19.01.2018, 3°C
  • 12.01.2018
  • von Cecilia Anesi, Margherita Bettoni, Giulio Rubino

Wie die Mafia in Deutschland arbeitet: „Ich lasse ihn eine Salsiccia-Wurst kaufen“

von Cecilia Anesi, Margherita Bettoni, Giulio Rubino

Anti-Mafia-Einsatz der italienischen Polizei. Foto: Carabinieri/dpa

Wie die italienische Mafia in Deutschland Gastronomen zwingt, ihre Lebensmittel zu kaufen. Ein Bericht über den Farao-Clan.

Jahrelang sammelten sie Beweise, hörten Telefonate ab, beobachteten Clan-Mitglieder.  Zu Beginn der Woche führten Ermittler in Deutschland und Italien schließlich eine der größten Aktionen gegen die italienische Mafia in den letzten 20 Jahren durch. Die Polizei nahm etwa 170 Personen fest, elf davon in Deutschland. Die Vorwürfe reichen von der Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung bis hin zu versuchtem Mord und Erpressung.

Die Razzien zielten vor allem auf den Farao-Clan, der zur kalabrischen Mafia-Gruppierung ‘Ndrangheta gehört. Aus italienischen Justizakten zu den jüngsten Razzien geht hervor, wie der Clan mit Hilfe des Lebensmittelhandels in Deutschland seinen Einfluss ausweiten konnte. Unter den Mafia-Clans sind die Faraos etwas Besonderes: nur dank seiner starken Präsenz in Deutschland stieg er in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der mächtigsten Mafia-Clans auf.

Zu den in dieser Woche Verhafteten zählt auch der Gastronom Mario L., der bei Stuttgart ein italienisches Restaurant betrieb. Aus den Unterlagen geht hervor, dass L. Kontakt zu hochrangigen Mitgliedern des Farao-Clans hatte. L. habe seinen Einfluss in Deutschland konsolidiert, „insbesondere in der Gastronomie und in den Gebieten Frankfurt und Offenbach und in Baden-Württemberg“, heißt es in den Akten.

L. ist nicht das erste Mal im Visier von Ermittlungen. Anfang der 1990er Jahre brachte er den CDU-Politiker und ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger in Bedrängnis. Oettinger besuchte oft das Stuttgarter Restaurant von Mario L., der ihn „seinen Minister“ nannte. Für die CDU-Landtagsfraktion organisierte Mario L. in seinem Restaurant „kalabresische Abende“. Gegen Oettinger wurde nicht ermittelt.

Italienische Restaurants sind ein wichtiger Bestandteil der Mafia-Logistik. Sie dienen der Geldwäsche und Treffen zwischen Clanmitgliedern. Die Lebensmittellieferungen können Kokainschmuggel tarnen. Ermittler rechnen bislang etwa 15 Restaurants und Eisdielen in Deutschland dem Farao-Clan zu. Im Laufe der aktuellen Ermittlungen könnte diese Zahl noch steigen.

Doch nicht nur das: der Farao-Clan nutzte den Lebensmittelhandel dazu, anderen italienischen Restaurants in Deutschland die eigenen Produkte aufzuzwingen. „In Deutschland kontrollierte der Farao-Clan den Handel von Produkten aus der kalabrischen Stadt Cirò, etwa Wein, Zitrusfrüchte, Öl und Zutaten für Pizza“, sagt der italienische Staatsanwalt Vincenzo Luberto.

Die Mafia ist in der deutschen Wirtschaft angekommen

Das zeigt, dass die Mafia in Deutschland nicht nur mit Kokain handelt und ihr Geld mit dem Drogengeschäft verdient, sondern längst in der deutschen Wirtschaft angekommen ist.

Der Farao-Clan gab sich als ganz normaler Wein-Produzent aus Italien. Mit einem Unterschied: Er verschickte seine Flaschen ungefragt an die Restaurants – in einem Fall 200 Kisten. Der Clan lieferte auch Zutaten für Pizzateig sowie Käse und Wurst aus der süditalienischen Region Kalabrien – ohne dass sie bestellt waren. Anschließend besuchten die Mafia-Mitglieder die Gastronomen, um sie zur Bezahlung der Waren zu zwingen.

„Ich lasse ihn eine Salsiccia-Wurst und eine Schweinskopfsülze kaufen und in der ersten Aprilwoche gehst du da vorbei“, sagt Mario L. am Telefon einem der Söhne von Clan-Chef Giuseppe Farao. Denn Gastronomen, die sich nicht erpressen lassen wollten, erhielten hochrangigen Besuch aus Italien: die Söhne der Clan-Chefs reisten nach Deutschland an, um sie einzuschüchtern.

Nicht nur italienische Restaurantbesitzer wurden Opfer des Clans. Das mutmaßliche Mafia-Mitglied Vincenzo B. soll 2013 auch einen deutschen Unternehmer bedroht haben. Der Geschäftsmann wollte in Hessen eine Eisdiele in einem Ladenlokal eröffnen, auf das auch Vincenzo B. ein Auge für die Eisdiele seiner Tochter geworfen hatte: „Wenn er meine Tochter beschädigt, beschädige ich ihm seine Frau, seine Tochter. Ich zerstöre alles“, sagte Vincenzo B. in einem abgehörten Gespräch.

Über einen italienischen Angestellten des Unternehmers soll B. ihm dann eine Bedrohung zukommen lassen haben: „Sag ihm, er soll an Duisburg denken, so dass er einschätzen kann, wie er enden wird“, sagte B. am Telefon. In Duisburg waren 2007 sechs Italiener im Rahmen einer Mafia-Fehde vor einem Restaurant erschossen worden. Das Recherchezentrum Correctiv konnte die Anwälte von B. und Mario L. nicht erreichen.

Früher war Deutschland nur ein Rückzugsort für Mafiosi, die sich Festnahmen oder Fehden entziehen wollten. Heute ist Deutschland ein wichtiger Standort für die Geschäfte der Mafia. Der Farao-Clan beherrscht vor allem Hessen und Baden-Württemberg. Der Clan gründete sich in den 1970er-Jahren in der kalabrischen Stadt Cirò. Zunächst hatte er in der Hierarchie der ‘Ndrangheta kaum Bedeutung. Denn seine Bosse waren Außenseiter in der Welt der Mafia: es waren damals Dreißigjährige, die keine Mafia-Vergangenheit hinter sich hatten.

Bereits in den 1980er-Jahren schmuggelten Mitglieder, die in Hessen und Baden-Württemberg lebten, zunächst Heroin und später Kokain nach Deutschland und verkauften die Drogen im Raum Kassel und Stuttgart. Heute zählt der Farao-Clan zu den mächtigsten in Italien. Das zeigt: Deutschland ist inzwischen so wichtig für die italienische Mafia, dass Clans ohne ein starkes Deutschland-Geschäft ins Hintertreffen geraten können.

Und bis zu den Razzien in dieser Woche konnte der Farao-Clan seine Stellung weitgehend ungestört ausbauen. Am 4. März 2014 unterhält sich der Gastronom Mario L. mit einem seiner Cousins im Farao-Clan, einem Sohn von Clan-Chef Giuseppe Farao. Sie diskutieren über ein Lager in der Nähe von Kassel zur Lagerung von Lebensmittel aus Kalabrien. Und dann lässt Farao diesen Satz fallen: „In Deutschland können wir alles machen“.

Die Autoren sind Journalisten des Recherchezentrums Correctiv. Die Redaktion, mit der unsere Zeitung kooperiert, finanziert sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!