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  • 15.03.2017
  • von Michael Brehme

Potsdamer Kanu-Rennsport: Der matte Glanz des Goldes

von Michael Brehme

Spitzensportler aus Leidenschaft. Sebastian Brendel, der am Sonntag 29 Jahre alt wurde, schindet sich tagtäglich für den Erfolg. Sein Ehrgeiz und die Liebe zum Paddeln treiben ihn dabei unermüdlich an – und nicht der finanzielle Reiz. Den gibt es in seinem Sport aber ohnehin nicht. Foto: dpa/Ralf Hirschberger

Sebastian Brendel ist dreimaliger Kanu-Olympiasieger, vergangenen Sommer war der Potsdamer in Rio Deutschlands Sportheld schlechthin. Doch sein Alltag als Vorzeigeathlet ist frei vom großen Scheinwerferlicht und üppigen Geld.

Es ist Viertel nach sechs, als der dreimalige Olympiasieger Sebastian Brendel an diesem nasskalten Tag im März aus seinem Bett steigt. Er macht sich einen Kaffee und frühstückt in aller Schnelle mit seinen beiden Kindern. Mit dem Auto bringt er sie zur Schule beziehungsweise zum Kindergarten, dann fährt er direkt weiter zum Training. Als Brendel kurz darauf mit müden Augen sein Boot über die Schulter legt und langsam in Richtung Wasser stapft, ist es hell geworden. Gerade einmal drei Grad Celsius zeigt das Thermometer am Templiner See in Potsdam, von Sonne und Wohlfühlatmosphäre fehlt jede Spur. „Echt tolles Wetter“, scherzt einer von Brendels Trainingspartnern.

Nach seinen olympischen Goldmedaillen Nummer zwei und drei im vorigen August in Rio de Janeiro ist Sebastian Brendel, der am Sonntag 29 Jahre alt wurde, oft gefragt worden, warum er sich das alles weiter antun will. Das frühe Aufstehen jeden Tag, das unerbittliche Paddeltraining auf dem See, im Winter häufig bei Minusgraden, Regen, Wind, Hagel. Warum er trotz all seiner Erfolge der jüngeren Vergangenheit immer noch so oft seinen Koffer packen will, um in irgendein Trainingslager oder zu irgendeinem Wettkampf zu reisen – obwohl seine Kinder immer größer werden, obwohl es doch kaum Geld zu verdienen gibt beim Kanusport. „Weil meine Zeit als Kanute sowieso irgendwann vorbei ist. Und so lange will ich mein Talent so gut wie möglich nutzen“, antwortet Brendel dann. Bis zu den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio macht Deutschlands Vorzeigepaddler weiter, das hat er sich geschworen. „Danach habe ich immer noch genug Zeit, normal arbeiten zu gehen.“

Seit 2004 ist Ralph Welke an Sebastian Brendels Seite

Sein treuer Begleiter ist Ralph Welke, ein Trainer-Urgestein der alten Schule mit beachtlichen Erfolgen: Der 57-Jährige coachte in den vergangenen Dekaden Dutzende Athleten, die zu Weltmeistern und Olympiasiegern wurden. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Welke schon als Kanutrainer, er kennt die Feinheiten und die Entwicklungen dieses Sports wie kaum ein anderer in Deutschland, hat fast alles gesehen, fast alles erlebt. Aber als 2004 ein dermaßen talentierter Paddler bei ihm anfing, da war das selbst für Welke ein ganz neues Gefühl: „Sebastian ist mein persönlicher Jackpot, einen solchen Ausnahmesportler bekommst du als Trainer nur einmal.“

Es krächzt und kracht auf dem Templiner See, als Ralph Welke sein rotes Motorboot mit der Kennung „BRB-V 772“ in Gang setzt und ganz langsam die Verfolgung seiner Athleten aufnimmt. Das Boot ist so alt wie Welkes Trainerlaufbahn lang, es stammt noch aus DDR-Bestand, und das sieht man: Die Technik ist überholt, die Fensterscheibe links zersplittert, auf der Innenverkleidung hat sich der Dreck aus Jahrzehnten angesammelt. Das Modernste hier ist noch ein weißer Aufkleber mit schwarzer Schrift, auf dem zu lesen ist, dass es sich bei dem Boot um Eigentum des Olympiastützpunktes Brandenburg handelt.

