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  • 13.03.2018
  • von Stefanie Schuster

Potsdam: Reim aufs Leben

von Stefanie Schuster

Geschichten erzählen. Bei „Schickes Altern“ werden Senioren für einen Poetry Slam fit gemacht. Zuerst geht es um literarisches Schreiben, später um den Vortrag auf der Bühne. Foto: S. Schuster

Bei „Schickes Altern“ lernen acht Senioren die Kunst des Poetry Slams – im Juni wollen sie gemeinsam auftreten.

Potsdam - Die Regeln sind einfach: Maximal fünf Minuten darf der Vortrag beim Poetry Slam dauern, nur selbst geschriebene Geschichten sind erlaubt, keine Hilfsmittel und auch kein durchgehender Gesang. „Aha, also keine Opern“, scherzt halblaut eine drahtige ältere Dame im knallroten Pullover in der Runde mit Gleichgesinnten in den Räumen von „Schickes Altern“ in der Charlottenstraße. Theaterpädagogin Veronika Zimmer lächelt: „Auch keine Operetten“, sagt sie: „Man kann die Geschichte ablesen, muss aber nicht.“ Die älteren und alten Herrschaften, allesamt schon seit längerem im Rentenalter, nicken interessiert.

Poetry Slam, das verbindet man eigentlich eher mit dem dichterischen Nachwuchs. Mit jungen Talenten und Wortspielern, die abseits des etablierten Literaturbetriebs in Clubs mit offener Bühne gegeneinander antreten und die damit die nächste Generation für Poesie begeistern. Entstanden in den 1980er Jahren in den USA verbreitete sich die Idee schnell – und ist mittlerweile auch in Deutschland populär. Es gibt nicht nur Poetry Slams, sondern auch Science Slams, Philosophy Slams oder Comedy Slams.

Und es gibt die acht Senioren bei „Schickes Altern“, die sich an diesem Freitag bei ausgesprochen heiterer Stimmung, Kaffee, Tee, Pfefferminzwasser und Keksen auf das Format einlassen. Theaterpädagogin Veronika Zimmer leitet sie im Schreiben von literarischen Texten an. Die Ergebnisse sollen im Juni am Hans Otto Theater (HOT) vorgetragen werden – denn von dort kommt die Idee für das Projekt.

Wer genau zuerst darauf kam, dass man diese Form der Literatur-Vermittlung auch einmal betagten Autoren näherbringen sollte, kann heute niemand mehr sagen. War es Zimmer, die regelmäßig als Selbständige Projekte am HOT stemmt? Oder die Kulturwissenschaftsstudentin Pia Kröger, die nun als Expertin fürs Slammen mit am Tisch sitzt, aber im vergangenen Jahr noch im Freiwilligen Sozialen Jahr am Theater Dienst tat und dabei auch Jugendlichen die Grundlagen des Poetry Slam zeigte? Oder HOT-Theaterpädagogin Manuela Gerlach, die fand, es könnten auch mal die reiferen Jahrgänge einen Reim auf ihr Leben machen – und den dann vortragen? Sehr bald saßen jedenfalls die rührige Gerontologin Gisela Gehrmann, Gründerin von „Schickes Altern“, und die Kunsthistorikerin Ute Meesmann mit im Boot. Meesmann ist im Potsdam Museum zuständig für die Führungen – und vor allem das Zeitzeugen-Programm. „Ich habe schon oft gedacht, dass man die Zeitzeugen noch mehr ermuntern müsste, ihre Erinnerungen festzuhalten,“ sagte Meesmann. In ihrem „Salon der Silver Ager“ höre sie ständig hochspannende Geschichten.

