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  • 15.03.2017
  • von Vivian Kübler

Schlafforschung: Die ruhelose Gesellschaft

von Vivian Kübler

Jeder zehnte Deutsche leidet an Schlafstörungen. Die wenigsten jedoch lassen sich helfen. Andrea Enderlein/epd

Die Zahl der Menschen mit Schlafstörungen nimmt rapide zu, zeigt eine aktuelle Studie. Zehn Mythen über den perfekter Schlaf.

Ein Drittel seines Lebens schläft der Mensch – eigentlich. Denn viele finden nachts nicht die ersehnte Ruhe, sie liegen stundenlang wach oder wachen immer wieder auf. Sie schlafen einfach schlecht. Jeder Zehnte leidet einer aktuellen Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit zufolge an Schlafstörungen. Tendenz steigend. Kaum jemand weiß mit dem Problem richtig umzugehen, fast zehn Prozent der Arbeitnehmer greifen zur Pille, jeder zweite nimmt Schlafmittel ohne Rezept. Die Folgen des Medikamentenmissbrauchs: Müdigkeit und Unkonzentriertheit auf der Arbeit. Trotz der hohen Belastung wenden sich noch immer zu wenige an einen Arzt. „Nicht alle nehmen das Problem wirklich ernst“, sagt Thea Herold. Sie ist Schlafforscherin an der Schlafakademie Berlin und beschäftigt sich mit dem Thema seit mehr als 20 Jahren.

Über den perfekten Schlaf kursieren noch immer viele Mythen. Doch was ist dran an ihnen?

Schlaf kann man nachholen

Oft beklagen Menschen, unter der Woche nicht genügend Schlaf zu bekommen. „Während der Arbeitstage rutscht man auf dem Schlafkonto schnell mal ins Minus“, sagt Herold. Doch dieser Mangel kann durchaus ausgeglichen werden: Ausschlafen am besten, sobald es geht, rät die Schlafexpertin. „Viele von uns machen das an ihren freien Tagen auch intuitiv richtig.“ Das permanente Verschieben der Schlafzeiten, so wie es Schichtarbeiter tun müssen, ist ein ernster Eingriff in den natürlichen Rhythmus. Man könne Schlaf zwar auch am Tag nachholen, aber der hat nicht die gleiche Qualität. Auch „auf Vorrat“ könne man nicht schlafen – dafür gibt es schlicht und einfach, keine „Speicher“.

Eine gute Nacht ist eine durchschlafene Nacht

Im Alltag beschreiben viele eine erholsame Nacht gerne mit dem Satz: „Ich habe durchgeschlafen.“ Genau genommen schlafe man aber nie durch, erklärt Herold. Kurze Wachepisoden, sogenannte Arousale, gehören zum gesunden Schlaf einfach dazu. „Sie dauern von wenigen Sekundenbruchteilen bis zu Minuten. Und sie werden oft gar nicht bewusst erlebt. Deshalb entsteht der subjektive Eindruck, vom Einschlafen bis zum Aufwachen ,durchgeschlafen’ zu haben“, erklärt Herold. Die Qualität des Schlafes habe damit wenig zu tun, sondern eher ist wichtig: Wie gut haben wir uns während des Schlafes erholt?

Elektrosmog stört den Schlaf

Der Fernseher im Schlafzimmer ist an, das Smartphone liegt auf dem Nachttisch, und eine E-Mail müsste man eigentlich auch noch schnell vor dem ins Bett gehen verschicken. Ob das den Schlaf beeinflusst, ist nicht erwiesen. „Es gibt keine fundiert-wissenschaftliche Studie und keine Zahlen dazu“, sagt Herold. Was in unseren Zeiten viel mehr zum Schlafstörer wird, sei dagegen der Krach und der Licht-Smog. „Unsere Nächte sind nicht nur kürzer geworden, sondern auch lauter und heller. Die vermeintliche 24/7-Wachexistenz gaukelt uns ein Leben ohne Pause vor, das aber nicht funktioniert. Facebook wird nicht müde, und auch Amazon hat sein Geschäft immer offen. Aber wir brauchen einmal am Tag mindestens eine Pause. Daran hat sich nichts geändert.“

Schlafen macht schön

Ja, es gibt ihn, den legendären Schönheitsschlaf: Es sei bis heute die einfach beste Anti-Aging-Maßnahme, meint die Expertin. Wir tanken auf, regenerieren und erholen uns. Das Immunsystem könne in Ruhe seine „Reparaturen“ ausführen. Wer am Schlaf spart, dem sieht man es ziemlich bald auch an.

Ältere Menschen brauchen weniger Schlaf Falsch, sagt Herold. Ältere Menschen brauchen nicht weniger Schlaf, aber ihr Schlafverhalten verändert sich. Der Schlaf wird als kürzer empfunden, weil er sich oft auf zwei oder manchmal sogar auf drei Perioden in 24 Stunden verteilt. Die eigentliche Schlafzeit verändere sich aber nicht.

Schlafstörungen führen zu Depressionen

Das ist kein Automatismus. Schlafprobleme und -mangel gefährden aber die Gesundheit. Das Risiko steige dann für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, für Übergewicht, Diabetes, onkologische und psychische Erkrankungen, erläutert die Expertin. Außerdem haben unausgeschlafene Zeitgenossen einfach selten gute Laune. „Es stimmt nunmal: Ausgeschlafen ist das Leben am schönsten“, sagt Herold.

Der Schlaf vor Mitternacht ist der gesündeste

Nein. Wann wir am besten einschlafen, das liegt an unseren Chronotyp. Es gibt den Morgenmenschen (der Lerchen-Typ), den Morgenmuffel (der Eulen-Typ) und den eher durchschnittlichen Chronotyp (der neutrale Typ). Man schlafe dann am besten ein, wenn man müde ist. Das scheint banal, ist es auch – so dass man es oft vergisst.

Mittagsschlaf ist gesund

Ja, sagt die Expertin. Ein kurzes Nickerchen, ein sogenannter „Power-Nap“, tue tatsächlich gut. Er habe nur einen schlechten Ruf. „Er hilft uns über den Leistungsknick hinweg, den wir während der Tagesmitte erleben“, erklärt Herold. Nur wer abends schlecht einschläft, sollte darauf verzichten. „Ansonsten bin ich für Pausen-Räume und Power-Naps!“

Man kann sich gesund schlafen

„Schlaf dich gesund“ – das sei immer noch richtig, sagt Herold. Schlafzeit sei Zeit, die helfe, wieder gesund zu werden. Einen Infekt auskurieren und zugleich für einen Marathon trainieren, das gehe eben nicht zusammen. Nur nacheinander.

Schweres und spätes Essen fördert Schlafstörungen

Stimmt. Denken wir nur an Weihnachten, Ostern und Familienfeste.

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