag insgesamt ist offenbar auch nicht besonders wirtschaftlich unterwegs auf den zwei Flughäfen. „Wir fahren in Berlin das Geld nicht auf der Schubkarre raus“, sagt Wisser. Zum Missfallen des Vaters. „Den Hinweis, dass wir auch Geld verdienen sollten, den gibt er schon.“

Nur in Frankfurt wird mehr gezahlt

In einem Dienstleistungskonzern wie der Wisag macht das Personal rund drei Viertel der Gesamtkosten aus. Wenn dann, wie aktuell durch Verdi, eine Lohnerhöhung um gut zehn Prozent im Raum steht, wird es eng. Jedenfalls nach Aussage von Michael Wisser. „Wir können das nicht zahlen.“ Nach Frankfurt, wo die Bodendienstleister noch ganz überwiegend bei der Flughafengesellschaft Fraport beschäftigt sind, zahle man in Berlin schon die höchsten Löhne. „Die Menschen müssen von dem Geld auch leben können, das sie auf einer Vollzeitstelle verdienen“, sagt Wisser. Dass überproportional viele Teilzeitler auf den Flughäfen arbeiten, hänge mit dem schwankenden Arbeitsaufkommen zusammen.

Die Wisag sieht sich als Prügelknabe

Das Image der Wisag als Arbeitgeber hat gelitten – „wir werden zum Prügelknaben der Branche gemacht“ –, und so bemüht sich Wisser um einen anderen Akzent. „Bei allen Dienstleistungen, die die Wisag erbringt, werden uns Dumpinglöhne nicht weiterhelfen und deswegen befürworten wir diese auch nicht.“ Er habe auch „zum Teil Verständnis“ für die Tarifforderung, die man aber nicht gleichmäßig bei allen Beschäftigtengruppen und auch nicht auf einem Schlag umsetzen könne. Aber über ein paar Jahre gestreckt vielleicht – sofern die Wisag dann noch dabei ist. „Im Augenblick will ich die Flinte noch nicht ins Korn werfen“, sagt Wisser über die Zukunft auf dem heißen Berliner Flughafenpflaster.

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