Nun sitzen also sieben Frauen und ein Mann beisammen und mühen sich, den kreativen Flow in Gang zu bringen. Die erste Übung könnte nicht breiter gefasst sein: „Schreiben Sie eine Geschichte, in der mehrere Figuren auftauchen, die eine Handlung, einen Anfang und ein Ende hat,“ ordnet Veronika Zimmer an. Schöne neue Schulschreibhefte hat sie ausgeteilt, jedes bekommt ein Namensschild. In dem Moment, in dem sie „Bitte!“ sagt, beugen sich alle sofort darüber und beginnen zu schreiben. „Erstaunlich“, sagt Veronika Zimmermann später. „Sie wussten ja alle schon, worüber sie schreiben wollten!“

Eine Viertelstunde lang hört man nur das Kratzen der Kugelschreiber auf Papier, fünf Minuten Verlängerung – und dann wird vorgetragen. „Wer beginnt?“ fragt Veronika Zimmermann. Niemand meldet sich, aber die Frauen einigen sich schnell: „Der Mann fängt an!“ Frank Spade lächelt. „Ich bin hier der bunte Hund,“ sagt er amüsiert. Dabei stimmt das – weil er als Schauspielerkind schon in der halben Welt gewohnt hat und sein halbes Leben damit verbrachte, Dinge als Erster zu tun: einen Montessori-Kindergarten im amerikanischen Houston zu leiten etwa, oder Patientenverfügungen zu entwickeln.

Nun liest Spade jedenfalls, in norddeutschem Tonfall. Es geht um die Essener Tafel. Sachter Applaus. Dann ist die nächste Teilnehmerin dran. Ihre Geschichte dreht sich um einen entlaufenen Hund, den die Besitzerin nur wieder einfangen kann, indem sie frühmorgens ein ungeplantes Bad nimmt – unter freundlicher Anteilnahme der anderen Frühaufsteher. Die nächste Geschichte dreht sich um eine wieder aufgetauchte Schwester, die mit ihrem Kompliment mindestens einen ganzen Tag rettet; die Autorin ist Russin, die auf Deutsch schreibt. Eine andere Story erzählt von einem Schutzengel, der Schlimmstes verhütet hat. Eine weitere berichtet von dem neuen Brüderchen, das heute wohl auch schon Mitte sechzig sein muss.

Gerade daraus kann sehr gut etwas werden, lobt Veronika Zimmer. Die erste Transformation in ein anderes Genre – ein Märchen – sei schon sehr gut gelungen. Jetzt müsse man sehen – und arbeiten. 18 Sitzungen haben Pia Kröger und Veronika Zimmer geplant. Der Weg zum Wettbewerb braucht Ausdauer, Übung und Durchhaltewillen. Doch ehrgeizig sind die beiden Kursleiterinnen erst mal lieber nicht: „Wir werden sehen, ob es überhaupt einen Wettbewerb geben wird – das entscheiden wir später.“

Aber zu Optimismus bestehe schon Anlass, sagt Gisela Gehrmann: „Wir hätten nicht gedacht, dass sich so viele Leute anmelden.“ Insgesamt 17 Senioren wollten mitmachen, in zwei Gruppen sollten sie das Slammen lernen. Doch zum Treffen der zweiten Gruppe ist am Nachmittag nur ein alter Herr gekommen. „Die anderen Teilnehmerinnen haben sich krank gemeldet“, bedauert Meesmann. Doch auch der Neue, der 73-jährige Peter Hampe, will wiederkommen. „Ich war dabei, als auf dem Maidan in der Ukraine die Revolution ausbrach“, sagt er. Hampe ist literarisch kein Neuanfänger: seinen Lebensbericht hat er im Buch „Die DDR – mein Absurdistan“ veröffentlicht. Nun suche er noch nach einer geeigneten Form, um über die Revolution zu berichten. Man darf also gespannt sein, was kommt.

Ob als Wettbewerb oder nicht: Die fertigen Geschichten der angehenden Poetry-Slammer sollen mindestens zwei Mal zu hören sein – am 10. Juni 2018 um 16 Uhr im Hans Otto Theater und am 24. Juni 2018 um 16 Uhr im Potsdam Museum.

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