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  • 11.11.2016
  • von Tobias Gutsche

Potsdamer Kanu-Rennsport: Die Saison danach

von Tobias Gutsche

Erfolgreiches Olympiajahr 2016. In Rio glänzten die Kanuten aus Potsdam – unter anderem paddelten Jan Vandrey (oben) und Sebastian Brendel gemeinsam zu Gold. Foto: dpa

Olympia in Rio liegt hinter den Potsdamer Kanu-Rennsportlern, die es nun für das Jahr 2017 etwas ruhiger angehen lassen. Nicht mehr mitpaddeln wird künftig Canadier-Ass Ronald Verch, aber Kajak-Routinier Ronald Rauhe macht weiter.

Es donnerte am Mittwochmorgen lauter Beifall durch die Kanuscheune am Luftschiffhafen. Gleich zweimal. Erst für Sebastian Brendel, kurze Zeit später für ihn und Jan Vandrey gemeinsam. Die beiden Kanuten des KC Potsdam, die dieses Jahr in Rio zu Olympiasiegen gepaddelt waren, erhielten vorgestern Besuch von der Klasse 2 a der Grundschule Bornim. Zur Einstimmung flimmerte dabei ein Video auf dem Fernseher, das Brendels Goldrennen im Canadier-Einer sowie die Brendel/Vandrey-Zweiertriumphfahrt zeigte. Bei Überquerung der Ziellinie klatschten die jungen Schülerinnen und Schüler vor Begeisterung wild in die Hände, während den beiden Sportlern unübersehbar ein Gänsehautschauer überkam.

Knapp drei Monate liegen die goldigen Ereignisse in der Lagoa Rodrigo de Freitas bereits zurück. „Das war alles einfach großartig“, sinniert der nunmehr dreifache Olympiasieger Brendel, der am Mittwoch wie Vandrey den kleinen Gästen viele Fragen beantwortete, sie durch die KCP-Trainingsanlagen führte, ihnen die Medaille der Sommerspiele präsentierte und den Schülern half, sich selbst mal in das glorreiche Rio-Zweierboot zu knien.

Brendel braucht nach Erfolgsserie eine längere Erholungspause

Die Potsdamer Kanu-Asse aus der Trainingsgruppe von Chefcoach Ralph Welke werden sich indes ab Januar wieder richtig in ihr Training reinknien. Zwar sind sie schon seit Ende Oktober aktiv, „aber da geht es jetzt erst mal nur darum, sich ein bisschen fit zu halten“, erklärt Welke. „Es ist kein geordnetes, kein gezieltes, kein geplantes Training. Jeder macht das, was er sich so vorstellt.“ Das ist der klassische, sanfte Start in die Saison nach dem großen Höhepunkt des vierjährigen Zyklus, der das Sportlerleben strukturiert.

Sebastian Brendel hat den olympischen Turnus schon mehrfach durchlebt. 2008 schaffte er es als Reservemann zu den Spielen in Peking, 2012 ging er dann in London an den Start und holte den Einersieg, 2016 sprang nun sogar der Doppelerfolg heraus. Nach all diesen Glanzstücken – dazwischen sammelte er EM- und WM-Titel in Serie – ist der 28-Jährige aber an einem Punkt angelangt, wo er etwas Abstand benötigt. „Er muss jetzt raus aus dieser Mühle. Mal die Ventile öffnen“, meint Trainer Ralph Welke. Sein Schützling findet auch selbst: „Ich brauche dringend eine längere Erholungspause – für den Körper und für den Kopf. Daher trainiere ich bis Ende des Jahres, nur wie ich Lust habe, mache mal ein Läufchen, werde aber wohl nicht paddeln.“

Fokus geht für den Moment auf die berufliche Zukunft

In 2017 geht es dann – zur Vorbereitung auf die im August in Racice stattfindende Weltmeisterschaft – wieder rauf auf das Wasser. Allerdings vorerst nicht wie üblich bei Trainingslagern. Bis zu den nationalen Qualifikationsregatten, die für April in Brandenburg an der Havel angesetzt sind, bleibt Brendel in heimischen Gefilden. Auch das ist eine gern genommene Abwechslung zu den intensiven Vorjahren, denn so bleibt vor allem für eines mehr Zeit, das zuletzt wegen der vielen Reisen zu kurz kam: die Familie.

