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  • 13.06.2018
  • von Steffi Pyanoe

Fotoausstellung in Potsdam: Elf Prominente beschäftigen sich mit dem Tod

von Steffi Pyanoe

Bettina Flitner hat Menschen zum Thema „Was bleibt“ fotografiert: für eine Ausstellung, die ermutigen will, sich mit dem Ende auseinanderzusetzen – und dem Danach.

Potsdam - Viel wurde und wird in den Medien darüber spekuliert, was die Verlegerin Friede Springer mit ihrem Vermögen wohl machen wird. 75 Jahre alt ist sie nun, der tägliche Weg ins Berliner Büro, betont sie immer wieder in Interviews, ist ihr nach wie vor ein Bedürfnis. Als sie von der Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“ angefragt wurde, ob sie für eine Ausstellung zur Frage „Was bleibt?“ zur Verfügung stünde, habe sie sofort Ja gesagt, so Susanne Anger, Sprecherin der Initiative. Sie sei sehr offen gewesen, sich zum Thema Vermächtnis, ideeller als auch pekuniärer Art, zu äußern.

Die vor wenigen Jahren gegründete Initiative mit einem früchtetragenden Bäumchen als Logo möchte das Bewusstsein schärfen, sich bei Lebzeiten intensiv mit der Frage eines persönlichen Vermächtnisses zu beschäftigen. Anderswo auf der Welt sei es durchaus üblich, sich mit der Idee zu befassen, mit seinem Erbe der Gesellschaft etwas zurückzugeben, so Anger. „Die Deutschen sind da zurückhaltend. Die vererben an Nachkommen.“ Dabei sei es eine dankenswerte Aufgabe, bewusst selbst zu entscheiden, wen, zum Beispiel welche gemeinnützige Organisation, Einrichtung oder Stiftung, man einmal berücksichtigen möchte.

Elf Persönlichkeiten der deutschen Gesellschaft, aus Kultur, Wissenschaft und Politik äußern sich zum Thema Vermächtnis

Die Initiative Apfelbaum hat dazu bereits 2014 eine Ausstellung konzipiert, in der elf Persönlichkeiten der deutschen Gesellschaft, aus Kultur, Wissenschaft und Politik, zum Thema Vermächtnis in jeder Hinsicht, nicht nur zum handfesten Erbe, auftreten und sich äußern. Die Ausstellung umfasst Bild- und Texttafeln, einen Audioguide und eine Filmstation. Beeindruckend sind vor allem die Bilder der Kölner Fotografin Bettina Flitner, die gerade erst selbst im Rampenlicht stand, als sie vor wenigen Tagen Alice Schwarzer heiratete. Flitner ist eine exzellente Porträt-Fotografin, deren Bildern man ansieht, dass sie in Momenten besonderer Nähe entstanden. Den Fotos wohnt ein Mix aus Intimität und Respekt inne, eine stille Übereinkunft, etwas zuzulassen. Dieses Etwas, das dabei entsteht, sieht Flitner und fängt es ein. Auch Friede Springer hat sie bereits mehrfach fotografiert. Das Bild zum Thema „Vermächtnis“ entstand am Berliner Ufer des Jungfernsees. Friede Springer im leuchtend roten Kostüm. Schmale Taille, die Arme angewinkelt, Kopf und Rücken gerade. Disziplin, Haltung. Dabei steht sie mitten im Wasser, das ihr bis zum Knöchel reicht.

Was man nicht sieht: Sie steht auf einem Stein, den Flitner ihr ins Wasser legte. Dadurch scheint Springer auf dem Wasser zu schweben. „Sie war so unkompliziert und offen für die Idee, hat sofort Schuhe und Strümpfe ausgezogen und ging ins Wasser“, sagt Susanne Anger. Das passt zu der Frau, die auf einer Nordseeinsel aufwuchs. Hier allerdings dreht sie dem Betrachter den Rücken zu – auch das passt, im Mittelpunkt zu stehen war noch nie die Sache von Friede Springer – und hält eine Art Rückschau, blickt von Berlin rüber nach Potsdam, wo sie einige Jahre zu Hause war. „Das Leben der Menschen zu erleichtern – das ist mein Mosaiksteinchen in einem großen Bild aus vielen bunten Steinchen. Vielleicht bin ich das, was ein großes Bild komplett macht. Aber ein ganz kleines Steinchen nur“, wird sie zitiert.

Sehr unterschiedlich und individuell sind Flitners Porträts, die das Nachdenken über Lebenswerke und Entwürfe illustrieren. Die Herangehensweise ist sehr unterschiedlich, mal mit Zurückhaltung, mal als eine Umarmung an das Leben. So steht die Geigerin Anne-Sophie Mutter mit ausgebreiteten Armen in einem Konzerthaus und die Theologin Margot Käßmann, elf Jahre Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, steht aufrecht am Bug eines Fischkutters, um sie herum Wellengang – symbolgeladen. Schriftsteller Günter Grass verzichtete auf die gewohnte Pose im Arbeitszimmer und ließ sich in seinem Skulpturengarten fotografieren. Grass sitzt inmitten der Kunst, innehaltend und seltsam ernst, ohne Pfeife, ohne Blickkontakt, auf einem Baumstumpf. In die Natur zog es auch den Schauspieler Dieter Mann. In einem trockenen Kiefernwald hat er die Krawatte gelöst und sein Jackett an einen Baum gehängt, als wäre er mit etwas fertig.

Ein Segelflieger vor zart-bewölktem Himmel - „Er hatte Sorge, er würde da runterfallen“

Egon Bahr, der vor drei Jahren verstorbene SPD-Politiker, ließ sich in seinem Büro fotografieren, wo er zu einem Wandbild von Willy Brandt aufschaut – zwei Vermächtnisse in einem Bild. Der Astronaut Ulf Merbold verzichtet ganz auf seine Person, sein Bild zeigt einen Segelflieger vor zart-bewölktem Himmel. Einen Himmel gibt es auch bei Wim Wenders. Der Regisseur von „Der Himmel über Berlin“ steht, nur als Schattenriss erkennbar, unter der tiefblauen Kuppel des Berliner Planetariums. Er steht auf einer Leiter, als wollte er nach jenem „Himmel über Berlin“ greifen.

„Er hatte Sorge, er würde da runterfallen“, sagt Susanne Anger über die Dreharbeiten. Aber alles ging gut. Die kleinen Geschichten zu den Fototerminen, die über den Audioguide zu hören sind, verdeutlichen, wie entspannt die Protagonisten bei der Sache waren. Wie sie konkret ihren Nachlass regeln und zu wessen Gunsten, das erzählt die Ausstellung nicht. Aber sie will ermutigen, sich mit dem Thema zu befassen. Der Erfolg sei allerdings schwerlich messbar, sagt Susanne Anger von der Initiative. „Wir möchten aufklären und beraten gerne zum Thema Erbe und Testament.“

Die Ausstellung in der Nikolaikirche wird am heutigen Mittwoch um 18 Uhr eröffnet und ist bis zum 15. Juli während der Kirchenöffnungszeiten täglich von 10 bis 21 Uhr, Sonntag ab 11.30 Uhr, zu sehen. Dazu sind ein Bildband von Bettina Flitner und ein Hörbuch erhältlich.

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