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  • 18.04.2017
  • von Ariane Bemmer

Tierschutz: Wildnis im Wohnzimmer

von Ariane Bemmer

Hach, wie niedlich! Aber Löwen gehören in professionelle Obhut (wie hier im Magdeburger Zoo), sie eignen sich nicht als Haustier. Seltsam eigentlich, dass man das erwähnen muss. Foto: Jens Wolf/dpa

Echse, Affe, Beuteltier - Exoten als Haustiere sind ein fataler Trend und weitgehend unregulierter Markt. Statt dass die Bundesregierung das geändert hätte, präsentiert ihr neuer Haustier-Beratungsservice wilde Arten.

Das kleine Tierchen sitzt auf der Tür, vorn an der schmalen Kante und zögert. Springen oder nicht? Die Kamera läuft, eine Hand lockt. Es springt, es spreizt Arme und Beine und – toll! – entfaltet so eine Flugmembran: Ein knopfäugiger 100-Gramm-Mini-Batman segelt im Zeitlupenmodus auf die Hand zu, landet, greift um die Finger und schaut groß in die Kamera. Süß?

Finden offenbar genug Menschen. Das Filmchen ist nicht das einzige, das bei Youtube hochgeladen wurde, und bei Ebay-Kleinanzeigen gibt es jede Menge Annoncen für das fliegende Minitier. Es ist ein Kurzkopfgleitbeutler, auch Sugar Glider genannt, ein exotisches Säugetier, das online zum Weiterverkauf angeboten wird wie alte Legosteine. Und als sei das nicht falsch genug, findet sich der Sugar Glider jetzt auch noch im neuen Haustierberater-Onlineportal des Bundeslandwirtschaftministeriums Seite an Seite mit Rennmaus und Zwerghamster.

Haustier! Adeline Fischer von der Tierschutzorganisation Pro Wildlife stehen wütend die Haare zu Berge. Der Sugar Glider sei ein Wildtier, sagt sie, ein extremer Nahrungsspezialist, nachtaktiv, natürlicherweise in Gruppen lebend, bei Aufregung laut bellend und niemals stubenrein zu bekommen – also komplett ungeeignet für die Haltung zu Hause. Die Bundesregierung agiere völlig verantwortungslos, wenn sie ihn mit der Aufnahme in ihre quasi amtliche Datenbank zum Haustier erkläre und lediglich mit gut überlesbaren Hinweisen wie „nicht für Anfänger geeignet“ versehe. Auf Anfrage der Grünen-Fraktion erklärte die Bundesregierung dazu vor ein paar Tagen, dass die Anschaffung exotischer und haltungsaufwendiger Tiere schließlich „nicht empfohlen“ werde. Als sollten sie nicht viel richtiger mit großen „Nicht kaufen!“-Hinweisen versehen werden.

Wildtiere als Haustiere liegen im Trend. Hund, Katze, Maus reichen den Menschen nicht mehr. Nachdem die Lust am Exotischen eine Weile auf Leguane und andere Reptilien zielte (Eurostat zufolge hat Deutschland zwischen 2004 bis 2014 mehr als sechs Millionen lebende Reptilien importiert, das ist mit Abstand EU-Rekord), wendet sie sich nun dem ungewöhnlichen Säugetier zu. Kenntnis darüber entsteht vom Ende der Weiterleitungskette her: Wenn die Tierasyle und -heime Alarm rufen, weil sie neben den üblichen ausgesetzten Haustieren zunehmend Affen, Flughunde, Beuteltiere und Raubkatzen geliefert bekommen.

Warum nicht eine Positivliste erstellen, mit Arten, die als Haustiere taugen?

David van Gennep ist vor ein paar Wochen deswegen extra nach Berlin gereist. Der Chef der niederländischen Auffangstation AAP hatte diverse Unterlagen und Zahlen dabei, in denen er aufgelistet hat, wie viele Wildtiere aus Deutschland letztlich bei AAP landen (darunter zwischen 2001 und 2016 acht Schimpansen und 124 Primaten), was deren Unterbringung, Pflege und Versorgung in der Zeit gekostet hat (fünf Millionen Euro) und was Deutschland dafür gegeben hat (nichts). Er wünscht sich von der Bundesregierung, dass sie dem Beispiel der Niederlande folgt und eine Positivliste festlegt mit Tieren, die von Privatleuten gehalten werden dürfen. 120 Arten sind in seinem Land erlaubt. Da sollte für jeden Tierfreund etwas dabei sein, findet er.

