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  • 15.04.2017
  • von Susanne Kippenberger, Esther Kogelboom

Patchwork-Familien: „Alle vier Jahre bin ich ein Zirkustier"

von Susanne Kippenberger, Esther Kogelboom

Eva Menasse. Foto: Mike Wolff

Sie schürft literarische Goldstäubchen aus dem mitteltemperierten Alltag: Die Schriftstellerin Eva Menasse über Patchwork-Dramen und die Liebe zu ihren Figuren.

Frau Menasse, in Ihrem Roman „Quasikristalle“ schreiben Sie: „Eine Wahnsinnsfrau – das sagen wir über diese in sich ruhenden, beißend witzigen Älteren, diese bewunderten Großmutter-Ikonen unserer Gesellschaft, die gut sind für Matineen und Interviews in den Wochenendbeilagen. Grobkörnige Schwarz-Weiß-Porträts.“

Und nun wurde ich selbst dafür fotografiert ...

… und im neuen Buch „Tiere für Fortgeschrittene“ gibt es nichts Besseres als eine Zeitung, um Erbrochenes aus einer schmalen Ritze zwischen Zustellbett und Hotelwand herauszusaugen.

Das ist eine Szene, die mir tatsächlich passiert ist. Es war kein Hotelzimmer, sondern ein von oben bis unten vollgekotztes Auto. „Die Zeit“ ist besonders saugfähig. Da haben Sie mich bei einem Wirklichkeitssplitter in der Literatur ertappt!

Sie fingen als Journalistin in der Redaktion des österreichischen Nachrichtenmagazins „Profil“ an, als Sie 18 waren.

Ich saß an der Schreibmaschine meines Vaters und fühlte mich wie ein kompletter Idiot. Die hatten mir gesagt, in eine Zeile sollen 40 Anschläge, deshalb war ich überzeugt, das Wort müsse am Ende der Zeile auch zu Ende sein. An meinem ersten „Kreuzworträtsel“ schrieb ich eine Woche, Tag und Nacht, Blut und Tränen. Es war peinlicherweise das Porträt eines Tischlers, ein guter Bekannter des Chefredakteurs, ein Gefallen. Zum Glück ist der Artikel nie erschienen. Und erst die Redaktionskonferenzen! Ich stand vor Schüchternheit erstarrt in der Tür, da saßen all die schwer rauchenden, wichtigen Männer, und mittendrin Sigrid Löffler.

Ihr Vater war begeisterter „Profil“-Leser, fürchteten Sie sein Urteil?

Nein. Schon als Kind hatte ich ihn montags bei der Lektüre der Kommentare „Der spricht mir aus der Seele!“ murmeln gehört. Als ich selbst im Pressezentrum der Seele meines Vaters arbeitete, hat er mich nur gefragt: „Warum steht diese Woche nichts von dir drin?“ Ich habe diese Arbeit trotzdem geliebt. Es war das Tollste, was es gab.

Während Ihrer Zeit als Journalistin schulten Sie Ihre Beobachtungsfähigkeit. Was ist bei Ihnen stärker ausgeprägt: Beobachtungsgabe oder Erinnerungsvermögen?

Ich habe damals gemerkt, dass ich als Schüchterne mehr mitbekomme als diejenigen, die gleich hingehen und fragen: „Sie haben also gerade Ihren Mann umgebracht?“ Und es passiert mir immer wieder, dass ich alten Freunden Heldengeschichten über sie selbst erzähle. „Kannst du dich noch erinnern? Du warst so toll damals in dieser Situation.“ Die schauen mich nur an und glauben, ich hätte es erfunden. Ich habe ein gutes Gedächtnis, aber das ist manchmal beunruhigend für andere.

Interessant, dass Sie Ihren Freunden Heldengeschichten erzählen. Liest man Ihre Bücher, denkt man: Eine Figur von Eva Menasse möchte ich wirklich nicht sein.
Es ist ja eine Funktion von Literatur, dass es um die Reibung zwischen Menschen geht.

Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Präzision bei der Beobachtung und Erbarmungslosigkeit?

Ich möchte eigentlich immer voller Erbarmen sein. Gerade die schlimmsten Figuren bemühe ich mich besonders zu lieben. Literatur, die von oben herab das Gekrabbel der ahnungs- und hilflosen Menschen beschreibt, mag ich gar nicht. Das ist kalte Literatur. Mir geht es um die warme Literatur: Ich nehme Anteil an meinen Figuren, und trotzdem zeige ich sie in Momenten, die für sie nicht schmeichelhaft sind.

Bleiben Sie im Leben bewusst hinter Ihren Fähigkeiten zurück, um andere nicht zu verletzen?

Erst vor Kurzem hatte ich ein unangenehmes Gespräch mit einem Freund, der mir sagte, er habe sich davor gefürchtet, wie ich manchmal über andere rede. Aber ich glaube, ich werde besser. Ich bemühe mich wirklich, höchstens um einer Pointe willen scharf zu formulieren, nicht um andere niederzumachen. In unserer Familie haben alle eine scharfe Zunge. Als Kind habe ich mich gefühlt wie in einem Meer voller unglaublich witziger, schlagfertiger Leute, und ich musste schwimmen lernen.

Das große Thema Ihrer neuen Geschichten ist die Patchworkfamilie. Da sind Sie Expertin: Sie kommen selbst aus einer.

Bei uns war Patchwork eine totale Wohlfühlveranstaltung. So kam es mir als Kind vor. Erst bei den Recherchen für die Familiengeschichte „Vienna“ habe ich herausgefunden, dass man auch nicht immer ganz friedlich miteinander war. Es lag vor allem an den sehr großzügigen Frauen, dass es trotzdem funktioniert hat.

In den 70er Jahren war eine Patchworkfamilie ungewöhnlich. Heute gibt es viele dieser Konstrukte – und sie ähneln den Kampfzonen, die Sie beschreiben. Haben Sie eine Erklärung?

Wenn ich meine kulturpessimistische Phase habe, denke ich: Die Leute damals hatten gerade den Krieg überlebt und haben so eine Scheidung nicht damit verwechselt. Mittlerweile werden aus solchen Konstellationen Schlachtfelder, weil es offenbar nichts anderes gibt, wo man sich ausagieren kann.


"In unserer Familie haben alle eine scharfe Zunge."

In Ihren fiktiven Patchworkfamilien finden sich so viele Fallstricke, dass Entrinnen unmöglich scheint. Eine Mutter lassen Sie Markierungen in die Wechselwäsche der Stiefkinder nähen, um der Ex des Mannes die Angriffsfläche zu nehmen. Am Ende bricht die Mutter vor der Waschmaschine zusammen.

Literatur ist immer Verdichtung. So ein normales Leben mit wohltemperiertem Alltag trägt ja immer nur ein paar Diamantensplitter oder Goldstäubchen von Literatur in sich. Beim Schreiben suche ich danach, wo es wirklich um etwas geht, die Emotionen groß werden.

Der schlimmste Fehler, den man als Mitglied einer Patchworkfamilie machen kann?

Man kann mehr Fehler machen, als man gut machen kann. Nicht nur als Mitglied einer Patchworkfamilie, sondern in dem Moment, wo man Kinder hat und die Partnerschaft sich aufzureiben beginnt. Alle haben wenig Zeit, machen Karriere, und dann sind da noch die Kinder. Jeder will anerkannt sein. Das geht sich nicht aus, wie wir Wiener sagen.

Ist Anerkennung die Währung einer modernen Familie?

