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Themenschwerpunkt:

Stadtentwicklung

  • 11.10.2017
  • von Valerie Barsig

Diskussion über Potsdams Mitte: Mitte muss „schön und gerecht“ sein

von Valerie Barsig

Diskussionsbereit. Potsdams Baubeigeordneter Bernd Rubelt (parteilos) warb am Montag für eine offene Diskussion für die Plantage – die sich aber an Vorgaben des Leitbautenkonzepts und städtewirtschaftlichen Prämissen orientieren müsse. Foto: Ronny Budweth

Baudezernent Bernd Rubelt will verhärtete Fronten im Streit um das historische Stadtzentrum aufbrechen. Die Diskussionsrunde der Naumann-Stiftung und der PNN zeigt, wie groß der Gesprächsbedarf zu diesem Thema ist.

Potsdams neuer Baubeigeordnter Bernd Rubelt (parteilos) setzt erste neue Akzente im seit Jahrzehnten diskutierten und umstrittenen Wiederaufbau der Potsdamer Mitte. Die Mitte müsse „schön und gerecht“ sein, sagte Rubelt am Montagabend beim „Potsdamer Stadtgespräch“, das die Friedrich-Naumann-Stiftung in Kooperation mit den Potsdamer Neuesten Nachrichten veranstaltete. Mehr als 120 Menschen waren dazu in die 17. Etage des Hotel Mercure gekommen.

Der Baubeigeordnete skizzierte seine Politik in einem Impulsvortrag. Er wies darin den Vorwurf zurück, Potsdam würde sich „barockisieren“. Es gehe darum, einen architektonischen Ausgleich zu schaffen. Die Potsdamer Mitte sei „stilprägend“, sie gebe den Ausschlag für die Entwicklung der Stadt auch an allen anderen Orten: „Architektur ist eine Sprache, die jeder verstehen kann.“ Die Mitte solle „ein besonderer Ort für alle sein“, das werde nur gelingen, wenn der Umgang mit den Brüchen dort gelinge. Städtebau heiße, „soziale Brücken zu bauen“, so Rubelt. Er solle und dürfe nicht nur als Waffe eingesetzt werden, dafür Anderes zu verhindern oder Bestehendes zu zerstören. „Das Trennende wird in Potsdam bislang sehr betont“, so Rubelt.

Bündnis "Mitteschön" hat für die Künstler im Rechenzentrum einen Plan

Sein Fokus richtet sich weniger auf den Part der Potsdamer Mitte, für den alles entschieden ist – also das Areal rund um den Alten Markt mit FH und Staudenhof. Für diesen Bereich sehe er nur sehr geringe Möglichkeiten, noch etwas zu verändern. Dafür stehe mit dem Gebiet rund um Garnisonkirche, Plantage und Langem Stall „noch große Arbeit vor uns“, so der Beigeordnete. „Wir brauchen einen Prozess, der die Mitte gangbar für alle macht.“ Dabei signalisierte er eine offene Debatte: „Wir sollten uns erlauben, nochmal den Tisch freizumachen für Diskussion.“

Gleichzeitig erteilte er der Bürgerinitiative „Mitteschön“ eine Absage. Das Bündnis möchte den Langen Stall neu aufbauen und dort Platz für die Künstler des Rechenzentrums schaffen. Die Engagierten haben bereits Pläne erstellt. Rubelt warnte jedoch davor, das Areal zu sehr vorzudefinieren. Ein Dialog brauche Zeit, um eine gemeinsame Grundlage zu schaffen. „Und der Lange Stall ist ein sehr sensibles Thema.“ Bauen habe auch seinen Preis und dazu gehörten stadtwirtschaftliche Prämissen, die man einhalten müsse. Dennoch: Die Diskussion müsse „sehr offen“ geführt werden, sagte der Baudezernent.

