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EURO 2012

  • 14.06.2018
  • von Michael Rosentritt

Fußball-WM 2018: Löw sorgt sich um Ilkay Gündogan

von Michael Rosentritt

Politisch inaktiv. Joachim Löw will Mesut Özil und Ilkay Gündogan vor allem sportlich in Schwung bringen. Foto: dpa/ Christian Charisius

Am Sonntag startet Deutschland in das Turnier. Die Debatte um das Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ist noch nicht abgeklungen.

Am Mittwochmittag muss Ilkay Gündogan ein warmer Schauer überkommen sein. Der Nationalspieler bekam von der mit 500 vornehmlich deutschen Zuschauern besetzten Stadiontribüne Applaus. Im Trainingsspielchen acht gegen acht hatte Gündogan, 27, ein Tor erzielt. Vor ein paar Wochen war ihm zusammen mit seinem Mitspieler Mesut Özil dagegen ein schwerverzeihliches Eigentor unterlaufen, als sich die beiden auf ein Treffen samt Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan einließen.

Vor wenigen Tagen noch war jede Ballaktion Gündogans im Leverkusener Testspiel gegen Saudi Arabien von Pfiffen des Publikums begleitet worden. Die Affäre mit dem Autokraten brachte beiden Spielern heiligen Ärger ein, nicht nur von den vielen Fußballanhängern. Das halbe Land diskutiert seitdem kontrovers, das Thema hat das deutsche Team mit nach Russland genommen.

Einen Tag nach der Landung in der Hauptstadt des WM-Gastgeberlandes nahm die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw mit einer halböffentlichen Trainingseinheit im Moskauer Vorort Watutinki ihre eigentliche Arbeit auf. Unter den Zuschauern befanden sich neben rund 200 Journalisten auch 100 Kinder und Jugendliche aus einer deutschen Schule in Moskau. Der Weltmeister nutzt zum Training das aufgepäppelte Übungsgelände des Moskauer Armeesportklubs ZSKA. Von ihrem Mannschaftshotel im benachbarten Wald sind es für Löws Mannen knapp zehn Autominuten bis hierher. Die Platzbedingungen seien „absolut hoch stehend“, hieß es von allen Beteiligten – nur noch übertroffen von der Höhe der blickdichten Umzäunung.

Löw: "Wir haben noch einiges zu tun"

Ein bisschen zu hoch sei vielleicht auch der Rasen, wie Löw hinzufügte, „ein paar Millimeter“, weshalb gestern schon Julian Draxler einmal kurz im Geläuf hängen blieb. „Aber morgen wird das mit dem Rasen behoben sein“, sagte der Bundestrainer. Anders als die Erdogan-Affäre. „Für mich als Trainer“, sagte Löw, sei zu diesem Thema öffentlich alles gesagt, meine Aufgabe ist es, beide Spieler, die gelitten haben, in Schwung zu bringen, sodass sie für unsere Mannschaft einen Mehrwert haben.“ Der 58-Jährige erzählte, dass Gündogan nach den Pfiffen von Leverkusen geknickt war, „ich musste ihn aufrichten“.

Natürlich sei das auch ein Thema in der Mannschaft gewesen, aber der Ortswechsel nach Moskau sollte allen gutgetan haben. „Ich denke, dass mit der Reise die Spieler den Schalter im Kopf umlegen können. Und ich denke, dass wir das hinbekommen“, sagte Löw. Wenn die Mannschaft am Sonntag mit ihrem Spiel gegen Mexiko ins Turnier startet, könne es dennoch sein, dass die beiden Spieler erneut „mit Pfiffen begleitet werden“, auch wenn er es sich anders wünschte. So seien Özil und Gündogan in der Mannschaft „sehr anerkannt“, sagte der Bundestrainer im DFB-Medienzentrum in unmittelbarer Nähe zum Team-Hotel.

Letzteres ist noch nicht auf grenzenlose Begeisterung gestoßen, Löw sprach vom „Charme einer schönen Sportschule“, aber „das nehmen wir an“. Alles andere würde Energien vergeuden. Von hier aus sind es rund 50 Kilometer bis zum Roten Platz. Die bestens bewachte deutsche Reisegruppe, bestehend aus 23 Spielern und doppelt so vielen Betreuern, hat 72 Zimmer im kernsanierten Spa-Hotel bezogen. Löw will in dem 11 000-Einwohner-Örtchen noch einmal konzentriert arbeiten lassen. „Da geht es um den Feinschliff und die Einstellung auf den Gegner“, sagte Löw, „wir haben noch einiges zu tun und müssen uns während des Turniers verbessern.“

Grindel: Problem geht über Gündogan und Özil hinaus

Reinhard Grindel, Chef des Deutschen Fußball-Bundes, war am Mittwochnachmittag direkt vom Fifa-Kongress herbeigeeilt, um dem Titelverteidiger seinen präsidialen Segen zu erteilen und noch dies und das vom Kongress zu erzählen, der die WM 2026 an das Bewerbertrio Kanada, USA und Mexiko vergab.

Doch auch er kam nicht umhin, ein paar Worte zur Gündogan-Özil-Erdogan-Debatte zu verlieren. Ihm, wie übrigens auch der sportlichen Leitung der Mannschaft, war schlechtes Krisenmanagement vorgeworfen worden. Leider, sagte der DFB-Boss, habe er nicht lesen können, „wie gutes“ in diesem Fall hätte aussehen sollen. „Ich sagen Ihnen“, dröhnte Grindel vom Podium den Journalisten entgegen, „da muss es um etwas gehen, dass tiefer geht, über die beiden Spieler hinaus.“ Man habe es mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun, die Nationalmannschaft sei ein Spiegelbild.

Während noch rund um die WM 2014 das Thema Integration ausschließlich positiv besetzt gewesen sei, habe sich die gesellschaftliche Lage „mit der Zuwanderung 2015 geändert“, sagte der frühere CDU-Politiker Grindel. Die Menschen in Deutschland sehen Probleme. Jetzt sei dieses Foto in der Welt und mit ihm die Reaktionen. Und wenn ein Spieler, gemeint war Özil, schon nicht in einem Interview Antwort geben wolle, „dann vielleicht auf dem Platz“. Sagte Grindel und blickte dabei hoffnungsfroh feierlich.

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