Für eine Partnerschaft, fürchte ich, ja. Wer opfert sich mehr? Wessen berufliches Fortkommen ist wichtiger? In meinem Freundeskreis gab es eine Ehe mit zwei Kindern, die auseinanderflog. Man wusste erst gar nicht, warum, es gab keinen Dritten. Dann sagt die Frau: „Wenn die Kinder beim Ex sind, habe ich endlich meine eigene Zeit.“ Das ist verrückt. Warum schafft man es nicht, die eigene Zeit partnerschaftlich zu organisieren? Warum glaubt man, alles immer gemeinsam machen zu müssen? Ich sage gerne den polemischen Satz: Es war halt einfacher, als die Frauen ungebildet waren.

Sie haben auch mal gesagt, Menschen, die keine Kinder haben, fehle ein entscheidender Blick auf sich selbst. Was meinen Sie damit?

Das wird von Kinderlosen sehr ungnädig aufgenommen, dabei meine ich das nicht abwertend. Bei mir war es so, dass mir eine entscheidende Dimension des Lebens erst aufgegangen ist, als ich ein eigenes Kind hatte. Dass man plötzlich Dinge tut, die man an den eigenen Eltern verabscheut hat. Man schaut sich beim Wiederholen zu: „Nein, du gehst nicht mit deinen zwölf Jahren samstagabends auf den Ku’damm!“ Außerdem sah ich plötzlich die eigenen Eltern als fehlbare Menschen, nicht als Instanzen.

Das ist doch ein Merkmal von Erwachsensein, nicht unbedingt des Elternseins.

Vielleicht können andere das besser als ich; ich konnte es erst, seit ich Kinder habe. Ich weiß jetzt, dass meine Mutter, mit der ich mich viel gezofft habe, unter Druck stand und in ihrem Lebenskampf nicht permanent über uns nachdenken konnte.

Sie haben 2010 im „Spiegel“ über Ihre Fehlgeburten geschrieben – und die Qualen der Reproduktionsmedizin, denen Sie sich ausgesetzt haben. Warum sind Sie damit in die Öffentlichkeit gegangen?

Mir schien es notwendig, das Plädoyer für die Präimplantationsdiagnostik mit meiner persönlichen Erfahrung zu beglaubigen. Ich denke nicht oft im Leben, dass ich hundertprozentig recht habe, aber in diesem Fall war es so. Davor war es eine unbeschreibliche Qual für Paare mit genetischen Vorbelastungen, ein totes Kind nach dem anderen kriegen zu müssen, anstatt fünf Minuten nach der künstlichen Befruchtung einen gesunden Embryo aussuchen zu dürfen. Da blöken manche gleich: Nazis! Selektion! Doch geht es hier nicht um die Rampe in Auschwitz, sondern um das irrsinnige Leid von Frauen, die lange keine Kinder, oder noch schlimmer: immer nur todkranke Kinder bekommen.

Wem konnten Sie sich anvertrauen?

Meinen Freundinnen und meiner Schwester. Das Schlimme ist ja das Warten. Und warten kann ich nicht. Man geht jede Woche zum Ultraschall, und die Gynäkologin sagt: „Hm, ja, da klopft ein Herz – aber es sieht ein bisschen komisch aus.“ Außerdem habe ich lange für die Erkenntnis gebraucht, dass nach einer Reihe von Fehlgeburten eine Therapie sinnvoll ist. Durchhalten gehört leider auch zum Familienerbe: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.

Haben Sie jedes medizinische Detail recherchiert?

Ja. Ich las auch Unmengen von Chat-Plattformen, wo sich die Betroffenen austauschen, was wie Gift für mich war. Viele schreiben seltsam, und wenn man da empfindlich ist … dazu weinende Smileys. Bei „Urbia“ abonnierte ich den Schwangerschafts-Newsletter, und wenn’s wieder nichts wurde, musste ich stornieren.

In Ihrer Heimito-von-Doderer-Biografie zitieren Sie seinen Satz: „Jeder bekommt seine Kindheit übergestülpt wie einen Eimer, später zeigt sich erst, was darin war, aber ein ganzes Leben lang rinnt das an einem herunter …“ Was war in Ihrem Eimer?