Nicht alle und damit auch deutlich weniger Lehrgänge als sonst stehen für Brendels Trainingskollegen wie Jan Vandrey und Franziska Weber auf dem Plan. Sie machen das, wofür sich das aus sportlicher Sicht nicht so wichtige nacholympische Jahr optimal anbietet: Fokus auf die berufliche Zukunft. Während Brendel nach London 2012 die Gelegenheit nutzte, seine Bundespolizei-Ausbildung zu beenden, absolviert nun Vandrey – als Mitglied der brandenburgischen Feuerwehr-Sportfördergruppe bereits Brandmeister – seine noch fehlende Ausbildung zum Sanitäter. Und Weber möchte in ihrem Bauingenieurwesenstudium weitere Leistungspunkte sammeln. „Der Sport“, so Vandrey, „tritt dann für den Moment erst mal eher in den Hintergrund.“

Brendel verliert in Verch einen wichtigen Trainingspartner

Im Falle von Ronald Verch wird ein solcher Prioritätenwandel nicht nur momentaner Natur sein. Der 30 Jahre alte Canadierfahrer hat sich entschlossen, seine erfolgreiche Kanukarriere zu beenden, um sich voll auf seinen Studienabschluss in der Sportwissenschaft zu konzentrieren und das Familienleben auskosten zu können. Für die Trainingsgruppe von Ralph Welke ist der Verch-Abtritt ein herber Verlust. „Es fällt schwer, ihn ziehen zu lassen“, urteilt Welke. „Er war ein Musterschüler. So einen wünscht man sich als Trainer. Er hat die Dinge richtig umgesetzt, war fleißig, ehrgeizig, man konnte sich gut mit ihm verständigen.“

Mit dieser hervorragenden Einstellung und seinem hohen Leistungsniveau brachte es Ronald Verch unter anderem zum Einer-Weltmeister auf der nichtolympischen 5000-Meter-Distanz – sein größter Erfolg war Zweier-Bronze bei der WM 2014 über die olympischen 1000 Meter. Allerdings blieb ihm eine Teilnahme an Sommerspielen verwehrt. Sowohl 2012 als auch 2016 war er Ersatzmann hinter dem weltbesten seiner Zunft – Clubkollege Sebastian Brendel. Der weiß um die Bedeutung seines langjährigen Trainingspartners. „Ich glaube, ohne ihn wäre ich nicht so weit im Sport gekommen“, sagt Brendel über Verch, der wiederum, wie er selbst findet, zufrieden auf seine Laufbahn zurückschauen könne.

Ronald Rauhe hat "einfach immer noch Bock" auf Leistungssport

Das kann auch Ronald Rauhe. Seine Karriere geht aber noch weiter. Der 35-jährige Kajaksprinter, der in Rio auf dramatische Weise Bronze – und damit seine insgesamt vierte olympische Medaille – gewann, wird dem Leistungssport treu bleiben. „Ich habe einfach immer noch Bock darauf und werde deshalb auch nächste Saison dabei sein“, erzählt Rauhe und ergänzt: „Im Olympiajahr war ich so unglaublich fokussiert, sodass ich mich nicht emotional von allem lösen konnte. Jetzt, wo der große Druck weg ist, möchte ich noch mal alles genießen. Was aber nicht heißt, dass ich es entspannt ausklingen lasse. Mein Ehrgeiz ist weiterhin riesig.“

Sebastian Brendel hat ebenfalls noch großen Hunger auf Erfolg, wenngleich es ihm derzeitig sehr gut gefällt, sich nicht tagtäglich schinden zu müssen. Sein Terminplan ist aber auch ohne die vielen Trainingseinheiten prall gefüllt. „Ich bin fast jeden Tag unterwegs“, berichtet er. „Bei offiziellen Empfängen oder Sponsorenveranstaltungen.“ Oder wie am Mittwoch beim Besuch der Bornimer Grundschüler, die er fragte, ob sie denn auch mal Olympiasieger werden wollen. Viele Hände schnellten nach oben und es wurde „ja“ gerufen. Sebastian Brendel hatte einen Tipp parat, wie sich dieser Traum vielleicht realisieren lässt: „Dann müsst ihr zu uns in den Verein kommen.“ Der KC Potsdam gilt schließlich als absolute Schmiede für olympische Goldsammler. Er hat bereits 19 erste Plätze bei Olympia durch 15 Athleten zu verzeichnen.

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