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  • 15.01.2018
  • von Tobias Gutsche

Potsdamer Rudersport: Fortschritte im Vakuum

von Tobias Gutsche

Investition in eine Talentschmiede. Für die Modernisierung des Ruderzentrums am Seekrug wurden Fördermittel bewilligt. Foto: T. Gutsche

Der politische Stillstand in Deutschland wirkt sich auch auf den Spitzensport aus. Es mangelt an Planungssicherheit. An Potsdams Ruder-Stützpunkt geht es dennoch voran – sportlich und infrastrukturell. Ein Olympiaheld vom Seekrug greift indes wieder an.

Deutschland, fast vier Monate nach der Bundestagswahl: Eine neue Regierung gibt es noch nicht, stattdessen liegen bloß mühselige Sondierungsmarathons hinter den Parteien – die Republik ist genervt und bei ihrer politischen Arbeit weitestgehend gelähmt. Auch der Spitzensport hadert mit der gegenwärtigen Situation. „Wir haben keine Planungssicherheit. Das ist problematisch“, sagte Ralf Holtmeyer am Samstag beim „Siegerbrunch“, der jährlichen Auszeichnungsveranstaltung des Ruder-Clubs Potsdam.

Keine genauen Finanzierungsgrundlagen

Holtmeyer ist eine Trainer-Ikone des deutschen Rudersports. Über viele Jahre betreute er das Flaggschiff, den Männer-Achter, führte ihn unter anderem zu zwei Olympiasiegen. Seit wenigen Wochen ist Holtmeyer nun leitender Bundescoach, verbringt dabei weitaus weniger Zeit auf dem Wasser als früher, dafür aber mehr in Gesprächen. Das politische Vakuum beschäftigt ihn dabei sehr. Solange keine neue Bundesregierung steht, wird es auch keine konkreten Entscheidungen aus dem für den Sport zuständigen Innenministerium (BMI) geben. Die angeschobene Leistungssportreform verharrt deshalb momentan im Stillstand, die genauen Finanzierungsgrundlagen für die Verbände sind unklar. „Wir müssten eigentlich jetzt schon längst wissen, wie viel Geld wir 2019 zur Verfügung haben. Das wird schließlich ein ganz entscheidendes Jahr für uns, denn da findet unsere Olympiaqualifikation statt“, monierte Ralf Holtmeyer. „Aber alles ist in der Schwebe.“

Beispielsweise die künftige Bundesstützpunktstruktur. Für eine effektivere, höherwertigere Trainingsarbeit soll laut der Spitzensportreform eine Konzentration der Athleten auf weniger nationale Förderzentren als bisher erfolgen. Nach vielen Debatten wurde bereits eine entsprechende Liste erarbeitet, doch endgültig absegnen muss sie das BMI, das aber eben seit Monaten in den Wahl-Nachwehen liegt. Daher wurde kurzerhand erst einmal die alte Bundesstützpunktstruktur bis Ende 2018 verlängert. Für danach hoffen in Potsdam sieben Sportarten auf ihre Zugehörigkeit zum neuen Konzept: Kanu-Rennsport, Leichtathletik, Schwimmen, Judo, Moderner Fünfkampf, Triathlon und Rudern.

Potsdam soll Riemen-Frauen entwickeln

Im Fall der Ruderer sollen Brandenburgs Landeshauptstadt und Berlin gemeinsam den Bundesstützpunkt-Status erhalten und miteinander kooperieren. „Potsdam ist ein ganz stabiler Baustein für unser System“, betonte Cheftrainer Ralf Holtmeyer. Die Pluspunkte des Standorts liegen für ihn auf der Hand: „Dieser Stützpunkt ist aus einer erfolgreichen Tradition gewachsen, verfügt über viel Know-how, gute Bedingungen und einen sehr starken Prozess der Talentsichtung und -entwicklung.“