In Deutschland jedoch ist es bisher nicht mal gelungen, eine bundeseinheitliche Regelung zur Wildtierhaltung zu erstellen. Jedes Bundesland hat andere Richtlinien und Gesetze. Die strengsten gelten in Hessen, keine haben Hamburg, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Irgendwo dazwischen liegen Berlin, wo bestimmte gefährliche Tiere unter Auflagen gehalten werden dürfen, oder Bayern, wo die Haltung gefährlicher Tiere von der jeweiligen Gemeinde genehmigt werden muss. Das führt zu der sprachlos machenden Erkenntnis, dass in weiten Teilen Deutschlands beispielsweise Löwen privat gehalten werden dürfen.

Die Belieferung der Exotenfreunde erfolge in der Regel ähnlich freihändig, meist über Online-Tierbörsen, wie Adeline Fischer sagt. Raubkatzen und viele Affenarten, die nicht auf der Washingtoner Artenschutzliste stehen, würden in ausländischen Zoos und Tierparks für den Verkauf an Jedermann gezielt vermehrt. Das ist Teil des Problems, denn ein kleiner Affe, ein kleiner Waran oder ein kleiner Löwe mag niedlich und beherrschbar wirken, aber das hört auf, wenn die Tiere wachsen. Wenn sie Krallen oder Klauen haben, stinken, lärmen, zu viel fressen oder den Haushalt demolieren. Dann sollen sie weg, und es bleiben meist nur Tierasyle als Adresse.

Interpol machte eine Razzia - und die Tierasyle quollen über

Das alles ist den damit Befassten seit Jahren bekannt, auch den Zuständigen im Ministerium. In der Antwort auf die Kleine Anfrage der Grünen wird die Tatenlosigkeit in Sachen bundeseinheitliche Regelung mit dem bundesweit geltenden Tierschutzgesetz erklärt, das Tierhalter zur artgerechten Haltung verpflichte. Außerdem warte man auf Ergebnisse einer Studie, die aber in dieser Legislatur nicht mehr fertig werde. Dabei ist die Regelung im Koalitionsvertrag festgeschrieben: „Handel mit und private Haltung von exotischen und Wildtieren wird bundeseinheitlich geregelt. Importe von Wildfängen in die EU sollen grundsätzlich verboten und gewerbliche Tierbörsen für exotische Tiere untersagt werden.“ Die anfängliche Freude der Tierschützer darüber ist weg. Der Gesetzgeber tut nichts, wobei nicht nachvollziehbar ist, wem das nützt.

Und eine Regelung beträfe auch nur die legal gehaltenen Wildtiere. Im Schatten der legalen Geschäfte werden aber die illegalen gemacht. Die mit Elfenbein, Horn, gefährdeten Arten, mit neu entdeckten. Anfang des Jahres hat Interpol die weltweite Polizeiaktion Operation Thunderbird gestartet, die einerseits von den Natur- und Tierschützern begrüßt wird, andererseits aber dazu führt, dass ihre Tierasyle noch voller werden, denn Interpol will die 4770 beschlagnahmten Vögel, die 1240 Reptilien und 100 Großkatzen nicht behalten.

Auch bei AAP von David van Gennep sind Tiere aus den Thunderbird-Razzien angekommen. Viele in schlimmer Verfassung, weil sie falsch gefüttert und schlecht gepflegt wurden. Und das ist vor allem, was die Tierschützer aufregt. Dass die Menschen sich einen Jux oder eine Angeberei aus dem Halten ungewöhnlicher Tiere machen, und die Tiere leiden darunter. Einige werden krank, andere sterben. Nur die wenigsten bleiben gesund und süß bis zu ihrem Lebensende.

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