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  • 09.01.2018
  • von Dominik Straub

Razzia: Deutschland und Italien schlagen gegen Mafia zurück

von Dominik Straub

Mit Blaulicht fuhren die Carabinieri vor. Foto: dpa

Über 170 mutmaßliche Mafiosi werden in Italien und Deutschland verhaftet. Darunter auch Lokalpolitiker und bekannte Unternehmer.

Die Ermittler kamen im Morgengrauen und rissen die Verdächtigen aus dem Schlaf. Zeitgleich fuhren an verschiedenen Orten in der süditalienischen Region Kalabrien sowie in Norditalien mehrere Sonderkommandos der paramilitärischen Carabinieri mit Blaulicht vor, wenig später sind mehr als 160 mutmaßliche Mitglieder der kalabrische Mafiaorganisation ’Ndrangheta verhaftet. Selten hat die italienische Anti-Mafia-Behörde eine größere Razzia durchgeführt. Es ist ein Zeichen, dass der Staat nicht vor den Mafiosi kapitulieren will.

Auch in Deutschland greifen die Behörden am Dienstagmorgen in mehreren Bundesländern zu. Insgesamt seien elf mutmaßliche Clan-Mitglieder festgenommen worden, teilte das Bundeskriminalamt in Wiesbaden mit. Die Verdächtigen seien zwischen 36 und 61 Jahre alt und in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen sowie Nordrhein-Westfalen gefasst worden. Ihnen wird unter anderem Erpressung und Geldwäsche vorgeworfen.

In Stuttgart musste jedes Restaurant Waren von der Mafia beziehen

Geld beschlagnahmen die italienischen Behörden bei den Razzien in der Lombardei, Venetien, Emilia-Romagna und in der Hauptstadtregion Latium. Insgesamt handle es sich um Vermögen im Wert von rund 50 Millionen Euro. Die Ermittlungen, die zu der rekordverdächtigen Verhaftungswelle führten, waren vom Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri in Catanzaro geführt worden. Der unerschrockene Mafiajäger aus Kalabrien hatte die Gruppen viele Jahre observieren lassen; die Ermittlungsakten, die der Staatsanwalt gestern vorlegte, umfassen mehr als 1300 Seiten. Bei den meisten der Verhafteten handelt es sich um Bosse und „Soldaten“ des Clans Farao-Marincola aus dem kalabrischen Küsten- und Weinstädtchen Cirò Marina sowie des Giglio-Clans aus dem rund zwanzig Kilometer entfernten Strongoli. Die beiden Clans zählen zu den mächtigsten und einflussreichsten Familien der kalabrischen Mafia.

Die Clans, die Gratteri zufolge in Norditalien und zum Teil auch in Deutschland eine Art „kriminelle Holding" und ein „dichtes Vertriebsnetz“ aufgebaut hatten, seien in verschiedenen Wirtschaftsbereichen tätig gewesen — im Fisch- und Weinhandel, in der Olivenöl-Produktion, in Großwäschereien, im Bestattungswesen, in Spielsalons — aber auch in der Müllentsorgung und bei der vom Staat finanzierten Betreuung von Flüchtlingen. Das Hauptgeschäft der Clans in Deutschland bestand offenbar hauptsächlich darin, italienischen Restaurants und Pizzerien den von der ’Ndrangheta produzierten Wein sowie Halbfertigprodukte für die Speisen aufzuzwingen. „Im Gebiet von Stuttgart musste jedes italienische Restaurant die Waren der Clans beziehen“, zitierte der „Corriere della Sera“ aus den Ermittlungsakten.

Wer Wahlen gewinnt entscheidet der Clan

Dass die kalabrische ’Ndrangheta, die mächtigste und gefährlichste Mafia-Organisation Europas, ihre Tentakel auch nach Deutschland ausgestreckt hat, weiß man spätestens seit dem 15. August 2007, als ein Killerkommando in einer Pizzeria in der Duisburger Innenstadt sechs Menschen erschoss. Es handelte sich um eine Abrechnung unter Clans aus der kalabresischen ’Ndrangheta-Hochburg San Luca; sowohl die Täter als auch die Opfer stammten aus dem Bergdorf im Aspromonte-Gebirge an der Südspitze Italiens.

Normalerweise führen die im Ausland wohnhaften Clan-Mitglieder aber ein unauffälliges Leben; oft arbeiten sie als Pizzabäcker oder sie führen ein anderes kleines Familienunternehmen. Ihre dunklen Geschäfte wickeln sie möglichst im Verborgenen ab.

Während die Präsenz der ’Ndrangheta-Clans in Deutschland – aber auch in der Schweiz, in Österreich und im übrigen Europa – noch vergleichsweise überschaubar scheint, ist die Unterwanderung von Wirtschaft und Politik in Norditalien bereits so weit fortgeschritten, dass Staatsanwalt Gratteri inzwischen nicht mehr von einer „Infiltration“, sondern von einer „regelrechten Kolonialisierung“ spricht. In Kalabrien geht praktisch gar nichts ohne die ’Ndrangheta: In der ärmsten Region Italiens sind Gratteri zufolge 40.000 Betriebe gezwungen, Schutzgeld zu bezahlen. Weite Teile der Politik befinden sich in der Hand der Clans, die auch darüber bestimmen, wer an Wahlen gewinnt und wer nicht.

Wie weit die ’Ndrangheta in die Institutionen und die Wirtschaft Kalabriens eingedrungen ist, zeigte sich auch bei der Razzia am Dienstag wieder: Nur neun der weit über einhundert Verhafteten waren bekannte Kriminelle. Bei fast allen anderen handelte es sich um vermeintlich honorige Lokalpolitiker und Unternehmer. Unter anderem wanderte gestern der halbe Gemeinderat von Cirò Marino und der Präsident der Provinz Crotone hinter Schloss und Riegel.

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