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  • 06.10.2017
  • von Roberto Jurkschat und Sandra Calvez
Update

Eine Menge Holz: Sturmschäden in Potsdam: Wie "Xavier" im Welterbe tobte

von Roberto Jurkschat und Sandra Calvez

Foto: R. Hirschberger/dpa

Nach dem Sturm sind in Potsdam noch längst nicht alle Schäden behoben. Vor allem die Schadensbilanz der Schlösserstiftung für die Welterbe-Parks in Potsdam fällt finster aus.

Potsdam - Nach dem schweren Sturm über Potsdam und Brandenburg sind die Feuerwehren noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Die Potsdamer Berufsfeuerwehr twitterte am Freitagvormittag, es seien noch 50 eingegangene Aufträge abzuarbeiten.

Zwar waren Straßen und Schienen in Potsdam und Umgebung relativ rasch geräumt, dennoch lägen an Straßenrändern noch eine Menge abgebrochener Äste und umgestürzte Bäume. Die Aufräumarbeiten würden voraussichtlich noch mehrere Tage andauern, hieß es.

Erst ab Freitagnachmittag kamen die ersten S-Bahnen der Linie 7 und der Regionalverkehr zwischen Potsdam und Berlin wieder ins Rollen, nachdem viele Menschen in der Nacht zuvor am Hauptbahnhof übernachten mussten, weil keine Züge mehr fuhren.

Sturm im Welterbe: Schlösserstiftung zieht düstere Bilanz 

Freitagvormittag war bekannt geworden, dass die Schlossparks aufgrund "erheblicher Sturmschäden" teilweise bis Mittwoch geschlossen bleiben würden. Die Stiftung der preußischen Schlösser und Gärten veröffentlichte später in einer Mitteilung eine desaströse Schadensbilanz für Potsdams Welterbe. Demnach sind allein im Park Sanssouci mehr als 70 Bäume umgestürzt. Große Gefahr gehe zudem von 140 Kronen- und Starkastausbrüchen aus, die teils bedrohlich über den Wegen hingen. Die Stiftung riet dringend davon ab, die außerhalb der Umzäunung gelegenen Parkareale des Ruinenbergs und Klausbergs zu betreten.

Leichte Schäden verzeichnete die Stiftung zudem an Gebäuden. "Südlich des Obelisktors wurde die Brüstung durch einen abgebrochenen Ast beschädigt, am Schloss Sanssouci stürzte eine Linde gegen die Kolonnade, außerdem kleine Schäden an der Dachfläche des Orangerieschlosses", sagte ein Sprecher. Das Neue Palais, die Neuen Kammern und das Schloss Sanssouci sollten aber ab Samstag, den 7. Oktober, wieder für Besucher geöffnet sein. Das Schloss Belvedere sollte zunächst geschlossen bleiben. 

Mindestens 80 umgestürzte Bäume sowie "flächendeckende Kronen- und Starkastausbrüche" meldete die Stiftung im Neuen Garten. Am Grünen Haus, dem Damenhaus, dem Braunen Haus und an der Reithalle seien kleinere Schäden entstanden. 

Im Park Babelsberg seien zwölf Altbäume samt Wurzelteller umgestürzt, 25 Bäumen riss der Orkan die Kronen ab, außerdem habe es bei 30 weiteren Bäumen so starke Ausbrüche gegeben, dass sie womöglich gefällt werden müssten.

Die Pückler-Ausstellung im Schloss Babelsberg sei geöffnet, sagte ein Sprecher der Stiftung, allerdings könne sie nur über den direkten Weg vom Parkplatz an der Allee nach Glienicke erreicht werden.

Eine Menge Holz

Die zahlreichen in Potsdam entwurzelten Bäume und heruntergefallenen Äste werden auf unterschiedliche Weise entsorgt oder weiterverwendet. Laut einer Stadtsprecherin wird das intakte Stammholz unter anderem dazu benutzt, kommunale Flächen abzusperren, auf die keine Autos fahren dürfen. Das restliche Holz werde von beauftragten Firmen „in den Rohstoffkreislauf zurückgeführt“, also zu Pellets verarbeitet oder kompostiert. 

