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  • 20.03.2017
  • von Philipp Lichterbeck

Brasilien: Fleischskandal könnte auch EU betreffen

von Philipp Lichterbeck

Hauptsache Fleisch. Die Brasilianer gehören zu den größten Konsumenten. Foto: picture alliance / dpa

Brasiliens Fleischproduzenten sollen verdorbenes Rindfleisch und gestrecktes Hühnerfleisch exportiert haben. Die EU erwägt einen Importstopp.

Es ist nicht einfach in diesen Tagen, Brasilianer zu sein. Fast täglich kommt ein Skandal ans Licht, der nur mit Superlativen beschrieben werden kann. Stets bestätigt sich dabei, dass das riesige Land ein enormes Problem mit der Korruption hat. Die größten Fleischproduzenten Brasiliens sollen über Jahre verdorbenes und teils mit krebserregenden Mitteln behandeltes Rindfleisch verkauft haben. Hühnerfleisch wurde gestreckt.

Ob und wie viel davon ins Ausland exportiert wurde, ist unklar. Brasilien ist der größte Exporteur von Rindfleisch und einer der größten Hühnerfleischexporteure. Die Aktien von JBS, dem weltweit größten Rindfleischexporteur, und BRF, dem weltweit größten Geflügelproduzenten, stürzten Ende der vergangenen Woche ab.

Der EU-Botschafter in Brasilia, João Gomes Cravinho, kündigte an, dass die EU den Import von brasilianischem Fleisch stoppen werde, sollte die Regierung nicht ausreichende Informationen liefern. Die EU ist der größte Importeur von brasilianischem Hühnerfleisch und einer der größten Rindfleischeinkäufer. „Unsere Sorge gilt dem europäischen Konsumenten, und ein Importstopp ist eine Option“, sagte Gomes. Zu den untersuchten Vorgängen gehört auch die Lieferung von sieben Containern Fleisch nach Rotterdam, das mit Salmonellen verseucht gewesen sein soll.

Offenbar in Panik geraten, hat Brasiliens Präsident Michel Temer die Botschafter der EU-Länder zu einem Gespräch am heutigen Montag eingeladen. Der Bevölkerung versicherte er, dass der Fleischkonsum sicher sei. Es ist offenkundig, dass die Riesenindustrie am Laufen gehalten werden soll. Die Brasilianer gehören zu den größten Fleischkonsumenten der Welt. Jeder Brasilianer isst im Durchschnitt 78 Kilo Fleisch pro Jahr.

Größte Razzia der brasilianischen Geschichte

Bekannt wurde der Skandal vergangenen Freitag. Brasiliens Bundespolizei durchsuchte in der größten Razzia ihrer Geschichte – mehr als 1000 Beamte waren beteiligt – die Büros, Schlacht- und Kühlhäuser von 40 Firmen an rund 200 verschiedenen Orten. Drei Fabriken wurden sofort geschlossen, bei 21 weiteren steht eine Entscheidung noch aus. 38 Personen wurden festgenommen. Ein weiteres Ziel der Polizeioperation, die den Codenamen „Carne Fraca“, schwaches Fleisch, trug: Brasiliens Landwirtschaftsministerium. Regierungskontrolleure sollen Schmiergelder erhalten haben, wenn sie Fleisch ohne Kontrollen zertifizierten. 33 Offizielle wurden suspendiert. Ein Teil der Schmiergelder soll an Politiker von zwei Parteien der aktuellen Regierungskoalition weitergeflossen sein: die kleinere Partido Popular sowie die Partei der Demokratischen Bewegung Brasiliens von Präsident Michel Temer.

Hühnerfleisch mit gemahlener Pappe

Die Polizei geht davon aus, dass die Unternehmen Fleisch, dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen war, neu verpackten. Sie setzten dabei nicht zugelassene Stoffe ein, um Geruch und Aussehen zu manipulieren. Darunter Sorbinsäure und Ascorbinsäure. Letzteres, auch als künstliches Vitamin C bekannt, gilt seit einer Studie aus dem Jahr 2001 als krebsfördernd.

Weiterhin soll Wurst mit Schweineköpfen produziert worden sein, was verboten ist. Um das Gewicht von Hühnerfleisch zu erhöhen, sollen Firmen Wasser, Kartoffelpaste und gemahlene Pappe eingesetzt haben. Das Unternehmen BRF bestreitet den Einsatz von Pappe. Es behauptet, dass der Verdacht auf dem Missverständnis eines abgehörten Telefonats beruhe. Wie dem auch sei, der Verdacht ist in der Welt, und die Brasilianer wissen sich nur noch mit schwarzem Humor zu helfen. Nachdem der brasilianische Erdölgigant Petrobras sowie der international operierende Bauriese Odebrecht der massiven Korruption überführt wurden, trifft es nun einen weiteren bedeutenden Wirtschaftszweig.

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