Entwicklung – das ist auch der große Auftrag, der Potsdam in der Bundesförderkonzeption zugedacht wird. Der Seekrug soll das Zentrum bei dem Vorhaben sein, Deutschlands weibliches Riemenrudern nach zuletzt schwachen Jahren zurück auf internationales Spitzenniveau zu führen. Projektleiter ist Sven Ueck. Der Potsdamer hat als Trainer den deutschen Frauen-Doppelvierer – also eine Skull-Bootsklasse – zu drei WM-Titeln, Olympiasilber in London und -gold in Rio verholfen. Seit Herbst 2016 ist er nun damit beschäftigt, die Riemen-Damen für ähnliche Erfolgsfahrten vorzubereiten. „Mein erstes Zwischenfazit fällt positiv aus“, urteilte Ueck. „In der U23-Altersklasse, auf die jetzt der Fokus gerichtet ist, haben wir bei der WM Bronze im Vierer und Rang vier mit dem Achter geholt. Da sind wir schon ein gutes Stück vorangekommen.“ Eine Herausforderung sei es, die vielen leistungsstarken, in den USA trainierenden Studentinnen hinsichtlich Olympia 2020 einzubinden. „Da müssen wir rechtzeitig Schwung aufnehmen, um dann nächstes Jahr bei der Qualifikation für Tokio in ein bis zwei Bootsklassen die Chance auf Tickets zu haben“, gibt der Coach als Zielmaßstab aus.

RCP holte 2017 vier internationale Medaillen

Aber nicht nur im reinen Trainingsprozess verzeichnet Sven Ueck Fortschritte. Auch infrastrukturell an seinem Stützpunkt. „Wir konnten – inmitten der unübersichtlichen Lage der Spitzensportreform – mit dem Land Brandenburg einiges anschieben.“ Wichtiger Meilenstein: Ende September wurden aus Fördermitteltöpfen von Bund, Land und Stadt insgesamt 420.000 Euro für den Sportpark Luftschiffhafen übergeben – ein Teil davon fließt in das Ruderzentrum. Am Seekrug werden dadurch die Zimmer und Bootshallen modernisiert sowie das frühere Judo-Gebäude zur Ergometertrainingsstätte hergerichtet. Eine Investition in die Zukunft einer Talentschmiede.

Diesem Ruf war der RC Potsdam vergangene Saison erneut gerecht geworden, wie der „Siegerbrunch“ am Samstag eindrucksvoll deutlich machte. Während bei der Junioren-Europameisterschaft Silber durch Maren Völz im Doppelvierer heraussprang, gab es bei der Junioren-WM den Achter-Titel für Mattes Schönherr sowie jeweils Platz zwei für Maren Völz (Doppelzweier), Annabel Oertel und Katarina Tkachenko, die beide Crewmitglieder des Achters waren. Im Erwachsenenbereich glänzte Doppelvierer-Fahrerin Daniela Schultze mit Europameisterschaftsgold sowie dem vierten WM-Rang.

Gruhne hat wieder "volle Motivation une Kraft"

RCP-Präsident Burkhard Jungkamp fand, „es war ein tolles Jahr, das uns Hoffnungen macht“. 2018 sollen ebenfalls Top-Resultate gelingen. Womöglich auch durch Hans Gruhne: Der Olympiasieger und Weltmeister ist nach einer Saison Auszeit ins Training zurückgekehrt. „Jetzt habe ich wieder die volle Motivation und Kraft, um anzugreifen. Der Einstieg hat mit guten Ergebnissen bei den ersten Leistungstests gut geklappt“, berichtete Gruhne, der Tokio im Blick hat.

Knapp zweieinhalb Jahre sind es noch bis zu den nächsten Olympischen Sommerspielen. Wie viel von dieser Zeit ohne geklärte sportpolitische Verhältnisse ins Land gehen wird, ist offen. Zwar sei der aktuelle Zustand „völlig unbefriedigend“, wie Ruder-Bundestrainer Ralf Holtmeyer sagte. „Aber als Sportler und Trainer muss man Kämpfer sein. Wir müssen daher zusammenstehen.“ Einfach sei der Weg an die Spitze ohnehin nicht, bemerkte er und fügte hinzu: „Gold gibt es eben nicht bei Aldi.“

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