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  • 14.02.2018
  • von Sven Goldmann

Real Madrid in der Champions League: Der Henkelpott ist nicht genug

von Sven Goldmann

Schon bei der Ankunft in Madrid guckt Jupp Heynckes nicht gerade enthusiastisch. Sieben Tage später entlässt ihn Reals Präsident Lorenzo Sanz (rechts). Foto: Gustavo_Cuevas/dpa

Zinedine Zidane steht bei Real Madrid in der Kritik und nun kommt PSG. Doch selbst ein Champions-League-Sieg ist in Madrid keine Jobgarantie. Nähere Auskünfte erteilt gern Jupp Heynckes.

Läuft gerade nicht so bei Real Madrid. Platz vier in der Primera Division entspricht nicht ganz dem Selbstverständnis des reichsten und verrücktesten Klubs der Welt, zumal der Rückstand auf den Lieblingsfeind FC Barcelona (17 Punkte) und die stadtinterne Konkurrenz von Atletico (10) schon so groß ist, dass da wohl nicht mehr viel zu machen sein wird im letzten Drittel der Saison. Die Champions League muss es richten, aber das wird so einfach nicht. Das Los hat Real die neureichen und ebenfalls reichlich verrückten Sportskameraden von Paris Saint-Germain als Gegner zugeteilt. Am Mittwoch gastiert die mit arabischem Geld alimentierte Weltauswahl zum Hinspiel in Madrid. Nicht auszuschließen, dass sich Europas Champion der vergangenen beiden Jahre schon im Achtelfinale verabschiedet.

Spätestens dann dürfte die Zeit von Zinedine Zidane auf der Trainerbank vorbei sein. Der Franzose wird wohl nur bleiben dürfen, wenn er im Mai im Olympiastadion von Kiew ein weiteres Mal den liebgewonnenen Henkelpott streicheln kann. Aber selbst für den Fall eines erneuten Champions-League-Sieges darf Zidane sich nicht sicher fühlen. Nähere Auskünfte erteilt gern Jupp Heynckes.

Heynckes rettet die Saison 1997/98 mit dem Champions-League-Sieg

Heynckes ist nicht immer und überall als in sich ruhender Weltmann gefeiert worden. Als er in der Saison 1997/1998 ein Gastspiel im Estadio Santiago Bernabéu gibt, werden ihm seine öffentlich zur Schau getragene Bescheidenheit und Zurückhaltung als Führungsschwäche ausgelegt. Jeden Tag darf er in „Marca“, „Sport“ oder „El Pais“ lesen, was die Spieler den Reportern zutragen: dass sie ihren Trainer angeblich nicht mehr ernst nehmen und die Gestaltung der Taktik selbst bestimmen. Diese Herabwürdigung korrespondiert aufs Unangenehmste mit dem sportlichen Erfolg, der als solcher nicht zu erkennen war. Im Pokal blamiert sich Real beim Achtelfinal-K.o. gegen den Zweitligisten Deportivo Alaves, in der Meisterschaft reicht es nur zu Platz drei, elf Punkte hinter dem FC Barcelona.

Jupp Heynckes steht schwer in der Kritik. Und doch kann er diese missratene Saison zu einer großen machen und das schaffen, woran sich prominente Vorgänger wie Leo Beenhakker, Alfredo di Stefano oder Fabio Capello seit 32 Jahren vergeblich abmühen. Er kann Real Madrid endlich wieder den Pokal bescheren, für den im riesigen Trophäensaal immer ein Plätzchen reserviert ist. Der ungeliebte Deutsche kann den Klub zurück auf Europas Thron führen.

Der Weg ins Finale führt über zwei deutsche Mannschaften. Im Viertelfinale gegen Bayer Leverkusen hat Real kaum Mühe, im Halbfinale gegen den Pokalverteidiger Borussia Dortmund bricht kurz vor Spielbeginn ein Tor zusammen, worauf sich der Anpfiff im Bernabeu um 76 Minuten verzögert und der deutsche Fernsehreporter Marcel Reif den schönen Satz spricht: „Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan.“ Real gewinnt 2:0, holt im Rückspiel ein 0:0 im Westfalenstadion und steht damit im Finale von Amsterdam. Es geht gegen Juventus Turin, die überragende Mannschaft dieser Zeit, angeführt vom Künstler Zinedine Zidane (der 20 Jahre später als Real-Trainer unbedingt die Champions League gewinnen muss). Die Italiener stehen zum dritten Mal in Folge im Endspiel und kaum jemand zweifelt an ihrem Sieg.

Angeblich hat sich Reals Stürmer Predrag Mijatovic ein paar Tage vor dem Finale verletzt und das seinem Trainer verschwiegen. Heynckes stellt den Montenegriner jedenfalls auf, und der bedankt sich Mitte der zweiten Halbzeit mit dem Siegtor. Heynckes tut sich schwer damit, seinen bis dahin größten Erfolg zu feiern und lässt sich erst auf wiederholtes Insistieren seines Lieblingsspielers Christian Karambeu dazu überreden, den Pokal kurz in die Hand zu nehmen.

Entlassung acht Tage nach dem Triumph

Bei der Pressekonferenz lautet die erste Frage: „Werden Sie in der nächsten Saison noch Trainer bei Real sein?“ Heynckes antwortet, er verstehe die Frage nicht: „Es ist wohl einmalig in der Geschichte des Europapokals, dass ein Trainer, der ihn gerade gewonnen hat, nach seiner Zukunft gefragt wird.“ Er fliegt zurück nach Spanien, feiert mit der Mannschaft am berühmten Brunnen auf der Plaza de Cibeles und ahnt doch, dass seine Zeit vorbei ist. Acht Tage nach dem Triumph von Amsterdam bestellt ihn Reals Technischer Direktor Jose Martinez Pirri zu einer Unterredung mit Präsident Lorenzo Sanz. Der sagt, was er zuvor schon in einem Radio-Interview gesagt hat: Heynckes möge sich bitte einen neuen Verein suchen.

Als neuer Trainer kommt der frühere Real-Verteidiger José Camacho, aber auch mit dem werden die Señores Pirri und Sanz nicht glücklich. Camacho hat schon nach 23 Tagen keine Lust mehr auf das Chaos rund um das Bernabeu und kündigt.

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