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  • 23.08.2017
  • von Tobias Gutsche

Potsdamer Kanu-Rennsport: Eine Lücke in der langen Erfolgsliste

von Tobias Gutsche

Gelungene Premiere. Bei der Europameisterschaft Mitte Juli im bulgarischen Plowdiw fuhren die Potsdamer Jan Vandrey, Sebastian Brendel, Stefan Kiraj und der Berliner Conrad Scheibner (v.l.) erstmalig zusammen einen Wettkampf im Canadier-Vierer. Sie wurden Zweiter. Für die Weltmeisterschaft kommt lediglich ein Kontrahent aus Übersee hinzu. Foto: Ute Freise

Die Bilanz des Kanu Clubs Potsdam bei Elite-Weltmeisterschaften ist herausragend. 170-mal wurde bislang Edelmetall gewonnen. Doch noch nie gelang es drei KCP-Männern, gemeinsam in einem Boot aufs WM-Podest zu paddeln. Das kann sich nun ändern.

Das Unterfangen, die Medaillengewinne des Kanu Clubs Potsdam bei Weltmeisterschaften zu zählen, nimmt einige Zeit in Anspruch. Die Strichliste wird lang und länger, der Kugelschreiber verliert immer mehr Tinte. Beeindruckende 170 Edelmetallplaketten – verteilt auf 75-mal Gold, 53-mal Silber und 42-mal Bronze – kommen letztlich zusammen. Und trotz dieser bereits immens hohen Anzahl an Triumphen gibt es noch Unerreichtes. Bei den diesjährigen Welttitelkämpfen von Donnerstag bis Sonntag im tschechischen Racice schickt sich nun ein KCP-Trio an, die Geschichte des erfolgreichsten Kanu-Vereins der Erde um ein Novum zu erweitern.

Brendel holte seine erste Elite-WM-Medaille im Vierer

Sebastian Brendel, Jan Vandrey und Stefan Kiraj werden zusammen mit dem Berliner Conrad Scheibner im Canadier-Vierer über 1000 Meter antreten – erstmalig könnten gleich drei Potsdamer Männer in einem Boot aufs WM-Podest paddeln. Bislang war dies lediglich den Kajak-Damen vom Luftschiffhafen gelungen, vor langer Zeit: 1966 holten Helga Ulze, Anita Kobuß und Karin Haftenberger Bronze, 1970 gab es Silber für Petra Setzkorn, Petra Grabowski und Anita Kobuß. Der Möglichkeit, Historisches zu schaffen, waren sich die KCP-Canadier zunächst nicht bewusst. „Ui, spannende Sache“, entgegnet Stefan Kiraj überrascht. Er lacht und meint: „Na dann werden wir die Lücke mal schließen.“

Zwar gehört der C4 nicht zum olympischen Programm, genießt daher keine ganz große Wertigkeit, „doch WM-Rennen ist WM-Rennen“, findet Sebastian Brendel. „Da gibt es was zu gewinnen, also wollen wir auch was gewinnen.“ Zumal er mit dieser Bootsklasse einen besonderen Moment verbindet. 2007 heimste der gebürtige Schwedter im Canadier-Vierer seine erste Medaille bei einer Elite-WM ein – inzwischen ist er mit zwölfen dekoriert.

KC Potsdam peilt in Racice "vier, fünf Medaillen" an

Sowie mit drei Olympiasiegen. Zwei davon erkämpfte Sebastian Brendel voriges Jahr in Rio. Nach der Wiederholung seiner Einer-Goldfahrt von 2012 krönte er sich zusammen mit Clubkollege Jan Vandrey auch zum Champion im Zweier. „Natürlich wären wir beide auch diese Saison wieder gerne den C2 beim Saisonhöhepunkt gefahren“, sagt Brendel. Weil im nationalen Ausscheid jedoch Yul Oeltze/Peter Kretschmer (Magdeburg/Leipzig) besser waren, erhalten sie das WM-Startrecht. Den Vierer-Einsatz verstehen Brendel/Vandrey allerdings nicht als Trostpflaster. „Das ist eine neue Herausforderung und auch eine willkommene Abwechslung. Ich genieße das, habe Spaß“, sagt Brendel. Dessen Heimtrainer Ralph Welke, zugleich Bundescoach der Canadier-Männer, sieht auch einen wichtigen Vorteil durch die Großboot-Aufgabe. „Es werden dabei deutlich höhere Geschwindigkeiten erreicht als im Einer und Zweier. Dieser Umgang mit dem hohen Tempo schult die Jungs und bringt sie in ihrer individuellen Leistung weiter.“ Sebastian Brendel hofft, dass sich das bereits in Racice auswirkt, wo sein Hauptaugenmerk auf dem Soloritt über einen Kilometer liegt.

