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  • 13.01.2018
  • von David Joram

Fechten - Weißer Bär von Berlin: "Für Ehre und Vaterland tritt keiner an"

von David Joram

Alle Jahre wieder. Seit 1960 findet das Traditionsturnier der Fechter in Berlin statt. Im vergangenen Jahr gewann Aymerick Gally aus Frankreich. Foto: Sebastian Wells/Imago

Fecht-Bundestrainer Mario Böttcher über Mangelwirtschaft im Fechtsport, Olympia und den "Weißen Bären" von Berlin.

Herr Böttcher, Sie sind seit November 2016 Bundestrainer der Fechter. Die Zeiten sind gerade hart, die Mittel knapp. Hand aufs Herz: Wie gut klappt die Mangelverwaltung?

Ach, von einer Mangelverwaltung würde ich nicht sprechen, das ist mir zu hart. Natürlich hätten wir gerne mehr Mittel zur Verfügung – gerade finanzielle –, aber dafür haben wir uns als Team wieder gefunden. Man merkt: Die Jungs haben Spaß an der Sache, der Spirit ist wieder besser.

Der Abstand zur Weltspitze aber wächst an. Wie groß ist die Hoffnung, diese Lücke wieder schließen zu können?
Der Weg wird steinig und schwer, gar keine Frage. 2017 haben wir aber mit dem vierten Platz im Teamwettbewerb bei der EM und Richard Schmidts dritten Platz bei der WM auch gute Ergebnisse erzielt. Das zeigt: Wir können oben anklopfen.

Es geht auch um die Systemfrage: Pro Zentralisierung mit dem bewährten Standort Tauberbischofsheim oder doch eher ein föderales Fördersystem forcieren. Was bevorzugen Sie?
Eine 100-prozentige Zentralisierung wird nicht möglich sein und ich bin auch kein Freund davon. Dazu ist der finanzielle Aufwand, den die Athleten betreiben müssten, zu enorm. Wir sind keine Profisportler. Aber ich sage auch: Wer ganz oben angreifen will, muss eigentlich einen fixen Ausbildungs- und Trainingsstandort betreiben. So wie es etwa Franzosen, Russen oder Italiener machen. Aber die verfügen über ganz andere finanzielle Mittel als wir.

Von welchen Summen pro Jahr sprechen wir da?
Genaue Zahlen kenne ich nicht, mehrere Millionen Euro investieren die Top-Nationen aber schon. Ohne konkret werden zu wollen: Da liegen wir weit drunter.

Die nächsten Olympischen Spiele sind nicht mehr weit weg. Wie groß sind die Chancen, dass deutsche Fechter 2020 in Tokio an den Start gehen?
Geld schießt keine Tore, aber nur für Ehre und Vaterland tritt auch keiner mehr an. Derzeit müssen die Athleten schon viel Eigeninitiative betreiben, und das tun sie auch. Aber unter diesen Voraussetzungen wird es schwer. Am Mannschaftswettbewerb nehmen nur die Top acht der Welt teil – wir stehen derzeit auf 13. Da müssen wir schon noch was aufs Parkett zaubern. Falls es das Team nicht packt, wollen wir zumindest mit Einzelkämpfern vertreten sein.

Am Sonntag wird in Berlin mit dem Degen um den „Weißen Bär“ gekämpft. Wer sind die Favoriten?

Ich schätze die Polen und Schweizer sehr stark ein, es gibt auch ein, zwei gute Holländer. Und auf den Dänen Frederik von der Osten muss man auch auf dem Zettel haben. Dann gibt es noch den italienischen Olympiasieger von 2008, Matteo Tagliariol, und viele andere, die ebenfalls zur Weltspitze zählen. Das Turnier ist wirklich gut besetzt.

Die Franzosen um Titelverteidiger Aymerick Gally fehlen allerdings.

In Frankreich finden parallel zum Weißen Bär leider nationale Wettkämpfe statt. In Italien ist übrigens ein weiteres Fechtturnier – trotzdem sind in Berlin auch Italiener dabei, auch das zeigt, welchen hohen Stellenwert der Weiße Bär hat.

Was trauen Sie Ihren Schützlingen zu? Schafft es einer ins Finale, das im historischen Kuppelsaal stattfindet?
Der Kuppelsaal ist einzigartig auf der Welt. Für mein junges Team wird das natürlich eine große Herausforderung, der Weiße Bär ist eines der größten und traditionsreichsten Turniere überhaupt. Vor allem Fabian Herzberg, Lukas Bellmann, Rico Braun und natürlich Richard Schmidt traue ich einiges zu. Einzig die Franzosen, die ja dieses Mal fehlen, schaffen es noch, kontinuierlich an der Spitze zu stehen. Dahinter sind viele Überraschungen möglich. Ich prognostiziere, dass es dieses Jahr auch deutsche Fechter ins Finale schaffen.

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