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  • 01.02.2017
  • von Tobias Gutsche

Potsdamer Kanu-Rennsport: Noch mehr Expertise für die Top-Adresse

von Tobias Gutsche

Starke Bilanz in Rio. Der 47-jährige Arndt Hanisch holte mit seinen deutschen Kajakherren bei den vergangenen Olympischen Spielen zweimal Gold und einmal Bronze. Foto: Ute Freise

Der erfolgreiche Kanu-Trainer Arndt Hanisch ist von Nordrhein-Westfalen an den Stützpunkt in Potsdam gewechselt. Dort soll er die Kajakherren voranbringen und möchte dabei einer großen Potsdamer Trainerikone nacheifern.

Potsdamer Sportfans ist Arndt Hanisch bislang vor allem durch drei Dinge bekannt: Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Sie reckte der Kanu-Rennsporttrainer am 20. August in Richtung des sonnigen Himmels von Rio, wedelte mit ihnen hin und her, um so vom Ufer aus seinem unendlich betrübten, auf dem Steg kauernden Schützling Ronald Rauhe die freudige Nachricht zu übermitteln. Und zwar, dass der Athlet des KC Potsdam im dramatischen Fotofinish Dritter des Kajak-Einer-Rennens über 200 Meter bei den Olympischen Spielen 2016 geworden war, und nicht – wie zunächst gedacht – nur Vierter. Jene emotionalen Momente hatte das ARD-Fernsehen live nach Deutschland transportiert. Ganz besonders stark mitgefiebert wurde dabei in Rauhes sportlicher Heimat Potsdam.

Also dort, wo künftig mehr von Arndt Hanisch zu erleben sein wird. Denn der Bundestrainer für die Disziplingruppe Kajakherren hat unmittelbar nach den vergangenen Sommerspielen seinen Einsatzstandort gewechselt, ist von Essen/Duisburg nach Brandenburgs Landeshauptstadt gekommen. „Für uns“, meint der KCP-Vorsitzende Torsten Gutsche, „ist das eine riesige Bereicherung. Es ist eine weitere Stärkung unseres Stützpunktes.“ An diesem waltet somit nun neben Ralph Welke, der auf nationaler Ebene für die Canadierfahrer zuständig ist, ein zweiter Bundescoach. Die Rio-Referenz dieses Duos ist schwindelerregend: Zusammen sorgten sie für fünf Olympiamedaillengewinne – auf Welkes Kappe gingen zweimal Gold, auf die von Hanisch ebenso zwei Siege und noch Ronald Rauhes bronzene Achterbahnfahrt der Gefühle. „Dass all meine fünf Kajakmänner, die ich dabei hatte, mit einer Medaille zurückkehren, war der perfekte Erfolg“, erzählt Arndt Hanisch.

Rolf-Dieter Amend als "persönliches Trainervorbild"

Er sitzt entspannt auf einem Barhocker im Seminarishotel, um ihn herum herrscht derweil geschäftiges Treiben bei der Kanuparty des KC Potsdam. Jenen Verein bezeichnet der 47-Jährige als „Bayern München des Kanu-Rennsports“. Die glänzende sportliche KCP-Historie sei darauf zurückzuführen, dass der Club über die optimalen Rahmenbedingungen verfüge, die der Grundstein für eine ertragreiche Arbeit seien. „Hier hat man alles vor Ort – die modernen Trainingsstätten, die physiotherapeutische Betreuung und so weiter“, meint Hanisch. „Und die Möglichkeiten mit der Sportschule sind großartig.“ In deren Genuss kommt seit diesem Schuljahr auch sein Sohn Ben, der als Kanute aufgenommen wurde und nun die Havel als Trainingsrevier hat.

So wie bereits sein Vater. Der aus Nordrhein-Westfalen stammende Arndt Hanisch paddelte einst selbst mit leistungssportlichen Ambitionen in Potsdam, während er Mitte der 1990er-Jahre an der hiesigen Universität Sportwissenschaft studierte. Für das ehemalige Mitglied der deutschen Kanu-Marathon-Nationalmannschaft war dies eine sehr prägende Zeit, denn er lernte Rolf-Dieter Amend kennen, den er sein „persönliches Trainervorbild“ nennt. Amend produzierte früher Olympia-, WM- sowie EM-Siege am Fließband. „Mein Traum ist, irgendwann in die Nähe dessen zu kommen, was er alles erreicht hat. Mein Abschneiden in Rio war dafür ein erster Schritt.“