Darin gilt er naturgemäß als heißer Medaillenkandidat des erfolgsverwöhnten Deutschen Kanu-Verbandes (DKV). Hoch sei die Erwartungshaltung der DKV-Verantwortlichen für die diesjährige WM aber nicht, betont Präsident Thomas Konietzko: „Nach Rio haben wir unseren Top-Leuten die verdiente längere Regenerationspause gegeben, wodurch ihr Trainingsaufbau diese Saison anders als gewohnt war. Daher werden wir nicht wie sonst ein Medaillenziel ausgeben.“ Ganz so zurückhaltend geht der KC Potsdam, der elf Aktive nach Tschechien entsendet, nicht an das Championat. Cheftrainer Welke: „Auch wenn das Training in diesem Jahr eine andere Nummer war, wollen wir als Verein unserem Anspruch gerecht werden. Vier, fünf Medaillen sollen es schon sein – davon mindestens eine goldene.“ Allen voran auf den Olympia-Helden Franziska Weber, Ronald Rauhe und Sebastian Brendel liegen die Hoffnungen – und natürlich dem Canadier-Vierer.

Womöglich steht C4 zum letzen Mal im WM-Programm

Der hatte bereits bei der Europameisterschaft Mitte Juli eine ansprechende Leistung gezeigt: Rang zwei. „Zur WM kommt aus Übersee nur Kanada als Kontrahent dazu“, berichtet Jan Vandrey. „Da sollte also einiges für uns drin sein“, ergänzt Stefan Kiraj, der allein die Nominierung für den 1000-Meter-C4 als Erfolg betrachtet. In den vergangenen Jahren war Kiraj noch ausschließlich im Sprint über 200 Meter zu Hause. Da diese Disziplin aber fortan nicht mehr zum Olympiaprogramm gehört, musste er auf die – für Sommerspiele im Herren-Canadierbereich verbliebene – fünfmal so lange Distanz wechseln. „Durch ordentliche Leistungen habe ich es auf Anhieb ins Nationalteam geschafft. Der Übergang ist mir gelungen. Das macht Mut für die Zukunft, wenn ich um einen Platz im olympischen Zweier kämpfen werde.“

Zuvor möchte er aber schon mal Edelmetall im Vierer abgreifen. Einer Bootsklasse, die laut Trainer Ralph Welke „die von der Ästhetik her vielleicht schönste überhaupt im Kanu-Rennsport ist“. Rhythmisch, kraftvoll, elegant – der C4 habe „einen Riesenreiz“. Umso trauriger macht Welke die wohl fehlende Perspektive. „Unter Umständen ist es das vorerst letzte Mal, dass der Canadier-Vierer bei einer WM gefahren wird. Es gibt leider ernsthafte Überlegungen, ihn aus dem Wettkampfplan zu streichen.“ Insofern kann sich das Potsdam-Trio Sebastian Brendel, Jan Vandrey und Stefan Kiraj mit einem Podestplatz nicht nur in den Geschichtsbüchern ihres eigenen Clubs verewigen, sondern auch in der WM-Historie des C4 Erwähnung im Abschlusskapitel finden.

ÜBERSICHT - DIE WM-STARTS DER ATHLETEN DES KC POTSDAM

Von Donnerstag bis Sonntag findet in Racice die Weltmeisterschaft des Kanu-Rennsports statt. Zum 27-köpfigen deutschen Aufgebot gehören elf Aktive des KC Potsdam, sie treten in 17 Disziplinen an:

Sebastian Brendel: Canadier-Einer 1000 und 5000 Meter.

Jan Vandrey: Canadier-Einer 500 Meter.

Stefan Kiraj: CanadierZweier 500 Meter.

Brendel/Vandrey/Kiraj: Canadier-Vierer 1000 Meter.

Franziska Weber: KajakZweier und -Vierer 500 Meter.

Ronald Rauhe: Kajak-Vierer 500 Meter, Kajak-Zweier 200 Meter.

Tabea Medert: Kajak-Einer 1000 und 5000 Meter, Kajak-Zweier 1000 Meter.

Ophelia Preller: Canadier-Einer 200 Meter.

Annika Loske/Preller: Canadier-Zweier 500 Meter.

Tamas Gecsö: Kajak-Vierer 1000 Meter.

Timo Haseleu: Kajak-Einer 200 Meter.

Max Zaremba: Kajak-Zweier 500 Meter.

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