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  • 16.04.2018
  • von Sarah Stoffers

Potsdam: Gegen den Zwang

von Sarah Stoffers

Freies Lernen. Angela Schickhoff tritt für das Lernen ohne Zwang ein. Foto: A. Klaer

Angela Schickhoff will einen Ort für freie Bildung schaffen Ihre Kinder sind Freilerner, die nicht zur Schule gehen – bislang jedenfalls

Kritik am Schulsystem gibt es von vielen Seiten. Den einen ist das Niveau des Abiturs zu niedrig, andere meinen, dass den Kindern zu früh zu viel Leistung abverlangt wird. Ebenso gibt es leidenschaftlicher Fürsprecher und Gegner der unterschiedlichen pädagogischen Konzepte, Ausrichtungen und Philosophien.

Eine, die aktiv Bildung mitbestimmen und mitgestalten will, ist Angela Schickhoff. Die 47-jährige Potsdamerin möchte eine Anlaufstelle rund um selbstbestimmte Bildung in der Stadt schaffen. Zurzeit sucht sie einen Raum, Mithelfer und Sponsoren, vor Kurzem hat sie dazu eine Spendenaktion gestartet. Ein festes Konzept für ihre Anlaufstelle gibt es nicht. Schickhoff stellt sich vor, dass jeder, der möchte Kurse, Workshops, Vorträge und Ausflüge anbieten und vorschlagen kann. Alles soll freiwillig und für jeden offen sein. „Manch Jugendlicher hat so interessante, spannende Hobbys, dass auch Erwachsene noch etwas lernen können.“ Orte für freie, selbstbestimmte Bildung gebe es in Potsdam bislang viel zu wenige. Ihr falle da vor allem der Treffpunkt Freizeit ein.

Angela Schickhoff, ihr Mann Kristian und ihre gemeinsamen vier Kinder sind sogenannte Freilerner. Statt in der Schule nach vorgegebenen, starren Lehrplänen lernen die Kinder frei und selbstbestimmt. Was, wann und wie lange – das bestimmen sie selbst. Seit etwa zwei Jahren gehen die vier Kinder nicht mehr in eine Schule. Schickhoff und ihr Mann haben beide das Abitur an Schulen absolviert, später an Universitäten studiert. „Wir haben das gemacht, weil man es halt so macht“, sagt sie.

Vor einigen Jahren habe sie Freilerner kennengelernt. „Ich sagte ihnen, dass ich das gut finden, es selber aber nie so machen würde“, so Schickhoff. Sie habe Angst vor möglichen Konsequenzen gehabt. Die Gründe, warum ihre Familie vor zwei Jahren den Entschluss traf, ihre Kinder selbst entscheiden zu lassen, ob sie zur Schule gehen wollen, seien vielfältig gewesen, so Schickhoff.

Ein wichtiger Punkt sei, dass sie und ihre Familie das derzeitige Schulsystem für undemokratisch hielten, weil die Kinder und Jugendlichen nicht mitwirken und mitbestimmen dürften. „Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch prinzipiell lernen möchte. Ich denke aber, dass man nicht erzwingen darf, was er wie, wo und wann lernt.“ Durch den Zwang, vieles zu lernen, das einen gar nicht interessiere, käme es zu sogenanntem Bulimie-Lernen: Nach den Tests sei das Wissen schnell wieder vergessen. Schickhoff fordert Mut zur Lücke. Der Mensch lerne vieles, vor allem die Dinge, die ihn interessieren, von ganz alleine. „Vielleicht lernen Freilerner auf den ersten Blick weniger, dafür aber wesentlich gezielter.“ Sorgen, ob ihre Kinder ihren Weg gehen werden, macht sich Schickhoff nicht. Ihre älteste Tochter Annemarie bereitet sich zum Beispiel gerade selbstständig auf das externe Abitur vor. Später möchte sie studieren, vielleicht Physik. Auch die drei anderen Kinder lernten gerne selbstständig Neues.

Da in Deutschland die Schulpflicht gilt, sind sofort die Ämter da, wenn Kinder nicht in die Schule gehen. Die Familie hat sich selbst dem Jugendamt gemeldet. Sie hat mehrere Verfahren hinter sich, das Schulamt hat Zwangsgelder angeordnet. Das sei belastend, sagt Schickhoff. Entschieden ist noch nichts. Doch an ihrer Überzeugung ändere die Lage nichts. Sie betont, dass die Kinder jederzeit zur Schule gehen können – wenn sie selber es wollen. Ob sie dabei bleiben können, werden wohl Gerichte entscheiden.

Natürlich sei auch für das Lernen außerhalb der Schule Input von außen nötig. Das sei auch ein Grund für sie, in der Stadt den Ort für selbstbestimmte Bildung zu schaffen. So könnten sich Menschen mit vielfältigen Interessen gegenseitig bereichern und Neugierde für neue Themen wecken. Dabei denkt sie gerade an Kinder und Jugendliche, die frustriert sind und die von sich glauben, nichts richtig zu können. „Ich möchte solche junge Menschen dabei unterstützen, herauszufinden, was sie vielleicht besonders interessiert, dass sie ihre Talente und Leidenschaften entdecken.“ Eine Art Jugendhilfe, die die Eigeninitiative fördern soll. Sarah Stoffers

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