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  • 04.06.2018
  • von Andrea Lütkewitz

Geschichte: Von Potsdam in den Gulag

von Andrea Lütkewitz

Erinnerung weitergeben. Sie alle waren im Gulag in Workuta und trafen sich nun in der Gedenkstätte Lindenstraße. Heini Fritsche (3.v.r.) war hier damals inhaftiert. Frieder Wirth (2.v.l.) wurde im ehemaligen KGB-Gefängnis Leistikowstraße verurteilt. Foto: Manfred Thomas

In der Gedenkstätte Lindenstraße trafen sich ehemalige Inhaftierte. Sie wollen ihre Geschichte teilen.

Innenstadt - Es ist eine besondere Gruppe, die am Samstag die Ausstellung „Kunst aus dem Gulag“ in der Gedenkstätte Lindenstraße besucht. Alle, die ihr angehören, teilen das Schicksal des Künstlers Solomon Gerschow, dessen Zeichnungen zu sehen sind: Sie waren jahrelang in Haft in Workuta, einem der größten Lagerkomplexe des Gulags im heutigen Nordwestrussland.

Gulag, das ist die Abkürzung für „Glawnoje Uprawlenije Lagerej“, zu Deutsch „Hauptverwaltung der Lager“. Der Begriff steht für die zahlreichen Arbeitslager in der Sowjetunion, in denen bis Mitte der 1950er-Jahre Millionen Menschen inhaftiert waren und Zwangsarbeit verrichten mussten. Nach Workuta kamen nach 1945 gleich mehrere Zehntausend Deutsche – in der Forschung wird aktuell von etwa 35 000 ausgegangen. Sie wurden in der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR von Sowjetischen Militärtribunalen in Schnellverfahren und ohne juristischen Beistand zu hohen Strafen oder sogar zum Tode verurteilt. Auch die Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam war in den 1950er-Jahren ein Ort, von dem aus Menschen in den Gulag geschickt wurden.

„Ich wollte nicht irgendwann auf Arbeiter schießen müssen.“ 

Heini Fritsche ist einer von diesen Menschen. Mit 14 weiteren ehemaligen Workuta-Lagerinsassen aus dem gesamten Bundesgebiet ist er am Wochenende nach Potsdam gekommen. Einmal im Jahr findet ein Treffen statt, zum Austausch von Erinnerungen, zum Besuch von Orten, die eine historische Rolle spielen. Aufmerksam blickt sich der 88-Jährige in den Räumen der Ausstellung in der Gedenkstätte Lindenstraße um und sagt: „Diesen Teil des Gefängnisses habe ich damals nicht zu sehen bekommen.“ Mit einem Fingerzeig aus dem Fenster erklärt er: „Ich war in Zelle 22 im ersten Stock inhaftiert.“ Von 1951 bis 1952 sei das gewesen, und neben seiner Zelle habe er nur noch ein weiteres Zimmer kennengelernt: Das, in dem er zu 25 Jahren Gulag verurteilt worden sei.

Als junger Mann habe er einer Widerstandsgruppe innerhalb der Volkspolizei der DDR angehört. Seine Beweggründe unter anderem: die erneute militärische Aufrüstung, die nach 1949 mit der Bewaffnung und ab 1952 mit der Kasernierung der Volkspolizei begann. Und: „Ich wollte nicht irgendwann auf Arbeiter schießen müssen.“ Denn die Polizei sei auch auf hartes Durchgreifen gegen die eigene Bevölkerung im Falle von Aufständen vorbereitet worden.

Zum Tode verurteilt

Solche Erinnerungen weiterzugeben, vor allem an junge Menschen in Schulen, auch das ist der Gruppe, die sich „Lagergemeinschaft Workuta/Gulag Sowjetunion“ nennt, ein Anliegen. „Das Schicksal der Deutschen, die im Gulag leiden mussten, ist auch heute noch vielen nicht bekannt“, sagt Stefan Krikowski, Vorstand der Lagergemeinschaft. Sei etwa die Rede von den 10 000 Kriegsgefangenen, deren Freilassung aus der Sowjetunion der erste Bundeskanzler der BRD Konrad Adenauer 1955 erwirkte, werde fast nie erwähnt: Etwa 3000 von ihnen waren gar keine Kriegsgefangenen, sondern politische Häftlinge im Gulag, einst verurteilt in Ostdeutschland. Ein Umstand, dessen Erläuterung Betroffenen sehr wichtig sei, so Krikowski.

So erklärt sich auch, dass eine Schulklasse aus Potsdam dabei ist, als vor dem Gedenkstättenbesuch ein Podiumsgespräch mit vier Zeitzeugen im Hotel Mercure stattfindet. Vor den Schülern sitzt unter anderem Frieder Wirth. Er wurde wie Heini Fritsche in Potsdam verurteilt, allerdings im damaligen KGB-Gefängnis Leistikowstraße. Er sei allein aufgrund einer privat geäußerten Kritik am System der DDR im Jahr 1952 verhaftet und sogar zum Tode verurteilt worden, erzählt Wirth.

Die Erinnerungen dürfen nicht vergessen werden

Der Vorwurf: „Zugehörigkeit zu einer feindlichen Gruppe“, die es aber so nie gegeben habe. Sechs weitere Menschen – vermeintliche Gruppenmitglieder – werden mit ihm zusammen angeklagt, drei davon ebenfalls zum Tode, drei zu 25 Jahren Lagerhaft. „In meiner Verzweiflung habe ich einen Brief geschrieben, in dem ich meine Reue bekundet habe“, erzählt er. Und tatsächlich: Er wurde begnadigt und kam statt der Todesstrafe nach Workuta in den Gulag. Lange habe er gedacht, dass der Brief der Grund für seine Begnadigung gewesen sein könnte. Doch dann habe er nach der Wende Briefe der anderen zum Tode Verurteilten gelesen, die 1952 in Moskau hingerichtet wurden – sie waren genauso geschrieben wie sein Brief. Das habe ihn sehr getroffen.

Wirth und die anderen Gulag-Überlebenden teilen solche Erinnerungen, wie sie im Gespräch immer wieder deutlich machen, um jungen Menschen unter anderem zu vermitteln: Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand frei und ohne negative Konsequenzen seine politische Meinung vertreten kann. Für diese Erkenntnisvermittlung nehmen einige von ihnen auch viele Kilometer Fahrt zu einem Treffen in Kauf. „Es ist ja vielleicht auch unsere letzte Zusammenkunft“, sagt Frieder Wirth am Ende des Podiumsgespräches.

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Sonderausstellung „Kunst aus dem Gulag. Solomon Gerschow, Workuta 1948–56“, noch bis 30. Juni, Gedenkstätte Lindenstraße

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