Zuletzt herrschte eher "Flaute" für Potsdams Kajakherren

Die nächsten möchte er als Potsdamer Stützpunkttrainer realisieren. Ins Rollen gebracht wurde Hanischs Standortwechsel bereits bei der Weltmeisterschaft 2015 in Mailand, wie er verrät: Sein Kollege Ralph Welke, Kanu-Sponsor Reiner Rabe vom Unternehmen ZAL sowie Vertreter aus der Stadt- und Landespolitik hätten da an einem Abend zusammengestanden und ihm erklärt, „ich soll doch mal aufschreiben, was mir so vorschwebt, damit ich hierher komme. Das habe ich gemacht und wir wurden uns schnell einig.“

Mit dem an Land gezogenen Neuzugang verbindet das Kanu-Trainingszentrum vom Luftschiffhafen eine große Hoffnung: Arndt Hanisch soll nämlich dem Potsdamer Kajak-Herrenbereich wieder Schwung verleihen. „Da hatten wir zuletzt eine Flaute“, räumt Top-Sportler Ronald Rauhe ein. „Ich bin, wenn man so will, der letzte Überlebende aus erfolgreicheren Zeiten.“ Genug Potenzial zum Wiedererstarken sieht Arndt Hanisch vorhanden. Es gäbe hier viele sehr junge, talentierte Leute – wie zum Beispiel den amtierenden U23-Weltmeister Felix König. „Ich wollte gerne nach Potsdam, gerade weil ich die Aufgabe spannend finde, aus weitestgehend unbeschriebenen Blättern etwas hinzuzaubern. Aber das“, betont Hanisch, „ist ein Prozess und funktioniert nicht sofort durch ein Fingerschnippen.“

Hanisch ist auch zum leitenden Bundestrainer aufgestiegen

Entwicklung ist das Stichwort. Sie zu forcieren ist allerdings nicht nur Hanischs Mission am Standort Potsdam. Er wird auch weiterhin verantwortlicher Trainer für das deutsche Kajak-Männernationalteam sein, die Betreuung der Athleten in den Lehrgängen und bei den Wettkämpfen vornehmen. Und obendrein ist Arndt Hanisch auch noch zum leitenden Bundestrainer aller Disziplingruppen aufgestiegen. Allerdings hat dies einen eher unerfreulichen Hintergrund.

Entgegen seiner Hoffnungen kann der Deutsche Kanu-Verband (DKV), der bei den vergangenen sieben Olympischen Sommerspielen stets der erfolgreichste deutsche Verband war, derzeit nicht mit einer Erhöhung der Bundesförderung rechnen. Daher sah sich der DKV gezwungen, die Cheftrainerstelle des in Rente gegangenen Reiner Kießler nicht neu zu besetzen. „Wir hatten die Wahl: Entweder diese Stelle behalten oder wir erhöhen die Gehälter unserer Verbandstrainer mit den dadurch eingesparten Geldern. Wir haben uns für den zweiten Punkt entschieden, weil wir die Arbeit der Trainer damit anerkennen und Abwerbungsversuche aus dem Ausland, wo noch deutlich mehr geboten wird, entgegensteuern möchten“, erläutert DKV-Präsident Thomas Konietzko. Als Folge dessen musste eben eine Alternative für die Leitungsposition des Bundestrainerstabes erdacht werden. Sie wurde gefunden, indem Arndt Hanisch die Rolle mit übernimmt.

"Gutes Miteinander und tolle Dynamik" durch Hanischs Art

Laut Kajak-Altmeister Ronald Rauhe ist das genau der richtige Mann dafür. „Die Sportler vertrauen ihm und schätzen seine Art. Er ist immer direkt, sagt seine Meinung und setzt auf den Austausch mit den Athleten. Dadurch entstehen ein gutes Miteinander und eine tolle Dynamik. Wir Kajakmänner haben sehr davon profitiert. Wenn er das auch in die anderen Disziplingruppen hineinbringen kann, dann wird es das gesamte Team besser machen“, schwärmt der 35-Jährige von dem Mann, der ihn zu seiner vierten Olympiamedaille geführt hat. Als gestischen Ausdruck seiner Wertschätzung für Arndt Hanisch bräuchte Ronald Rauhe genau zwei Dinge: seine nach oben gereckten Daumen.

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