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  • 18.01.2017
  • von Tobias Gutsche

Potsdamer Rudersport: Zukunft voraus

von Tobias Gutsche

Sonnige Zeiten am Seekrug. Potsdam soll weiter wichtige Landmarke der deutschen Ruderei sein – in Kooperation mit Berlin. Foto: Tobias Gutsche

Potsdams Rudersport steuert dem Erhalt als bundesgeförderter Stützpunkt entgegen. Eine deutsche Trainerkoryphäe wird den lange infrage gestellten Standort am Seekrug bereichern und soll dort Aufbauarbeit leisten.

Kurz und prägnant hielt sich Manfred Stolpe. Beim festlichen „Siegerbrunch“ des RC Potsdam am Samstag im Seminaris-Hotel erklärte der frühere märkische Ministerpräsident nachdrücklich: „Potsdams Rudersport ist ein Markenzeichen für das Land Brandenburg.“ Dieses verblasste jedoch in der jüngeren Vergangenheit ein wenig. Entsprechend unruhig wurde die See, der Weiterbetrieb des in großem Stile geförderten Leistungszentrums stand infrage, es drohte zu sinken.

Nun aber wird sicherem Fahrwasser entgegengesteuert. Im Rahmen der deutschen Spitzensportreform soll Potsdam gemeinsam mit Berlin einer von drei zentralen Bundesstützpunkten werden – so sehen es die Pläne des Deutschen Ruderverbands vor. Einen Einblick darin gaben Ralf Holzschuher und Karsten Finger, die Vorsitzenden der Landesruderverbände von Brandenburg und Berlin, den PNN.

Berlin/Potsdam Zentrum für weiblichen Elitebereich

Zunächst betonte Holzschuher: „Formell ist die ganze Sache noch nicht in Sack und Tüten. Es stehen noch Gespräche und die endgültige Entscheidung des Deutschen Olympischen Sportbundes aus. Aber von allen Seiten gibt es bislang für die Doppellösung Berlin/Potsdam grünes Licht. Wir dürfen also sehr optimistisch sein.“ Das sei lange Zeit anders gewesen, meinte der Brandenburger Verbandschef. Potsdam war zuletzt stets fester Bestandteil des Bundesförderkonzepts im Rudern, lief wegen der angestrebten Reduzierung der Stützpunkte jetzt allerdings „Gefahr, durch das Raster zu fallen“, räumte Holzschuher ein. „Dass wir stattdessen eines von drei Leitzentren werden, stärkt unsere Stellung und bietet Perspektive.“

Diese Position, die auch schlagendes Argument für die Modernisierung des etwas in die Jahre gekommenen Trainingskomplexes am Seekrug sein dürfte, wird dadurch möglich, dass länderübergreifend an einem Strang gezogen wird. „Berlin und Brandenburg ist eine Ruderregion und gehört daher unserer Meinung nach auch in der Stützpunktarbeit zusammen. Davon profitieren alle“, sagte Berlins Verbandsvorsitzender Karsten Finger, der mit seinen Brandenburger Partnern das Modell der Kooperation forcierte. Jenes sieht vor, dass an beiden Standorten weiterhin die Nachwuchsförderung über die Sportschulen erfolgt, ehe dann für den Elitebereich schwerpunktmäßig aufgeteilt wird – „mit gelegentlichen gemeinsamen Einheiten“, so Finger. Berlin soll die Federführung für das weibliche Skullrudern übernehmen, Potsdam bekommt die Verantwortung für das Frauen-Riemenrudern – also die Disziplin, bei der ein Bootsmitglied nur ein- und nicht beidseitig mit dem Ruderblatt für Vortrieb sorgt.

Erfolgscoach Sven Ueck übernimmt Posten in Potsdam 

In der märkischen Landeshauptstadt wird sich somit eines Problemfalls des deutschen Ruderns angenommen. „Da gibt es noch großen Nachholbedarf“, bekräftigte Ralf Holzschuher. Fast schon chronisch erfolglos sind Deutschlands Riemenruderinnen. Ein Podestplatz bei einer Weltmeisterschaft sprang zuletzt 2007 heraus, bei Olympia gar 1992. „Es muss Aufbauarbeit geleistet werden.“

