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  • 11.01.2018
  • von Helmut Schümann

Tennis-Legende gegen Rassismus: Vorteil Becker

von Helmut Schümann

In den vergangenen Tagen hat sich Boris Becker gleich zweimal meinungsstark zu Wort gemeldet und Rassismus verurteilt. Foto: Peter Kneffel / dpa

Lange produzierte das einstige Tennis-Idol Boris Becker vor allem Negativschlagzeilen. Seit Kurzem hört man neue Töne.

Berlin - Es ist fast wie früher, als er noch mit dem Tennisschläger unter dem Arm durch die Welt hetzte, von Sieg zu Sieg hechtete und Deutschland – und nicht nur Deutschland – verzückte: Kaum ein Tag vergeht, an dem Boris Becker nicht in aller Munde ist und für Meldungen sorgt. Mal geht es um Banales, zumindest Höchstprivates, wie einen angeblichen Ehezwist. Ein anderes Mal wird kolportiert, er habe am Pokertisch gepatzt. Und vor wenigen Wochen ging um die Welt, dass der ehemalige Tennisstar insolvent sei und völlig pleite – was er heftig dementierte.

Nun meldet sich ein scheinbar völlig neuer Boris Becker zu Wort, der politisierte Boris Becker. Gleich in zwei Fällen zeigte Becker Flagge und positionierte sich eindeutig, in der Sache und bei seiner Vita nicht überraschend, aber so klar und eindeutig und treffend, wie er früher seine Asse platzierte.

Becker entlarvt die AfD

Der erste Aufschlag traf den sächsischen Bundestagsabgeordneten Jens Maier von der AfD. Der hatte Beckers Sohn Noah, einen DJ, Musiker und Maler mit Atelier in Berlin, via Twitter rassistisch beleidigt. Das brachte ihm eine – wohl eher halbherzige – Abmahnung seiner Partei ein, aber auch eine Strafanzeige. Und den geballten Zorn von Noahs Vater. Maier, ein ehemaliger Zivilrichter, hatte daraufhin versucht, sich auf einen Mitarbeiter herauszureden, der den Tweet verfasst habe, was aber weder Becker senior noch den Junior besänftigen konnte.

Boris Becker, den mancher bislang weit entfernt von der realen Welt wähnte, scheint gut informiert zu sein, nimmt am Zeitgeschehen teil und erkannte die typische Masche der AfD: erst austeilen und hinterher abwiegeln, was er in einem Gastbeitrag in der „Welt“ geißelte.

"Wann fangen wir an, Farben zu respektieren?“

Der zweite Aufschlag galt dem schwedischen Modeunternehmen H&M, das für einen Kapuzenpullover mit einer fragwürdigen Kampagne geworben hatte: Ein kleiner Junge, dunkelhäutig, trägt diesen Pullover, auf dem „coolest monkey in the jungle“ steht. H&M bedauert inzwischen die Werbung, nahm das Foto von den Seiten und den Pullover aus dem Sortiment. Becker senior twitterte dennoch: „Es hört nie auf! Wann fangen wir an, Farben zu respektieren?“, und stellte eine Fotomontage hinzu. Die zeigt den Jungen mit einer Krone und der veränderten Aufschrift „coolest king in the world“.

Die Fußballprofis Kevin-Prince Boateng und Pierre-Emerick Aubameyang schlossen sich im sozialen Netzwerk Beckers Entsetzen an. Alle drei ernteten höhnische und schäbige Kommentare, womit belegt ist, dass die AfD-Masche der Provokation offensichtlich zieht.

1999 warb Becker für den Doppelpass

Ehrenwert, dass Prominente wie Boris Becker deutlich und lautstark gegen den um sich greifenden Rassismus Stellung nehmen. Wo Boris Becker sich politisch verordnet, ist schon länger bekannt. Auch dass er, in Leimen geboren, in der Welt zu Hause, trotz seiner etlichen Ausfälle und Fehltritte, trotz Pleiten, Pech und Pannen ein Weltmann ist, dem Rassismus und nationales Gehabe zuwider sind.

1999 stellte sich Becker zusammen mit dem Musiker Marius Müller-Westernhagen und dem damaligen TV-Star und „Wetten, dass..?“-Moderator Thomas Gottschalk für eine Anzeigenkampagne zur Reform des Staatsbürgerrechts zur Verfügung. Ein Coup. Denn in den Junitagen dieses Jahres sammelte die CDU auf den Straßen Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Der „Spiegel“ zitierte seinerzeit den Originalton eines empörten Bürgers: „Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“ Wie heute war es eine schon vor fast 20 Jahren brisante und heikle politische Frage, welche die Republik zwischen der rot-grünen Bundesregierung und der bürgerlichen Opposition teilte. Die drei Promis, von denen Becker und Müller-Westernhagen Ehefrauen mit nichtdeutschen Wurzeln haben, stellten sich offen gegen die vermeintliche Mehrheitsmeinung: „Wer hier geboren ist, soll hier zu Hause sein. In vielen Ländern der Welt ist Einbürgerung selbstverständlich.“

"Es ist an der Zeit, Flagge zu zeigen"

Es ist also nur folgerichtig und der alten Erkenntnis, dass auch das Private politisch ist, gezollt, dass sich Becker nun gegen eine politische Haltung äußert, die die Republik in längst überwunden geglaubte Gesellschaftsentwürfe zurückkatapultieren möchte.

Und sie sind ja schon weit gekommen mit ihren üblen Parolen und Hetzereien. Der Anlass für die strafbewehrte Äußerung des AfD-Abgeordneten Maier war ein Interview mit Noah Becker gewesen. Auch er, geboren und aufgewachsen in den USA, in der Welt zu Hause, hatte darin berichtet, dass er in Berlin schon wegen seiner Hautfarbe rassistisch angegangen worden sei. Der alltägliche Rassismus ist allerorten zu beobachten. Gut, dass der weltweit bekannte Vater nun seine Stimme erhebt: „Es ist an der Zeit, Flagge zu zeigen.“ Spiel, Satz und Match: Boris Becker.

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