Freiräume in Potsdam: Sozialen Anspruch mit Gestaltung verbinden

Rubelts Aussagen wurden vor allem Vertretern der Initiativen „Potsdamer Mitte neu denken“ und „Stadtmitte für alle“ aufmerksam verfolgt. Schließlich geht es für sie längst nicht mehr nur um die vor dem Abriss stehende ehemalige Fachhochschule am Alten Markt, sondern auch um das Rechenzentrum, das bis 2023 stehen soll – und dann dem Kirchenschiff der wiederzuerrichtenden Garnisonkirche Platz machen muss.

Rubelt griff auch die vieldiskutierte Frage der Freiräume in der Stadt auf. „Wir müssen einen Lösungsweg finden, der sozialen Anspruch und Gestaltung verbinden kann.“ Gleichzeitig dürfe man sich keine Illusionen machen, müsse sich eingestehen, dass es viele Meinungsverschiedenheiten gebe. „Der Prozess ist aber Teil der Lösung.“

Doch es kamen bei diesem „Potsdamer Stadtgespräch“ nicht nur auf dem Podium Gäste zu Wort. Barbara Kuster und Lutz Schirmer von der Bürgerinitiative Mitteschön, Wolfram Meyerhöfer, der die Fraktion Die Andere als sachkundiger Einwohner im Finanzausschuss vertritt, Steffen Pfrogner von der Initiative „Potsdamer Mitte neu denken“ sowie der FDP-Stadtverordnete Johannes Baron von der Osten-Sacken waren die von der FDP-nahen Naumann-Stiftung geladenen Diskussionsteilnehmer.

Spannende Diskussionen um Potsdams Mitte: Keine Diktatur der Rechten Winkel

Das Publikum konnte bei ihnen in vier Gruppen an Arbeitsgruppen teilnehmen, die in einer Abschlussrunde ausgewertet wurden. Das Konzept war erfrischend, denn das Publikum blickte über den eigenen Tellerrand. „Ich gehe natürlich in die Gruppe, die nicht meine Meinung vertritt“, hieß es oft. Die Diskussionen in den Kleingruppen verliefen weitgehend sachlich – trotz des so emotionalen Themas.

Ganz um die Fachhoschule und ihren Abriss herum kam die Veranstaltung natürlich nicht. So griff Steffen Pfrogner in seiner Gruppe die Forderungen des Bündnisses „Stadtmitte für alle“ auf, keinen „Ausverkauf der Potsdamer Mitte“ vorzunehmen. Der Umgang mit Bausubstanz wie FH und Staudenhof wurde infrage gestellt. Bei „Mitteschön“ ging es entsprechend um die Häuser, die auf dem Areal der FH stehen sollen, nachdem diese bis kommenden Herbst abgerissen sein soll. Denn außer bei den definierten Leitbauten macht sich die Bürgerinitiative Sorgen um deren Äußeres und Gestalt. Man wolle keine Diktatur der rechten Winkel, sondern gute moderne Architektur. „Nicht so wie bei der IHK, dem Bahnhof oder dem Stadtbad blu“, sagte „Mitteschön“-Sprecherin Barbara Kuster. Bei diesen Bauten immerhin seien sich die Potsdamer ja einig: „Alle finden sie hässlich.“

Hochhaus statt Garnisonkirche und Abriss des Landtagsschlosses?

In den Arbeitsgruppen von Johannes Baron von der Osten-Sacken und Wolfram Meyerhöfer dagegen wurde es genereller: Was ist schön? Darf man Architektur nach Ideologie beurteilen?, waren bei ihnen die Leitfragen. Dabei vertrat wohl Wolfram Meyerhöfer die radikalste Position des Abends: Ein Hochhaus als Tagungszentrum statt der Garnisonkirche und den Abriss des Landtagsschlosses stellte er als Thesen in den Raum – und stieß auf wenig Begeisterung.

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Kommentar: Menschen sehen, wie Spuren ihres bisherigen Lebens dem Erdboden gleichgemacht werden – und eine Folgegeneration wehrt sich gegen diesen Verlust von Identität. Potsdams Baudezernent Bernd Rubelt will die Wogen glätten. Das ist gut so, meint PNN-Chefredakteurin Sabine Schicketanz in ihrem Kommentar.

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