Das wird der Job von Sven Ueck. Er ist der designierte Cheftrainer für den Standort Potsdam. Der aus Sachsen-Anhalt stammende Ueck, der einst zu Junioren- und U23-WM-Gold gerudert und Mitglied im deutschen Männer-Achter war, kam 1998 als Athlet nach Potsdam, wo er seitdem wohnt. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere wurde Ueck Trainer, arbeitete in Berlin, schaffte es zur Saison 2009 in den Bundestrainerstab und bekam 2011 den Damen-Skullbereich unter seine Fittiche. Der Start für eine Erfolgsgeschichte mit dem prestigeträchtigen Doppelvierer. Ihn führte er unter anderem zu drei WM-Titeln, Olympiasilber in London und -gold in Rio. „Es ist fantastisch, so einen Mann hierher zu bekommen“, schwärmte Holzschuher über die Trainerkoryphäe. „Wenn es einer schafft, auch die deutschen Riemenfrauen zu internationalen Medaillen zu führen, dann er.“

Starke Nachwuchsleistungen waren "wichtiges Signal"

Sven Ueck bezeichnete am Samstag beim „Siegerbrunch“ den Wechsel zur Riemendisziplin als „neue Herausforderung, die ich gewollt habe“. Das optimale Umfeld, das er dabei benötigt, finde er mit dem Areal am und auf dem Templiner See vor. „Ich war bei der Stützpunktfrage schon immer pro Potsdam“, sagte der 44-Jährige und begründete: „Weil hier die Trainingsstätten gut sind, sie und die Sportschule nah beieinanderliegen, es ein gut funktionierendes Sichtungssystem gibt. Und allen voran wird in Potsdam über Jahre hinweg tolle Nachwuchsarbeit betrieben. Das ist die Basis.“

Auf sie kann sich Sven Ueck stützen, denn das Potenzial an Potsdamer Riementalenten ist riesig. Vorige Saison sorgten Annabel Oertel, Friederike Müller, Isabelle Hübener, und Janina Arndt für Furore – sie gewannen als reiner RCP-Vierer die Goldmedaille bei der Junioren-Europa- und -Weltmeisterschaft. Besonders die Nachwuchsleistungen – allein in den vergangenen drei Jahren holte Potsdam bei der Junioren-WM viermal Gold und zweimal Silber – seien ein „wichtiges Signal“ in Richtung des Deutschen Ruderverbands gewesen, erläuterte Karl-Hans Pezold, der als zuständiger Referatsleiter des Brandenburger Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport in die Gespräche um die Bundesstützpunktvergabe involviert ist.

Wunsch nach "Durchlässigkeit" im Stützpunktkonzept

Den entsprechenden Zuschlag als nationales Leittrainingszentrum sollen nun neben Berlin/Potsdam auch Dortmund und Hamburg/Ratzeburg jeweils bezüglich der männlichen Aktiven erhalten. Erstgenannter Hotspot für die Disziplin Riemen, letzterer für das Skullen.

Allerdings möchte Karsten Finger, der auch Vorsitzender des Ruder-Länderrates ist, die Konzentration der Stützpunkte nicht zu starr gedacht wissen: „Wir wünschen uns bei der Umsetzung, dass es auch eine Form der Durchlässigkeit gibt, die sich den Bedürfnissen der Athleten anpasst.“ Soll heißen: Man dürfe nicht von jedem verlangen, gänzlich den Trainings- und damit auch Wohnort zu wechseln, sondern müsse einräumen, „mal am Leitstützpunkt und mal am Heimatstützpunkt zu sein“. Diese Idee begrüßt der Potsdamer Rio-Olympiasieger Hans Gruhne, der bisher in Berlin trainierte und künftig für Hamburg/Ratzeburg eingeordnet wäre. „Es wäre ein schwieriger Schritt, hier alle Zelte abzubrechen und nur wegen des Sports woanders hinzugehen. Für mehrwöchige Lehrgänge – kein Problem. Aber dauerhaft kann ich mir das kaum vorstellen“, sagte er. „Aber erstmal abwarten, wie das am Ende alles genau aussehen wird mit dem neuen Konzept.“

Dass dabei Potsdam eine tragende Rolle spielen soll, stimmt Hans Gruhne froh. Es werde der Tradition und Bedeutung des Standorts gerecht. Nicht nur als Markenzeichen von Brandenburg, sondern auch erfolgreicher Ruderei in Deutschland.

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