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  • 04.12.2017
  • von Alexander Fröhlich

Oberlinhaus: Neue Turbulenzen: Der nächste geht

von Alexander Fröhlich

Weitere Abgänge. Nach dem Geschäftsführer der Oberlinklinik geht jetzt auch der Ärztliche Leiter der renommierten Einrichtung, der maßgeblich zu ihrem Ruf beigetragen hat. Auch die mit dem OP-Neubau beauftragten Projektleiter haben gekündigt. Foto: Sebastian Gabsch

Das traditionsreiche Sozialunternehmen verliert nach Martin Vogel weitere Führungskräfte, darunter den Ärztlichen Leiter der Oberlinklinik. Was dahinter steckt.

Potsdam - Das traditionsreiche Oberlinhaus kommt nicht zur Ruhe. Im Schatten des Rückzugs von Martin Vogel als Aufsichtsratschef des Oberlinhauses gibt es bei der diakonischen Unternehmensgruppe weitere Verluste. Namhafte Mitarbeiter kehren dem Sozialkonzern den Rücken – auch wegen der Erschütterungen der vergangenen Monate infolge des von den Vorständen des Muttervereins, Matthias Fichtmüller und Andreas Koch, vorangetriebenen Strukturumbaus.

Nach PNN-Informationen will der Ärztliche Leiter der renommierten Oberlinklinik, Axel Reinhardt, gehen. Ein herber Verlust: Er ist Chefarzt der Abteilung Wirbelsäulen- und Beckenchirurgie und hat maßgeblich zum Ruf der Klinik beigetragen. Ein Unternehmenssprecher bestätigte auf Anfrage, dass Reinhardt um Vertragsauflösung gebeten habe. Zu den Gründen äußerte sich der Sprecher nicht.

Der zweite Chef, der geht

Reinhardt ist damit schon der zweite Chef der Oberlinklinik, der binnen kurzer Zeit geht. Ende August war der Geschäftsführer der Oberlinklinik, Michael Hücker, auf außerordentlichen Beschluss der Vorstände mit sofortiger Wirkung abberufen worden. Der Vorgang sorgte für massive Kritik und Unruhe bei den Mitarbeitern. Erst Wochen später erklärten die Vorstände, Hücker habe „die strukturellen Veränderungen im Oberlinhaus nicht mittragen“ können.

Zudem verlassen zwei weitere führende Mitarbeiter das Oberlinhaus. Die beiden mit dem zentralen Neubauvorhaben betrauten Projektleiter haben gekündigt. Entsprechende PNN-Informationen bestätigte der Unternehmenssprecher. Zu den Gründen konnte er nichts sagen. Von fehlenden Perspektiven im Oberlinhaus ist in der Belegschaft die Rede. Die beiden Bauexperten sollen sich bereits neue Jobs gesucht haben. Zuständig waren sie für die größte Baustelle der Oberlinklinik: der Neubau für zwei neue Operationssäle. 2018 soll er fertig sein. 7,2 Millionen Euro kosten Neubau und Sanierung der alten OP-Säle.

Vogel und Platzeck sind gegangen

In dieser angespannten Lage hat Vogel aus familiären Gründen – wegen der Erkrankung seiner Frau – seinen Rückzug erklärt. Zuvor hatte bereits Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) aus persönlichen Gründen sein Aufsichtsratsmandat niedergelegt. Vogel ist hauptberuflich Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei den Ländern Berlin und Brandenburg, saß seit Mitte 2013 im Aufsichtsrat des Vereins Oberlinhaus, seit Juni 2016 als Vorsitzender. Nun sagte der 49-Jährige: Die ehrenamtliche Arbeit als Aufsichtsratschef in einem großen diakonischen Unternehmen sei zeit- und kraftaufwändig, das könne er nicht mehr leisten.

Der Aufsichtsrat musste zuletzt wegen des Unternehmensumbaus immer stärker eingreifen. Mitte Oktober, nachdem die PNN über die verunsicherte Belegschaft und den Rauswurf von Klinikchef Hücker berichtet hatten, sah sich der Aufsichtsratschef zu einer Erklärung gezwungen: Bei der Neuausrichtung habe es „Fehler und Versäumnisse“ gegeben. Defizite seien „kritisch ausgewertet“ worden, man wolle „verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen“.

Mitarbeiter sind verunsichert

Ob das gelingt? Nicht wenige Mitarbeiter haben Zweifel. Sie werten den Rückzug des Chefarztes und der Projektleiter als Zeichen, dass dem nicht so ist. Nach unbestätigten Angaben soll vor wenigen Monaten bereits eine leitende Controllerin, die an zentraler Stelle für die Finanzsteuerung zuständig war, gegangen sein. Und nicht wenige erinnern sich an Aussagen des Vorstandes bei Mitarbeiterversammlungen: Wer den Umbaukurs nicht mittrage, könne gern gehen.

Das Oberlinhaus ist mit seinen 1800 Mitarbeitern und 13 Tochtergesellschaften der drittgrößte Arbeitgeber der Stadt. Die Vorstände Fichtmüller und Koch begründen den Umbau mit Wettbewerbsdruck und Wachstumskurs. Sie haben die Führungsstrukturen gestrafft, sie sind nun in allen Oberlin-Gesellschaften Co-Geschäftsführer. Doch Teile der Belegschaft fühlen sich nicht mitgenommen.

Ein Beispiel: Wenige Tage nach den PNN-Berichten vom Oktober hing am schwarzen Brett in der Oberlinzentrale eine Erklärung der Mitarbeitervertretungen und Betriebsräte von vier Oberlin- Tochterunternehmen: Oberlinklinik, Berufsbildungswerk, Lebenswelten und Reha-Klinik Bad Belzig. Darin hieß es: „Mit großer Besorgnis müssen wir aktuell auch aus den Medien beobachten, dass unsere Informations- und Beratungsrechte von Seiten des Vereins Oberlinhaus nicht ausreichend gewahrt wurden und werden.“ Über grundlegende Veränderungen, die neue Rolle von Fichtmüller und Koch als Co-Chefs in Tochterfirmen, neue Strukturen des Vereins, seien sie lediglich per E-Mail oder im Intranet informiert worden. Aber „tiefer gehende Informationen“ zu Hintergründen hätten die vier Mitarbeitervertretungen und Betriebsräte nicht erhalten. Weil sie nicht, unzureichend oder nicht rechtzeitig informiert worden seien, könnten sie „aufkommende Fragen einer verunsicherten Mitarbeiterschaft“ nicht beantworten.

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