Kaputte Wildzäune: Polizei warnt Autofahrer vor flüchtigen Tieren

Eine Entwarnung gab die Feuerwehr am Freitag noch nicht, im Gegenteil. Angebrochene Äste und im Erdreich gelockerte Bäume könnten auch an den Tagen nach dem Sturm noch brechen oder ümstürzen. Autofahrer und Passanten sollten sich zudem vor Tieren in Acht nehmen. Laut Brandenburger Polizei hat der Orkan Wildzäune beschädigt, flüchtige Tiere könnten beim Überqueren nahegelegener Straßen und Autobahnen zur Gefahr werden. In anderen Teilen Brandenburgs waren nach Angaben der Polizei Kühe und Schafe durch zerstörte Zäune aus ihren Gehegen geflüchtet. Die Brandenburger Polizei kam bereits am Freitagmorgen auf 800 wetterbedingte Einsätze, 5300 Notrufe gingen bei der Leitstelle ein. 

Die Rettungsleitstelle in Potsdam zählte bis zum Nachmittag 287 Einsätze im Potsdamer Stadtgebiet, noch immer fuhren die Kräfte der Feuerwehren von einem Einsatz zum anderen. Neben der Berufsfeuerwehr waren auch fast 150 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren im Einsatz. Bürger wurden aufgrund der vielen Feuerwehreinsätze gebeten, kleinere abgebrochene Äste selbst von Straßen und Wegen zu räumen.

Die Stadtverwaltung bedankte sich über Twitter für die Hilfsbereitschaft von Potsdamern, die bei der Beseitigung der Schäden halfen und abgebrochene Äste von den Straßen und Wegen räumten. 

Im Hauptbahnhof übernachtet

Die Geduldprobe für Bahnreisende war auch am Tag nach "Xavier" noch nicht beendet, der Bahnverkehr in vielen Teilen Brandenburgs weiter gestört: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag mussten sogar mehrere Pendler am Potsdamer Hauptbahnhof übernachten, weil sie nicht mehr nach Berlin kamen. Das meldete eine Sprecherin der Bahnhofspassagen. 

Viele Fahrgäste steckten - wie in Grunewald - in den Bahnhöfen fest, der Schienenersatzverkehr reichte bei Weitem nicht aus, um die gestrandeten Fahrgäste an ihr Ziel zu bringen. 

Bestürzung nach Todesfällen und vielen Sturmschäden in Brandenburg

Zahlreiche Landespolitiker hatten bestürzt auf die Toten in Brandenburg und im Bundesgebiet, auf die Verletzten und Schäden reagiert. „Meine Gedanken sind bei den Opfern und den Angehörigen“, erklärte Regierungschef Dietmar Woidke (SPD). „Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern und ihren Angehörigen“, sagte Oppositionsführer Ingo Senftleben (CDU). Beide dankten den Einsatzkräften und freiwilligen Helfern, die die Sturmfolgen bekämpfen.

Xavier in Berlin und Brandenburg: Einer der schlimmsten Stürme der vergangenen Jahrzehnte

Sturmtief „Xavier“ war in Berlin und Brandenburg einer der schlimmsten Stürme der vergangenen Jahrzehnte. In Berge in der Prignitz und in Holzdorf im Kreis Elbe-Elster wurden jeweils bis zu 122 Stundenkilometer gemessen, wie Meteorologin Ulrike Maiwald vom Deutschen Wetterdienst in Potsdam in einer ersten Bilanz mitteilte. In Manschnow (Märkisch-Oderland) wurde mit 119 Stundenkilometern der dritthöchste Wert in Brandenburg gemessen. Potsdam verzeichnete Böen von bis 111 Stundenkilometer. 

In Berliner Bereich wurden 118 Stundenkilometer in Schönefeld, 112 Stundenkilometer im Ortsteil Dahlem und 111 Stundenkilometer in Tegel gemessen. Damit stehe der Sturm in etwa auf einer Stufe mit „Xaver“ im Dezember 2013, mit „Emma“ im Februar/März 2008 und mit „Kyrill“ im Januar 2007, ergänzte Meteorologin Linda Noel.

Das besondere am aktuellen Sturmtief „Xavier“ sei gewesen, dass er bereits Anfang Oktober über das Land zog, als die Bäume noch viel Laub trugen, sagte Noel. Zudem war durch vorherigen Regen der Boden aufgeweicht und die Äste wurden durch das nasse Laub mehr belastet. Dadurch stürzten zahlreiche Bäumen um und Ästen fielen herunter. (mit dpa)

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