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EURO 2012

  • 14.06.2018
  • von Christoph Biermann

Fußball-WM 2018: Eine fußballerische Offenbarung ist bei der WM nicht zu erwarten

von Christoph Biermann

Kampf und Krampf. Besonders in der Vorrunde der WM sind fußballerische Leckerbissen eher nicht zu erwarten. Foto: Carlos Barria/REUTERS

Früher veränderte die WM den Weltfußball regelmäßig mit neuen Ideen. Doch diese Vorreiterrolle hat das Turnier längst verloren.

Es gab einmal eine Zeit, in der die Fußball-WM das größte Ereignis im Fußballuniversum gewesen ist. Es trafen sich dort alle vier Jahre nicht nur die besten Mannschaften, das Turnier war auch ein Markt für neue Ideen. 1958 verzauberte das Wunderkind Pelé die Fans, und zugleich staunten die Fachleute über das revolutionäre 4-2-4 der Südamerikaner. Von der Weltmeisterschaft 1974 ging der holländische Totaal Voetbal um den Globus, und 1998 gab es die „pendelnde Viererkette“ der Franzosen zu bestaunen. „Fußball sollte immer auf dem höchstmöglichen Level gespielt werden, und kein Klub wird jemals das Niveau einer Nationalmannschaft erreichen“, sagte der italienische Trainer Arrigo Sacchi vor 20 Jahren.

Das würde er heute vermutlich kaum noch wiederholen, denn seither haben die Nationalmannschaften und damit auch die Weltmeisterschaften einen sportlichen Bedeutungsverlust erlebt. Wenn es dazu noch eines Beweises bedurft hätte, lieferten ihn gestern ein dem großen Publikum eher unbekannter Trainer namens Julen Lopetegui und der spanische Fußballverband. Lopetegui gewann mit zwei spanischen Nachwuchsteams die Europameisterschaft und war zwei Jahre lang Trainer beim FC Porto, bevor er spanischer Nationalcoach wurde. In der nächsten Saison wird er Real Madrid trainieren, so wurde Dienstag bekannt. Einen Tag später warf ihn der ob dieser Nachricht so verblüffte wie empörte spanische Verband raus.

Real Madrid ist größer als die spanische Nationalmannschaft

Wie immer die Details dieses bemerkenswerten Vorfalls ausgesehen haben, klar wird dadurch: Real Madrid ist größer als die spanische Nationalmannschaft, immerhin ein ernsthafter Kandidat für den Gewinn des WM-Titels. Das ist nicht von heute auf morgen passiert, sondern war ein langer Prozess. Die Vertragsfreiheit der Spieler durch das Bosman-Urteil 1995 und der Fall vieler Ausländergrenzen in den großen Ligen sorgten dafür, dass internationale Transfers selbstverständlich wurden. Die Einführung der Champions League ließ eine Klasse der Superklubs entstehen, die immer mehr Spitzenspieler versammelte.

Wenn Lopetegui von der spanischen Mannschaft zu Real Madrid wechselt, tauscht er also den Job bei einer Nationalmannschaft gegen den bei einer Weltelf. Dass die Spitzenklubs der Champions League in einer anderen Sphäre angelangt sind als die Nationalteams, zeigt das Trainerpersonal dieser WM. Erstmals seit 1970 hat keiner der Trainer vorher schon mal einen Europacup gewonnen (Löw war mit dem VfB Stuttgart immerhin mal in einem Finale).

Und keiner der 32 Nationaltrainer in Russland war als Trainer spanischer, italienischer, englischer oder deutscher Meister – das gab es seit 1958 nicht mehr. Wirkliche Granden des Spiels wie Rinus Michels, Ernst Happel, Arrigo Sacchi, Marcello Lippi gibt es – ausgenommen Jogi Löw – in Russland auf den Trainerbänken nicht. Von Argentiniens Trainer Jorge Sampaoli, dem Brasilianer Tite und noch einmal Löw abgesehen, würde die Elite der Champions League wohl keinen der aktuellen WM-Trainer halbwegs ernsthaft als Kandidaten in Betracht ziehen.

Das liegt auch daran, dass es in einem Zeitalter hochkomplizierter Matchpläne für viele der talentiertesten Trainer zunehmend unbefriedigend ist, quasi unterkomplex zu arbeiten. Denn das ergibt sich zwangsläufig, wenn man mit seinen Spielern nicht eine ganze Saison auf dem Platz arbeiten kann, sondern bestenfalls mal für die sechs Wochen eines Turniers.

Mehr Platz für Improvisation

Entsprechend sollte man als Fan auch nicht glauben, dass uns dieses Turnier einen fußballerischen Rosengarten offenbart, vor allem in der Vorrunde nicht. Eine Vielzahl von Mannschaften wird sich darauf konzentrieren, das eigene Tor zu sichern und dabei kein großes Risiko einzugehen. Wir könnten also bei vielen Spielen genau das erleben, was in der abgelaufenen Bundesligasaison für so viel Gähnen gesorgt hat: Mannschaften, die weniger die Initiative suchen als die des Gegners zu verhindern. Wobei das Ganze auch noch in geringerer Intensität passieren dürfte, denn um ein hohes Pressing zu spielen, fehlt den meisten Mannschaften nicht nur der Mut, sondern auch die Vorbereitungszeit.

Die Vorfreude auf die WM muss das nicht notwendig mindern. Es geht schließlich beim Spaß an der ganzen Sache nicht nur um den bestmöglichen Fußball, wie Sacchi ihn forderte. Es gibt sogar einen Aspekt, bei dem die Spiele in Russland interessanter werden könnten als die hochgepitchten Begegnungen der Champions League. Es wird mehr Notwendigkeit und damit Platz für Improvisationen sein. Wir werden also Spieler nicht nur als Funktionsträger einer Fußballmaschinerie erleben, sondern als Menschen mit ihrer individuellen Kunst. Nicht die schlechteste Aussicht.

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