Welkes Boot hat Symbolcharakter für deutschen Sport

Welke kann froh sein, dass die Temperaturen inzwischen wieder über die Null-Grad-Marke geklettert sind, dass er mit seinem Boot diesmal nicht die Eisplatten aus dem Weg schieben muss, um voranzukommen. Wenn der Trainer sich aber mit seiner XL-Stoppuhr in der Hand mal auf dem Wasser treiben lässt, dann droht er schnell, den Anschluss an seine Sportler zu verlieren: Mit zwei Passagieren sind nur rund 25 Stundenkilometer möglich, ein leistungsfähigerer Motor wäre nicht kompatibel mit dem alten Boot. „Hauptsache es läuft, das Ding ist nicht kaputtzukriegen“, sagt Welke, der sich nach all den Jahren auch gegen schlechtes Wetter rhetorisches Rüstzeug angelegt hat: „Das ist alles eine Sache der Gewohnheit. Wenn es kalt is’, muss man sich dementsprechend anziehen und dann is’ jut!“

Das kleine Boot könnte als Sinnbild für den Kanusport in Deutschland, für den Zustand vieler olympischer Sportarten herhalten. Es steht für die veraltete Infrastruktur, für wenig Geld und noch weniger Ruhm, für ein Dasein abseits des Scheinwerferlichts, aber eben auch für Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit. Im Kanusport ändert sich diese Realität selbst für zigfache Olympiasieger nie. „Wenn Kanuten für Geld paddeln würden, hätten sie ihre Paddel alle schon längst beiseitegelegt“, sagt Thomas Konietzko, ein Unternehmer, der zugleich Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) ist.

Brendel hat sich inzwischen einen Manager zugelegt

Auch Sebastian Brendel hat seine drei olympischen Goldmedaillen – eine 2012 in London im Canadier-Einer, die beiden anderen 2016 in Rio im Einer und im Zweier mit seinem Vereinskollegen vom KC Potsdam, Jan Vandrey – kaum in Geld oder große Bekanntheit ummünzen können. Sieben kleinere Sponsoren unterstützen ihn inzwischen, nach den Rio-Spielen sind drei neue dazugekommen, aber auch zwei abgesprungen. „Man merkt langsam, dass es ein bisschen vorangeht, weil Sebastian jetzt über viele Jahre konstant war“, sagt Ralph Welke.

Deshalb hat sich Brendel nach den Rio-Erfolgen einen Manager zugelegt. „Das ist einfacher, wenn das einer macht, der davon was versteht. Da fühlt man sich nicht über den Tisch gezogen“, sagt der Kanute. Eine in Schwaben ansässige Agentur betreut ihn jetzt. Andreas Scheuerpflug, ein früherer Beachvolleyballer aus Berlin, ist sein Hauptansprechpartner. Auf der Internetseite der Agentur taucht das Stichwort Kanu unter dem Aufgabengebiet von Brendels neuem Agenten allerdings nicht auf, stattdessen steht da: „Beachvolleyball, Fun- und Extremsportarten.“ Verbandschef Konietzko ordnet den seit 1936 olympischen Kanusport dagegen eher als „Volks- und Arbeitersportart“ ein.

Deutscher Fahnenträger bei der Rio-Abschlussfeier

Sebastian Brendel hat schon als Kind angefangen mit dem Paddeln, nur dachte er lange nicht, auch den Durchbruch schaffen zu können. Der kam unverhofft, als er 2004 in eine neue Trainingsgruppe wechselte und zu seiner Überraschung auf einmal mit Älteren mithalten konnte. „Da hat es Klick gemacht, da hat mich der Ehrgeiz gepackt“, sagt er. Es war der Anfang einer sportlich steilen Karriere. Inzwischen ist Brendel dreimaliger Olympiasieger, fünffacher Weltmeister, Europaspiele-Sieger, obendrein holte er zehn EM-Titel.

Seit Langem verkörpert Brendel wie kein anderer den Erfolg beim seit Jahrzehnten erfolgreichsten deutschen olympischen Sommersportverband. Bei der Olympia-Abschlussfeier im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro durfte er voller Stolz die deutsche Nationalfahne tragen – und in den Wochen nach dem Doppel-Gold folgten ein paar öffentliche Auftritte, die Brendel auf seiner Facebook-Seite minutiös aufgelistet hat. Er erhielt Einladungen zur ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ und zum Fernsehpreis „Bambi“, der zur Prime Time in der ARD übertragen wurde und für den sich Brendel erstmal einen Smoking besorgen musste. Vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck erhielt er das Silberne Lorbeerblatt, von Bundeskanzlerin Angela Merkel immerhin Glückwunsch-Telegramme anlässlich seiner beiden Triumphe. Brandenburgs SPD bestimmte ihn zu einem Wahlmann für die Bundesversammlung am 12. Februar, bei der Frank-Walter Steinmeier zu Gaucks Nachfolger gewählt wurde. Brendel konnte sehen, wie etliche Berufspolitiker um Fotos mit Berühmtheiten wie Joachim Löw und Olivia Jones buhlten.

