15.08.2018, 23°C
  • 03.07.2018
  • von Florian Schumann, Martin Ballaschk

Wetter: Die Tage sind heiß, die Nächte kalt – Wüstenklima in Deutschland

von Florian Schumann, Martin Ballaschk

Trockene Luft macht die Hitze erträglicher, birgt aber die Gefahr von Sonnenbrand, weil man sie weniger spürt. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die Tage sind heiß, die Nächte kalt. Extrem trockene Luft und ein niedriger Taupunkt haben weitreichende Folgen. Das gilt fürs Sonnenbad wie für den Acker.

Im Oman auf der arabischen Halbinsel wurde kürzlich der Rekord für die heißeste Nacht geknackt. Die Temperatur sank nicht unter 42,6 Grad. Feuchte Luft vom Meer sorgte zudem für Schwüle.

In Deutschland ist derzeit das entgegengesetzte Phänomen zu beobachten: Es ist warm, aber extrem trocken. Eine kalte Bierflasche aus dem Kühlschrank beschlägt oft nicht einmal mehr. Denn dafür müsste die Temperatur der Flasche unter dem Taupunkt der Luft liegen. Das ist der Wert, auf die sich wasserdampfhaltige Luft abkühlen muss, damit sich Nebeltröpfchen bilden oder eine kühle Oberfläche feucht wird. Je trockener die Luft, desto niedriger liegt der Taupunkt.

Ab einem Taupunkt von 16 Grad hat man das Gefühl von Schwüle. Derzeit aber liegt er in der Region um Berlin bei fünf Grad, im Kölner Raum sogar unter Null. Es sind Bedingungen, die eher typisch für Wüsten sind. Für einen europäischen Sommer sei dies "nicht normal", sagt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD): "So etwas kommt alle fünf oder zehn Jahre vor." Vor allem trockene Kaltluft aus Skandinavien sei schuld. "Dazu kommen windstille Verhältnisse und klare Nächte", sagt Friedrich. Die Sonneneinstrahlung tagsüber tue dann ihr übriges, damit die Luft weiter austrocknet.

Bodenfrost im Erzgebirge

Außerdem sind die Nächte kühl. "Das ist für Juli ungewöhnlich," sagt der Meteorologe. "Südlich von Berlin hatten wir in der Nacht zum Montag Temperaturen unter drei Grad, im Erzgebirge sogar Bodenfrost." Normal seien Werte über zehn Grad. Ein Grund für die Nachtkälte ist wieder die niedrige Luftfeuchte, weil die Wärmespeicherkapazität des Wasserdampfes fehlt. Die Luft könne deshalb "nachts stärker auskühlen und die Wärme in den Weltraum abstrahlen".

Eine Folge der trockenen Luft ist aber auch, dass die Hitze erträglicher wird. "Der Schweiß verdunstet in trockener Luft effektiver und kühlt so den Körper", sagt Paul Schmidt-Hellinger, Arzt am Institut für Sportmedizin an der Charité in Berlin. Deshalb halten Menschen es auch in einer trockenen Sauna länger aus, als wenn man eine Aufguss mache. In schwül-warmem Klima müsse man dagegen mehr schwitzen, um den gleichen Kühleffekt für den Körper zu erreichen, weil nicht so viel Verdunstungskälte entstehen kann.

Trockene Luft reizt die Atmung

Gerade bei trockenem Klima gehe aber auch mehr Flüssigkeit über die Atmung verloren. "Wenn wir atmen, müssen wir die Umgebungsluft auf 100 Prozent Luftfeuchtigkeit bringen", sagt Schmidt-Hellinger. Bei trockener Luft trocknen deshalb die Schleimhäute schneller aus, zusätzlich werden sie durch Stäube aus Landwirtschaft und Stadtverkehr gereizt. Die Folgen: trockener Mund, Hustenreiz, ein raues Gefühl im Hals bis hin zum Staubschnupfen. Dagegen helfe vor allem viel zu trinken, am besten in kleinen Schlucken. Ein Limit der Trinkmenge gebe es bei Gesunden nicht, sagt Schmidt-Hellinger.

Ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt des kontinentalen Klimas ist, dass man dabei die Intensität der UV-Strahlung unterschätzen kann. "Diese Gefahr besteht vor allem dann, wenn etwa morgens noch kühle Luft vorherrscht oder ein Wind weht", sagt Schmidt-Hellinger. Dabei seien Sonneneinstrahlung und somit UV-Belastung und Sonnenbrandrisiko gleich. Deshalb sei konsequenter Sonnenschutz wichtig.

Landwirtschaft drohen Einbußen wie 2003

Weil die Feuchtigkeit fehlt, bilden sich auch weder Gewitter noch Schauer. Seit Ostern hat es in vielen Regionen Deutschlands kaum geregnet. "Im Norden und Osten Deutschlands haben wir eine extreme Bodentrockenheit", sagt Meteorologe Friedrich, "teilweise die höchste seit Beginn der Aufzeichnungen." Einzelne Regenschauer schaffen es nicht, den Boden nachhaltig zu durchfeuchten. Unter der obersten Schicht bleibt die Erde staubtrocken.

Darunter leiden vor allem Pflanzen. Einige Landwirte mussten ihre Ernten vorzeitig und verlustreich einfahren. "Man kann mit ähnlichen Einbußen wie im Jahr 2003 rechnen", sagt Harald Maier, Agrarmeteorologe des DWD. Etwa ein Viertel der Getreideernte fiel damals aus.

Ein Grund für dieses extreme Wetter sei auch der Klimawandel, sagt Friedrich. Die Kälte in der Nacht sei zwar ungewöhnlich. Aber Klimamodelle sagten zunehmende Trockenheit in den Sommermonaten voraus. "Was die Trockenheit angeht, ist das ein Vorgeschmack auf das Klima der nächsten Jahrzehnte." Gerade im Norden und Osten Deutschlands würde es zukünftig häufiger zu trockenen Perioden kommen. "Die derzeitige extreme Lage wird andauern", sagt Friedrich mit Blick auf die nächsten Tage. Abgesehen von einem schmalen Bereich in Süddeutschland sei ausschließlich sonniges, trocken-heißes Wetter prognostiziert.

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