Eine Menge österreichisch-jüdische Verworrenheit, viel Tennis-Club und viel Kartenspiel. Von heute aus betrachtet kommt mir meine Kindheit fast schrullig vor.

Sie hatten die Nerven, den Eimer ausgiebig zu betrachten.

In der psychoanalytischen Holocaust-Forschung gibt es den Begriff des Kerzenträgers. Das ist das Kind oder der Enkel einer verfolgten Familie, dessen unausgesprochene Pflicht es ist, das Erbe zu bewahren. Seit meiner Pubertät hatte ich diesen dringenden Wunsch.

Was war der Auslöser?

Meine Großmutter besaß eine Holzkiste mit einem alten Adressbuch, Fotos, Dokumenten. Mein Vater wusste nichts damit anzufangen. Ich spürte, dass mir – auf hochsympathische Weise – nicht die Wahrheit gesagt wurde. Viele jüdische und halbjüdische Kinder können davon berichten. Mir verkaufte man stattdessen die Erfolgsgeschichte: Dass mein Vater perfekt Englisch spricht, war in den 70er Jahren exotisch.

Ihr Vater kam als Achtjähriger mit einem Kindertransport nach England. Seine Geschichte verarbeiteten Sie in „Vienna“ – und jetzt erneut in der Erzählung „Enten“.

„Vienna“ war ein Ölgemälde, „Enten“ eine Tuschezeichnung desselben Motivs. Es geht darum, dass man sich nicht vorstellen kann, wie groß der Schmerz dieses Abschieds gewesen ist. Erst über den Umweg des eigenen Kindes. Mein Vater sagte bei jedem Kind, als es acht Jahre alt wurde: „Jetzt müsste ich dich fortschicken.“ Damals habe ich es nicht verstanden, erst als mein Sohn acht wurde.


Urlaub mit Kindern? Geht das?

Berlinert Ihr Sohn eigentlich?

Eine Zeit lang war seine Sprache von türkischen Worten durchsetzt, ja. Wir hatten die „i-Krise“.

Die was?

Füsch. Kürsche. Schlümm.

Von dem Schriftsteller Mario Vargas Llosa stammt der Ausspruch, man müsse die Wahrheit zutage lügen. Können Sie damit etwas anfangen?

Ja. Ich habe das Gefühl, meine erfundenen Geschichten sind am Ende wahrer, als ich sie je hätte erleben können. Beim Schreiben denke ich manchmal an Filz. Filz ist Wolle, die zu heiß gewaschen wurde, dann wird sie dick. Schreiben bedeutet, den Klumpen wieder auseinanderzumachen, sodass man die einzelnen Maschen sehen kann.

Sie erwähnten Ihre kulturpessimistische Phase. Stecken Sie gerade mittendrin?

Vielleicht. Bücher werden von Twitter ersetzt. Man mailt zu viel, sieht die Leute nicht mehr, fühlt sich mächtig beim Schreiben, verlernt das Miteinanderreden. Und wenn jemand nicht rechtschreiben kann, habe ich gleich ein bestimmtes Bild. Da komme ich nicht aus meiner Schreibhaut heraus.

In Ihren neuen Erzählungen geht es viel ums Unterwegssein. Haben Sie eine Lösung für das Problem „Urlaub mit Kindern“?

Nein. Moment, Jesolo ist eine Möglichkeit.

Jesolo an der italienischen Adria?

Liegestühle in Reihen. Da war ich als Kind jedes Jahr. Immer Tellergeklapper durchs offene Fenster, alles riecht nach Sonnenmilch.

So erholen Sie sich von Lesungen und Interviews?

So schlimm ist es nicht. Ich bin ja nur alle vier Jahre kurz ein Zirkustier, dazwischen ein langweiliges Haustier.

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