Konietzko hadert mit Anerkennung für Kanuten

Wie er waren sie als bedeutende Persönlichkeiten zu dem politischen Großereignis geladen worden, doch sie standen im Mittelpunkt, er kein Stück. Dieser Unterschied war bezeichnend. Sebastian Brendel postete bei Facebook stattdessen ein Bild von sich und Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck – diesen hatte er selbst um ein Erinnerungsfoto im Berliner Reichstagsgebäude gebeten. „Ein paar andere kamen schon zu mir und wollten Fotos mit mir machen, aber das waren hauptsächlich nicht die Berühmtheiten und nicht die Stars“, berichtet Brendel mit einem Lächeln.

Er selbst? Eher kein Star, trotz aller Erfolge. Weil der Kanusport fernab Olympischer Spiele kaum interessiert, weil es an Wahrnehmung und an Geld fehlt. „Wir hätten mehr Rücklauf aus der Wirtschaft und der Gesellschaft verdient“, findet Thomas Konietzko. Doch anders als im Fußball und in diversen anderen Sportarten gibt es kaum Geldgeber, und die staatlichen Mittel reichen gerade mal für das Allernötigste. „Sie hätten sich mal die Unterkünfte unseres Olympia-Teams direkt vor den Rio-Spielen angucken müssen, da wäre jede Fußball-Sechstligamannschaft sofort wieder raus“, sagt Konietzko.

"Perfekter Sportler, vielleicht sogar perfekter Mensch"

Vom Kanufahren und seinen Sponsoren allein könnte Brendel niemals leben. Er ist bei der Bundespolizei angestellt und größtenteils fürs Training freigestellt. Mit allen Zuschlägen verdient er 2500 Euro netto im Monat, womit er ein echter Gutverdiener innerhalb des Sportfördersystems ist. 70 Prozent der Kaderathleten müssten von weniger als 3000 Euro brutto monatlich leben, sagt Konietzko. Für seine beiden Rio-Goldmedaillen bekommt Brendel insgesamt 20 000 Euro, muss das Geld aber versteuern. „Ein Anfang wäre, dass man die Prämien steuerfrei ausschüttet“, sagt er. Was an der generellen Problematik natürlich wenig ändern würde. Konietzko räumt ein: „Wir sind nicht in der Lage, uns am Markt zu refinanzieren und unseren Sportlern mehr Einkommen zu sichern.“

Über seinen Selfie-Partner Platzeck, der wie Brendel mit Potsdam verwurzelt ist und zwischen 2005 und 2006 als SPD-Bundeschef große Aufmerksamkeit erlangte, sagt Brendel: „Er ist ein sympathischer Mensch geblieben.“ Ähnliches könnte man vom Kanuten auch behaupten. Sebastian Brendel ist höflich, aufmerksam und aufgeschlossen, ein Mann ganz ohne Allüren, der sich in Potsdams Uni-Mensa oder in der Innenstadt frei bewegen kann, weil ihn die wenigsten kennen. Und wenn er doch mal angesprochen wird, wie letztens beim Schwimmen von einer Gruppe älterer Frauen, dann freut er sich aufrichtig. „Sowas geht einem nicht auf den Keks, das ist eine Anerkennung, die man als Kanute selten erlebt. Sowas genießt man“, sagt Brendel. „Das ist nicht wie bei einem Fußballer, der für jedes Wochenendspiel gefühlt drei Tage lang Glückwünsche erhält.“ Brendel kann detailliert aufzählen, was jene Unternehmen, die er als Sponsoren gewonnen hat, herstellen. Bei der Bundesversammlung hat er aus Schüchternheit nicht nach einem Foto mit Joachim Löw gefragt: „Ich bin nicht so der Facebook-Jäger.“ Obwohl er vielen seiner Kanu-Nationalmannschaftsgefährten zumindest ein ganz kleines bisschen Ruhm voraus hat, ist er nahbar geblieben. „Sebastian ist ein perfekter Sportler, vielleicht sogar ein perfekter Mensch“, hat DKV-Chef Thomas Konietzko bei den Sommerspielen in Rio einmal gesagt.

Brendel träumt vom Hausbau - in Potsdam wird's schwierig

Das nächste große Ziel, auf das Brendel hinarbeitet, wird ihm täglich vor Augen geführt: Pixelige Fotos von Tokios Olympia-Sportstätten hängen in den Wandvitrinen des Potsdamer Kanuzentrums. Unübersehbar für alle, die morgens ankommen, und alle, die abends heimfahren. Für Brendel führt der Weg dann immer zu seiner Freundin Romy, die noch studiert, und den Kindern Hanna (6) und Edwin (3) in die Innenstadt. 100 Quadratmeter ist die gemeinsame Wohnung groß, sie liegt zentral, bis zum Hauptbahnhof sind es gerade mal fünf Minuten. Irgendwann stehe vielleicht mal ein Hausbau an, sagt Brendel – aber wenn dieser Traum wahr werden sollte, müsste die Familie wohl aus Brandenburgs Landeshauptstadt rausziehen: Im vergleichsweise teuren Potsdam wäre ein Haus für den Cristiano Ronaldo des Kanusports nicht zu bezahlen. dpa

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