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  • 06.07.2018
  • von Tobias Gutsche

Durch Doping benachteiligte Potsdamer Sportler: Von der Konkurrenz betrogen

von Tobias Gutsche

Jubel unter falschen Vorsätzen. Groß war 2010 die Freude von Claudia Grunwald über den Vize-Europameistertitel. Dass sie nun acht Jahre später offiziell Champion ist, fühle sich für sie "komisch" an. Foto: imago/Annegret Hilse

Claudia Grunwald vom SC Potsdam ist nachträglich Leichtathletik-Europameisterin 2010, weil andere dopten. So etwas ist kein Einzelfall für Potsdamer Sportler. Selbst per Post kam schon rückwirkend Gold.

Wenn eine Sportlerin acht Jahre nach der erbrachten Leistung und sechs Jahre nach dem Karriereende ihren größten Erfolg verzeichnen kann, dann ist man angelangt – in der Absurdität der internationalen Leichtathletik. Claudia Grunwald hat sie vor einem Monat erfahren. Da bekam die Ex-Läuferin des SC Potsdam, die damals unter ihrem Geburtsnamen Hoffmann startete, die offizielle Nachricht: Statt Silber über 4x400 Meter bei der Europameisterschaft 2010 in Barcelona werden sie und ihre deutschen Staffelkolleginnen nun auf dem Goldrang gelistet. Grund ist, dass der eigentlichen Siegermannschaft aus Russland Doping nachgewiesen werden konnte. Mit der Zeit gab es von drei Frauen des Quartetts eine positive Probe.

Claudia Grunwald ist nun also Europameisterin. „Es fühlt sich komisch an“, sagt sie nachdenklich. Prinzipiell sei das massive Dopen von Nationen wie Russland „ein Trauerspiel“. Es deprimiere, wenn man weiß, dass man nie eine Chance hatte, weil die anderen unfair gearbeitet haben. „Mit uns wurde immer gehadert, dass wir hinterherlaufen. Wir haben die Erklärung schon geahnt. Inzwischen gibt es genügend Bestätigungen.“ Der unlautere Wettbewerb habe sie nicht nur auf der Tartanbahn benachteiligt, sondern in der Konsequenz auch im gesamten Dasein als Leistungssportlerin. Die öffentliche Anerkennung blieb oft aus, weil eben keine Top-Platzierungen heraussprangen – und die Unterstützung durch Sponsoren hielt sich ebenso in Grenzen.

Christopher Linke: „iamdopingfree“ und „cleansport“

Heute lässt sich das nicht mehr ändern. „Aber es ist zumindest gut, dass jetzt die Resultate im Nachhinein relativiert werden“, erklärt die 36-Jährige, die im Qualitätsmanagement der Nauener Havelland-Kliniken tätig ist. Die wahren Relationen werden zwar hergestellt. Doch es sind gerade die Emotionen des Moments, die sich nicht wie eine Ergebnisliste einfach so neu gestalten lassen. „Für uns war Silber damals schon ein echt großes Glücksgefühl. Wir wurden jedoch um mehr gebracht. Auf dem Podest ganz oben zu stehen und die deutsche Hymne zu hören“, hadert die damalige Schlussläuferin Grunwald und betont zugleich: „Noch schlimmer muss es für die Italienerinnen sein. Sie waren Vierte, hatten überhaupt nicht den Genuss der Siegerehrung.“

Ähnlich war es für Christopher Linke. Der Potsdamer Geher belegte 2012 beim Weltcup über 50 Kilometer den fünften Platz. Später wurden zwei vor ihm positionierte Russen wegen Dopings disqualifiziert und Linke rutschte auf den Bronzeplatz. Während des diesjährigen Weltcups in China bekam der Olympia- und WM-Fünfte nun mit sechs Jahren Verspätung seine verdiente Medaille, damit faktisch rückwirkend gesehen seine erste auf der weltweiten Elite-Leichtathletikbühne. Via Facebook veröffentlichte Christopher Linke anschließend Bilder von der nachgeholten Edelmetallübergabe und versah den Beitrag mit zwei aussagekräftigen Slogans: „iamdopingfree“ sowie „cleansport“. Er sei frei von Doping und stehe für sauberen Sport.

Grunwald und ihr Team hoffen auf Ehrung bei EM in Berlin

Beileibe nicht nur in der Leichtathletik fällt Russland durch das Verwenden verbotener, leistungssteigernder Substanzen auf. Beispielsweise häufen sich auch im Schwimmen die Fälle. Christian Diener ist dadurch auch zu einem Europameistertitel gekommen. Der Rückenspezialist des Potsdamer SV hatte bei der Kurzbahn-EM 2013 mit Deutschlands gemischter 4x50-Meter-Lagenstaffel Rang zwei hinter den Russen belegt, deren Resultat ein Jahr danach aufgrund des Betrugs annulliert wurde. Gold für Diener & Co. gab es dann nicht im würdigen Rahmen. Der Postbote brachte die glänzende Plakette. „Da kommt keine Freude auf, wenn man die Medaille nur aus dem Paket holt“, berichtet der Olympiafinalist.

Claudia Grunwald schüttelt den Kopf. So etwas sei unwürdig für die ehrlichen Sportler, sagt die frühere Läuferin. Sie und ihre Staffelmitstreiterinnen von 2010 hoffen, Gold auf bessere Weise zu erhalten. Das Quartett hegt hierfür einen Traum. Nächsten Monat findet in Berlin die Leichtathletik-Europameisterschaft statt. „Eine Ehrung vor heimischem Publikum wäre klasse“, meint Claudia Grunwald. Und wenn dann auch noch sogar die deutsche Nationalhymne dazu erklingen könnte – „das würde das schöne i-Tüpfelchen einer nichtsdestotrotz bitteren Geschichte sein“.

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